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Remicade: Behörden warnen vor dem potenten Mittel
Vor zwei Jahren setzten Ärzte und Patienten grosse Hoffnungen in Remicade. Das Medikament hemmt Entzündungen. Doch das Fatale: Ärzte erkennen Infektionen nicht mehr. Bereits gab es Todesfälle.
Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch
Seit 15 Jahren hat Elisabeth Surbeck Polyarthritis. Vor acht Jahren verschlimmerte sich die Krankheit plötzlich stark. Ihre Gelenke schwollen an, ihre Muskeln, Blutgefässe und Nerven entzündeten sich. «Ich konnte vor Schwäche und Schmerzen kaum noch stehen oder gehen», erinnert sie sich. Die Durchblutungsstörungen, die mit der Krankheit einhergehen, nahmen ihr zeitweise fast das Sehvermögen - und die Lebenslust. «Eine so schwere Arthritis kann einem manchmal den Lebensmut rauben», sagt sie.
Das Medikament Remicade wirkte bei Elisabeth Surbeck sofort. Schwellungen und Schmerzen verschwanden. «Wer mich nicht gut kennt, glaubt heute nicht, dass ich Polyarthritis habe», sagt die 67-Jährige. Remicade wird in der Schweiz erst seit einem Jahr von der Grundversicherung bezahlt. Das Mittel hilft bei der äusserst schmerzhaften Polyarthritis, wenn alle anderen Medikamente versagen. Auch bei Morbus Crohn, einer schmerzhaften chronischen Darmentzündung, kann es die Beschwerden lindern.
Doch Anfang Februar geriet das Medikament in die Schlagzeilen. Arzneimittelbehörden in Europa und den USA schlugen Alarm. Weltweit waren 202 Menschen nach dem Verabreichen von Remicade gestorben. Auch in der Schweiz starben zwei Menschen, eine 60 Jahre alte Frau und ein gleichaltriger Mann. Beide erkrankten an Infektionen, die ihre Ärzte zu spät erkannten - vermutlich, weil sie Remicade erhielten.
Das Medikament wirkt so gut, weil es das Immunsystem dämpft. So kann es auch schwere Entzündungen lindern. Doch das Fatale: Deswegen erkennen Betroffene und Ärzte auch gefährliche Infektionen nur noch sehr schwer. Die Menschen erkranken und merken es zu spät. «Die Symptome, die Alarmrufe des Immunsystems, sind auf einmal ganz anders», erklärt der Rheumatologe Adrian Forster vom Unispital Zürich. «Das kann fatale Folgen haben.»
Elisabeth Surbeck kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung. Nach einem Krankheitsschub stellten die Ärzte bei ihr einen Herzklappenfehler fest. Wenn sie nicht aufpasst, kann eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung entstehen. Und weil sie Remicade nimmt, würde sie das vielleicht nicht einmal merken. Deshalb ist sie vorsichtig. «Bei jedem Verdacht auf einen Infekt wie Bronchitis oder Sinusitis muss ich sofort den Hausarzt konsultieren, damit ich schnell Antibiotika bekomme», sagt sie. Surbeck arbeitet als Vorsitzende der Schweizerischen Polyarthritiker-Vereinigung. Dabei hat sie gemerkt, dass es mit dem Wissen um die Probleme mit Remicade oft nicht gut bestellt ist. «Chirurgen auf Notfallstationen müssten sofort erfahren, wenn jemand eines dieser beiden Medikamente nimmt. Dann können sie bei Operationen mit Antibiotika gegen die lebensgefährliche Blutvergiftung vorsorgen.»
Surbeck fordert deshalb, Patienten mit einem Informationsbrief im Scheckkartenformat auszustatten, den sie immer bei sich tragen können. «Darauf steht dann alles, was die Ärzte wissen müssen, selbst wenn der Patient nichts mehr sagen kann», erhofft sie sich.
«Über eine solche Karte verhandeln wir zurzeit mit der Arzneimittelbehörde Swissmedic», sagt Hanspeter Egger, medizinischer Direktor beim Remicade-Vermarkter Essex Pharma in Luzern. In den USA und in Deutschland ist als Reaktion auf die Todesfälle nach Remicade eine solche Karte bereits vorgeschrieben. Egger beteuert, die Firma habe sofort über die Probleme informiert: «Wir haben drei Warnbriefe, so genannte "Dear-Doctor-Letters" an alle Ärzte in der Schweiz geschickt, die mit Remicade zu tun haben.»
Einer dieser Briefe befasst sich mit einem weiteren Problem: Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz sterben häufiger unter Remicade. Dem Hersteller, der US-Firma Centocor, war dies im vergangenen Jahr während Forschungsarbeiten aufgefallen. Egger: «Warum das so ist, untersuchen wir noch.» Trotzdem ist es seit Jahresbeginn verboten, bei schwerer Herzinsuffienz Remicade zu verschreiben. «Bei leichter Insuffizienz muss der Arzt die Risiken abwägen.»
Auch Markus Fritz, Leiter der Medikamenten-Informationsstelle SMI in Basel, betont, dass man die Risiken abwägen muss: «Morbus Crohn und Polyarthritis sind schmerzhafte und unheilbare Krankheiten, die noch kaum erforscht sind», erklärt er. «Wir wissen, dass Remicade gefährlich sein kann. Aber es bringt den Kranken wirklich Hilfe.»
Das Medikament ist zudem nicht billig. Die Patienten brauchen alle zwei bis sechs Wochen eine Infusion, die 2400 Franken kostet. Doch es gibt nur wenige Alternativen. Deswegen bleibt es in der Schweiz zugelassen. Auch in den USA und in der EU haben sich die Behörden entschlossen, trotz der vielen Todesfälle das Medikament nicht vom Markt zu nehmen. Stattdessen haben sie die Vorsichtsmassnahmen verschärft. So müssen Ärzte vor Beginn der Behandlung jetzt jeden Patienten gründlich untersuchen, vor allem auf Tuberkulose. Auf diese Infektions-Krankheit, die sich unbemerkt im Körper breit machte, waren fast die Hälfte aller Todesfälle zurückzuführen.
«Wer Tuberkulose hat, darf Remicade nicht mehr nehmen», bestätigt Hanspeter Egger von der Vertriebsfirma Essex. In der Europäischen Union und in den USA dürfen darüber hinaus nur noch Spezialisten Remicade verordnen. So weit geht man in der Schweiz nicht. Die Arzneimittelbehörde Swissmedic empfiehlt lediglich, dass Remicade nur von Ärzten verordnet werden soll, die schon häufig Patienten mit Morbus Crohn oder Poyarthritis betreut haben.
Kontaktadressen
Bei Schwierigkeiten können Sie sich an folgende Organisationen wenden:
- Schweizerische Polyarthritiker-Vereinigung, Feldeggstr. 69, 8032 Zürich, Tel. 01 422 35 00, Internet: www.arthritis.ch, www.smccv.ch, E-Mail: spv@arthritis.ch
- Schweizerische Morbus Crohn/Colitis ulcerosa-Vereinigung, Postfach, 5001 Aarau, Tel./Fax 062 824 87 07 (Dienstag 8-11 Uhr), E-Mail: welcome@smccv.ch
01. März 2002
