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Artikel | saldo 5/2002

Inkontinenz - Das Leiden, von dem man nicht sprich

Durchschnittlich jede vierte Frau leidet an Harninkontinenz. Viele müssen zuerst ihr Schamgefühl überwinden, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Dabei kann ihnen geholfen werden.

Jeden Morgen war meine Pyjamahose nass!» Jahrelang hatte Christine Glettig, 36, versucht, morgens von ihrem Schlafzimmer im zweiten Stock ihres Hauses unversehrt das Bad eine Etage weiter unten zu erreichen. Sie spannte ihre Muskeln im Unterleib an. Trotzdem gelang es ihr nicht, die Blase unter Kontrolle zu halten: «Bei jeder Stufe kam ein neuer "Gutsch" in die Hose.»


Jede sechste Frau zwischen 30 und 40 ist betroffen

Angefangen hatte ihre Inkontinenz nach der Geburt ihres ersten Sohnes vor knapp zehn Jahren. Als sie zwei Jahre später ihren zweiten Sohn gebar, wurden die Beschwerden stärker. Schon nach geringen Mengen Flüssigkeit verspürte sie starken Harndrang. Bei Druck, ausgelöst durch Niesen, Husten oder Hüpfen, verlor sie jedes Mal die Kontrolle über ihre Blase.

Für Gabriel Schär, Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau, ist Christine Glettig «ein typischer Fall von Stressinkontinenz» und somit keine Ausnahme. «Inkontinenz ist leider immer noch ein Tabuthema», erklärt der Gynäkologe. Dabei leiden auch viele junge Frauen daran. Jede sechste Frau zwischen 30 und 40 ist betroffen. Bei den 40- bis 50-Jährigen ist es bereits jede vierte, und bei den älteren Semestern leidet gar über die Hälfte an Inkontinenz.

Christine Glettig kann heute selber kaum mehr verstehen, wie sie ihre Inkontinenz so viele Jahre hinnehmen konnte. Statt den Arzt aufzusuchen, fand sich die junge Frau damit ab, «immer diese dicken Binden zu tragen». Dabei, so Gabriel Schär, sei es wichtig, dass die betroffenen Frauen möglichst frühzeitig den Arzt aufsuchen: «Es kann ihnen geholfen werden - je früher, desto besser.»

Den Stein ins Rollen brachte bei Christine Glettig ein Ausflug an eine Sportmesse. An einem Stand konnten die Besucher seilhüpfen. Nach ein paar wenigen Hüpfern realisierte sie, dass ihre Hose nass war. Ein albtraumhaftes Erlebnis: «Es war entsetzlich, diese Scham, als Erwachsene in die Hose zu machen. Ich habe nur noch geheult.»


Wenig trinken ist genau die falsche Reaktion

Von da an trank sie nur noch ganz wenig und bekam in der Folge eine Blasenentzündung. «Wenig trinken ist genau die falsche Reaktion und kann zu weiteren Komplikationen führen», erklärt Gynäkologe Gabriel Schär. Zur Stressinkontinenz kann sich so zusätzlich eine Urge-Inkontinenz gesellen.

Jetzt endlich weihte Christine Glettig ihre Gynäkologin in ihr Leiden ein. Diese verwies sie darauf sofort zur Abklärung an den Kollegen Schär in die Frauenklinik.


Muskulatur des Beckenbodens wird stimuliert

Die erforderlichen Untersuchungen sind nicht sehr aufwändig. Der Arzt erkundigt sich nach den Beschwerden, führt eine gynäkologische Untersuchung durch und erfasst mittels Ultraschall die Lage der Blase und den Harnröhrenverschluss. Schliesslich muss die Patientin mit voller Blase vor dem Arzt auf einer saugfähigen Vorlage stehen und husten. Verliert sie dabei Urin, leidet sie unter Stressinkontinenz.

«Als therapeutische Massnahme probieren wir immer erst, der Inkontinenz konventionell beizukommen», so Schär. Das heisst, mit Elektrostimulation und Biofeedback sowie Beckenbodentraining. Dabei wird eine Sonde in die Scheide eingeführt, die einerseits mit Hilfe elektrischer Impulse die Muskulatur des Beckenbodens aktiviert und andererseits auf dem Monitor die Beweglichkeit und Kraft des Beckenbodens anzeigt. Mit Hilfe der Physiotherapeutin lernt die Patientin, ihre Muskulatur selber zu trainieren. Erst wenn das nichts hilft, kommt der operative Eingriff in Betracht (TVT-Operation).


Nur stetes Training bringt einen dauerhaften Erfolg

Christine Glettig hatte Glück: Ihr halfen Elektrostimulation und Biofeedback. Sie ist wieder gesund und kann problemlos joggen oder bummeln gehen, ohne dauernd nach einer Toilette Ausschau halten zu müssen. Und sie kann nach dem Aufstehen mit noch voller Blase die Treppe bis ins Parterre runterhüpfen und den Tisch decken, bevor sie aufs Klo muss. «Das ist mein Massstab geworden», sagt sie, «wie weit ich am Morgen komme, bevor ich aufs WC muss.»

Aber auch jetzt geht es nicht ohne Training. Als ihr vor einiger Zeit wieder Urin in den Slip tropfte, wusste sie: «Ich muss wieder dringend meine Übungen für den Beckenboden machen.» Für Schär ist das selbstverständlich: «Jeder Muskel, der nicht erschlaffen soll, muss weiter trainiert werden. Dann stehen die Chancen gut, beschwerdefrei zu bleiben.»

Lilo Wicki



Verschiedene Formen von Inkontinenz und Therapiemöglichkeiten

Von Stressinkontinenz (60 bis 80 Prozent der Fälle) spricht man, wenn bei Druck auf die Blase, ausgelöst durch Husten, Niesen, Lachen, Hüpfen oder Erbrechen, Urin abgeht. Stressinkontinenz kann verschiedene Ursachen haben:

- Geburt, bei der der Beckenboden überdehnt wird

- Hormonell bedingte Veränderung der Muskeln während der Schwangerschaft oder in der Menopause

- Körperliche Inaktivität

- Übergewicht

- Chronische Bronchitis

Therapien: Konventionelle Therapien sind Beckenbodentraining, Elektrostimulation und Biofeedback sowie medikamentöse Therapie. Helfen die konventionellen Therapien (Erfolgsquote: 25 bis 35 Prozent) nicht, empfiehlt sich ein operativer TVT-Eingriff (tension free vaginal tape).

Von einer Urge-Inkontinenz (zirka 10 Prozent der Fälle) spricht man, wenn bei Harndrang unwillkürlich Urin abgeht. Entstehen kann eine Urge-Inkontinenz durch:

- Harnwegsinfekte

- Fehlverhalten beim Trinken und Wasserlassen (zu wenig trinken, zu häufig die Blase entleeren)

- Multiple Sklerose

- Senile Demenz

- Alkoholismus

- Sexualstörungen

- Psychosomatische Erkrankungen

- Depressive Verstimmung

Therapien: Trink- und Blasentraining, medikamentöse Therapie.

TVT-Operation (Erfolgsquote 90 bis 95 Prozent): Ein Band, das tension free vaginal tape, wird in Lokalanästhesie durch die Vagina eingeführt, stützend um die Harnröhre gelegt und durch zwei kleine Schnitte unterhalb des Bauchnabels herausgezogen. Der Eingriff dauert 45 Minuten, zurück bleiben zwei kleine Schnitte unterhalb des Bauchnabels.

13. März 2002


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