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Artikel | saldo 12/2001

Ein Chemie-Cocktail für die Haut

Ob Baumwolle oder Kunstfasern: Beide Textilien werden bei der Verarbeitung intensiv chemisch behandelt. saldo schickte zehn Stichproben ins Labor.

Vor allem im Sommer werden sie gerne getragen, die T-Shirts. Aber Achtung: In der bequemen Freizeitbekleidung aus Baumwolle oder Kunstfasern steckt viel Chemie. Denn in den verschiedenen Verarbeitungsprozessen von der Faser bis zum Garn, vom Stoff bis zur Konfektionierung, kommen diverse Substanzen zum Einsatz. Beim Färben etwa werden Schwermetalle verwendet. Und gewisse Azo-Farbstoffe gelten als krebserregend. Bedruckt und knitterfrei gemacht werden die Stoffe teilweise mit Kunstharzen, die Formaldehyd enthalten. Dieser Stoff reizt Schleimhäute und Haut und steht laut Umweltlexikon im Verdacht, in hohen Mengen ebenfalls krebsfördernd zu sein. Und um Oberfläche und Griff der Textilien zu verändern, sie wasserabstossend oder feuersicher zu machen, kommen weitere chemische Appreturen hinzu.

Ein wahrer Chemie-Cocktail für die Haut. saldo hat in verschiedenen Warenhäusern stichprobenartig fünf Herren- und fünf Damen-T-Shirts gekauft und beim deutschen Labor CTL in Bielefeld analysieren lassen.

Untersucht wurde der Anteil von verbotenen Azo-Farbstoffen, Formaldehyd und Pestiziden. Das Resultat: Pikanterweise enthielt gerade ein Baumwoll-T-Shirt der als hautverträglich verkauften Migros-Linie Eco am meisten Formaldehyd. Ganze 57 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) wurden im Migros-Produkt «made in India» für 8 Franken gemessen. Laut Helmut Meyer vom CTL-Labor soll mit dem Kunstharz, das bei Schwitzen Formaldehyd ausdünstet, der Stoff vor dem Einlaufen bewahrt werden.

Ein T-Shirt aus Kunstfaser von H & M brachte es auf immerhin 26 mg/kg. Und das als Baumwolle aus natürlichem Anbau verkaufte Naturaline-Produkt von Coop enthielt ebenfalls 16 mg Formaldehyd, etwa gleich viel wie das Herren-Shirt von Spengler.


Gütesiegel mit fragwürdigen Grenzwerten

Einen gesetzlichen Grenzwert gibt es in der Schweiz nicht. Immerhin liegen die gefundenen Werte unter den Richtwerten des Öko-Tex-Standard 100, einem europaweiten Gütesiegel für schadstoffgeprüfte Textilien. Dieses gibt für Kleider mit Hautkontakt einen Grenzwert von 75 mg/kg an. Aber dennoch: Überhaupt kein Formaldehyd im Stoff wäre gesünder. Denn für Babys wären die gefundenen 57 mg/kg einiges zu viel: Für sie gelten laut Öko-Tex-Standard 100 Richtlinien von 20 mg/kg. Und: Die deutsche Konsumentenzeitschrift «Öko-Test» steht indes dem Gütesiegel kritisch gegenüber: «Die Anforderungen für das Siegel sind nicht besonders hoch, sodass die ausgezeichneten Textilien nur wenig mehr Sicherheit bieten als nicht zertifizierte Kleidung.»

Denn schon auf kleine Mengen von Formaldehyd auf der Haut können sensible Menschen reagieren. «Die Dosis macht es nicht unbedingt aus. Auch bei niedrigen Werten kann es zu allergischen Reaktionen kommen», erklärt Frank Nestlé, leitender Arzt der Dermatologischen Klinik Zürich. Daher empfehlen Fachleute, neue Kleider nach dem Kauf gleich zweimal zu waschen, damit sich der Formaldehydgehalt merklich senkt.

Bei der Migros begründet man den im Eco-T-Shirt gefundenen höchsten Gehalt von 57 mg/kg so: Bei der Produktion in Indien wurde kein Formaldehyd eingesetzt. Beim Weg zum Hafen und auf dem Seetransport sei die Ware «kontaminiert» worden. Und: Die Migros verzichte auf Grenzwerte, weil «diese durch externe Einflüsse nicht haltbar sind und den Öko-Tex-Standard in den meisten Bereichen ad absurdum führen».

Anders Coop, die sich laut Pressesprecher Karl Weisskopf beim Öko-Label Naturaline selber einen Grenzwert von 20 mg/kg gegeben hat. Dass trotzdem 16 mg/kg gefunden wurden, «liege im Bereich der Verunreinigungen». H & M verweist auf die strengen finnischen Gesetze, die noch bis zu 100 mg/kg Formaldehyd erlauben. Mit 26 mg/kg liege das H- &-M-T-Shirt unter den Richtwerten des Öko-Tex-Standard 100. Ebenso argumentiert Spengler mit seinem T-Shirt mit 15 mg/kg.


Keine Spuren von Pestiziden nachgewiesen

Besser schnitten die Stichproben dagegen bei der Analyse der Pestizide in den Baumwoll-T-Shirts ab. Laut WWF werden 24 Prozent aller weltweit eingesetzten Insektizide auf Baumwollfeldern versprüht - obwohl diese nur 2,4 Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche ausmachen. Der Anteil der für saldo analysierten gängigsten 23 Einzelsubstanzen ist jedoch so gering, dass er nicht nachgewiesen werden kann.

Ganz ausgeschlossen werden kann indes nicht, dass einige Proben doch Pestizide enthalten. Denn es sei fast unmöglich, alle der im Einsatz stehenden Pestizide zu ermitteln, schränkt selbst Helmut Meyer vom untersuchenden Labor CTL ein: «Die Schädlinge werden mit der Zeit gegen die angewandten Mittel resistent. So werden immer neue Substanzen entwickelt. Wie diese sich dem Menschen gegenüber verhalten, lässt sich schlecht voraussehen.»

Bei gewissen Azo-Farbstoffen indes weiss man, dass sie Krebs auslösen können. Beim Schwitzen spalten sich Amine ab, die vom Körper aufgenommen werden und sich dort in gefährliche, krebserregende Stoffe umwandeln.


Gefährliche Farbstoffe nur in Importare

Ein striktes Verbot für diese gefährlichen Azo-Farbstoffe besteht allerdings erst in Deutschland und beim Öko-Tex-Standard 100. In der Schweiz fehlt bislang laut Jean-Pierre Haug, Leiter des Textilprüflabors Testex, eine ebenso strenge gesetzliche Regelung. So können diese verbotenen Azo-Farbstoffe gelegentlich in importierten Textilien gefunden werden, vor allem in dunklen oder intensiv leuchtenden Farben. In der saldo-Stichprobe war jedoch kein T-Shirt dabei, das diese verbotenen Azo-Farbstoffe enthielt.

Trotz Pestizidbelastungen bei Baumwollkleidern sind Textilien aus Kunstfasern nicht grundsätzlich hautverträglicher. Ein T-Shirt von H & M weist immerhin den zweithöchsten Formaldehydanteil der untersuchten Proben auf. Auch wenn Kunstfasern, die in einem chemischen Prozess aus einem Nebenprodukt des Erdöls hergestellt werden, keine Pestizide enthalten, durchlaufen auch sie die gängigen Veredelungsprozesse der Textilindustrie. Mit den gleichen Konsequenzen wie bei den Baumwollkleidern: «Auch in synthetischen Textilien können Formaldehydharze, Farbstoffe, Weichspüler sowie selten Waschmittelrückstände zu allergischen Reaktionen führen», erklärt Dermatologe Frank Nestlé. Verlässliche Zahlen, ob Chemiefasern vermehrt Allergien hervorrufen, gibt es indes nicht. Nestlé: «Wenn aber synthetische Kleidung zu eng auf der Haut getragen wird und man schwitzt, kann es zu Hitzestaus und punktuellen Hautreizungen kommen.» Ein Problem, wie es in der Techno-Szene, in der viel Künstliches getragen wird, vorkommen kann.

Melanie Herr

20. Juni 2001


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