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Artikel | saldo 6/2001

Gemüseproduktion - Pulverfass im Gemüsegarten

«Herkunft: Spanien». Das Schild preist Sommergem?se mitten im Winter an. Gem?se, das teils unter fragw?rdigen Bedingungen produziert wird.

Je tiefer der Winter, desto sicherer kommen im Supermarkt die Tomaten, Zucchetti oder Gurken aus Almeria, der S?dostecke Spaniens. Vor einem Jahr sorgte diese Gegend f?r schreckliche Schlagzeilen: rassistische Hetze der Einheimischen gegen Billigarbeiter aus Nordafrika.

Zu den Zweifeln, ob es verantwortbar sei, mitten im Winter Gem?se aus 2000
Kilometer entfernten Monokulturen zu kaufen, kam die Frage, ob man sich mitschuldig mache an der Ausbeutung von Schwarzarbeitern.

Ein Jahr danach f?llt zuerst auf, wie sensibilisiert die Leute in Almeria auf das Problem reagieren. Sie f?hlen sich von den Medien in die Ecke gedr?ngt. «Wir sind keine Rassisten», heisst es.


Nur Banken werden reich in Almeria

Bei Vicasol, dem Hauptlieferanten der Migros, pr?sentiert sich alles in bester Ordnung. Die Genossenschaft, in der etwa 230 Bauern zusammengeschlossen sind, scheint schon fast ein Musterbetrieb zu sein. Blitzblank und durchrationalisiert. Der Betrieb wird von einem unabh?ngigen Unternehmen kontrolliert und muss Vorschriften ?ber ?kologie, Besch?ftigung, Sozialleistungen und L?hne einhalten.

Bauer Juan Rodriguez, einer der Vicasol-Produzenten, besitzt 9000 Quadratmeter Gew?chshaus und scheint nicht schlecht davon zu leben. Allerdings geht bei ihm wie bei fast allen Produzenten nichts ohne Bankkredite. Momentan m?ssen pro Hektar Gew?chshaus rund 400 000 Franken investiert werden – aus eigener Kraft bringt niemand so viel auf. Hinzu kommen: Saatgut, Wasser, D?ngemittel, L?hne.

Die Kosten sind in den letzten 20 Jahren rasant gestiegen, die Preise f?r Tomaten, Gurken usw. in der Schweiz hingegen praktisch gleich geblieben. Rodriguez muss zusammen mit der Familie jeden Tag in seinem Treibhaus arbeiten, gemeinsam mit zwei Marokkanern. Sie besitzen eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung und verdienen etwa 45 Franken pro Tag – den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist etwa f?nfmal mehr, als sie in Nordafrika verdienen k?nnten. «Rassismus?», sagt Landarbeiter Abdelkader, «nein, das gibt es hier nicht.» Eine Aussage, die andere Einwanderer, denen es nicht so gut geht, bestreiten.


Fast 50 Prozent sind illegale Arbeitskr?fte

So wie er suchen Tausende ihr Gl?ck. Im 35 000 Hektar grossen Anbaugebiet arbeiten rund 25 000 legale Einwanderer. Fachleute rechnen mit fast ebenso vielen Illegalen, die meisten von ihnen kommen aus Afrika. Auf den Strassen sieht man sie nicht. Wo sind sie, wenn es doch verboten ist, Schwarzarbeiter zu besch?ftigen? Treibhausbesitzerin Maravillas Torres: «Ohne sie k?nnte hier niemand arbeiten. Hohe Bussen? Wir schliessen die Treibhaust?r und hoffen, dass niemand etwas merkt.»

Noch vor 40 Jahren war die Gegend ein Armenhaus. Wer konnte, wanderte aus Almeria aus, in den Norden. Es gab nichts ausser der gl?henden Sonne. Und genau das wurde zum Reichtum: Mitten im Winter l?sst die Sonne Tomaten reifen.

Mit unsicheren Folgen f?r die Umwelt: Wasser ist ?beraus rar, die Produzenten m?ssen bereits 1500 Meter tief bohren. Noch reicht es. Jetzt bef?rchten die Leute, der Salzgehalt k?nnte durch einsickerndes Meerwasser zunehmen. Nicht nur Bauern und Immigranten ?berschreiten die Grenze der Legalit?t. Seit Jahren ist es verboten, neue Treibh?user zu bauen. Trotzdem wuchern sie weiter wie ein Krebsgeschw?r: Ganze Berge werden zers?gt, weil in der Ebene kein Platz mehr ist.


Migros: «Wir schauen genau hin»

Soll man in der Schweiz noch Tomaten aus Almeria kaufen? 5000 Konsumenten forderten die Migros schriftlich auf, in Almeria zu intervenieren. Der Grossverteiler importiert j?hrlich 11 000 Tonnen aus Almeria. Manager Johann Z?blin: «Wir nehmen dies sehr ernst und verpflichten unsere Lieferanten, dass sie die gesetzlichen Vorschriften einhalten.»

Den meisten Leuten im Anbaugebiet geht es besser als fr?her, dank der Treibh?user. Die Einwanderer wollen einfach eine sicherere Zukunft. Das Bewusstsein f?r ?kologische Fragen ist gewachsen, nicht zuletzt, weil Pestizid teuer ist und die Kontrollen h?ufiger sind. Ein Boykott w?rde in erster Linie die Falschen treffen. Aber es kann nicht schaden, dass die ?ffentlichkeit aufmerksam zusieht. Denn der winterliche Gem?segarten Europas bleibt wohl noch l?ngere Zeit ein Pulverfass.

Felix Karrer

28. März 2001


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