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Artikel | Haus & Garten 2/2002

Natürlicher Höhepunkt: Safari im Alpenzoo

Das neue Unesco-Welterbe Aletschgebiet gehört zu den schönsten, geheimnisvollsten und wildreichsten Landschaften in den Alpen: Eine fragile Landschaft, die die Tierfotografin Cornelia Marti knipst und beobachtet.

Eine Landschaft wie zu Zeiten der Mammuts. Gletscherstrom, gigantische Eiswürfel, Firnfelder, Felsensteppen, knorrige Bäume: das Aletschgebiet. Diese hoch gelegene Welt zieht Cornelia Marti magnetisch an. Hier beobachtet und fotografiert sie frei lebende Alpentiere und versucht, ihnen möglichst nahe zu kommen.

Wenn die Wildnis ruft, packt die Bernerin ihre Wanderkleider ein. Sie verstaut Fotoapparat und Teleobjektiv im Rucksack, setzt sich in den Zug nach Mörel VS, besteigt die Luftseilbahn auf die Riederalp und folgt anschliessend zu Fuss dem steilen Weg hinauf zur Villa Cassel. Dort hat Pro Natura das Zentrum Aletsch eingerichtet.

Die grazile viktorianische Architektur der Villa wirkt in der rauen Gegend so fremd, dass es heisst, sie passe in die Landschaft «wie ein Fünfliber in einen Kuhfladen». Der reiche Londoner Bankier Sir Ernest Cassel liess sie Anfang des 20. Jahrhunderts bauen, um hier mit dem englischen Hochadel die Sommermonate zu verbringen.


Murmeltier-Weekends und Aletsch-Safaris

Pro Natura erwarb die Villa vor mehr als 25 Jahren und eröffnete darin das erste Naturschutzzentrum der Schweiz. Es dient als Bildungszentrum für Leute, die an der Pflanzen- und Tierwelt interessiert sind. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, geführte Exkursionen, Fortbildungsveranstaltungen, Tagungen und Seminare. Im Angebot sind auch Murmeltier-Weekends, eine Familienferien-Woche zum Thema «Der Natur auf der Spur» und eine AletschSafari.

Die Villa wurde im alten Stil erhalten. Naturbegeisterte können darin für 80 Franken inklusive Frühstück übernachten - stilecht, aber einfach, wie es sich für einen Royal in der Alpenwelt gehörte.

Cornelia Marti nahm vor einigen Jahren an einem Kurs in Wildtierfotografie teil. Dabei hat es der technischen Siebdruckerin regelrecht «den Ärmel reingenommen», wie sie sagt. Seither ist die oft strapaziöse Jagd nach einem Tier-Motiv ihre Passion. Und Sujets findet Marti im Aletschgebiet genügend.

Wie Marti besuchen diese Landschaft jährlich 50 000 bis 70 000 Interessierte, die nicht nur von der aussergewöhnlichen Schönheit dieser Bergwelt begeistert sind, sondern auch von den zahlreichen Zeugnissen der zurückliegenden Eiszeiten wie Moränen und Gletscher.

Statt aber urweltlichen Giganten und Säbelzahntigern begegnen die Besucher heute hautnah Kolonien von flinken Murmeltieren, Gämsen, Birkhühnern, Tannenhähern und Adlern, die am Himmel ihre Kreise ziehen.

Zum geschützten Gebiet gehört auch der Aletschwald mit seinen Arven und Lärchen. Im Wald leben Hirsche. Wer sie erspähen will, muss sich zeitig vor dem Frühstück aufmachen. Nur im Herbst hört man tagelang den Brunftschrei der Tiere.

Der Baumbestand des Aletschwaldes gehört zu den ältesten in der Schweiz. Einige Arven und Lärchen sind achthundert Jahre alt. Und während der Sommermonate ist die Luft von ihrem Harz erfüllt. «Dieser würzige Duft gehört zur Einmaligkeit dieser Landschaft», sagt Marti, die am liebsten Gämsen beobachtet und fotografiert.

Inzwischen kennt sie Wege, auf die sich kaum je ein Besucher verirrt. Dann sitzt sie stundenlang auf einem Felsen am Wegrand und wartet, bis die Klettergeissen von den Bergspitzen herunterkommen und sie mit ihnen «arbeiten» kann.

Die Suche nach dem Wunsch-Motiv erweist sich allerdings oft als schwierig. Denn die Tiere kümmern die Wünsche der Fotografin nicht. «Wer mit ihnen arbeiten will, muss sich im Klaren sein: Entweder wollen sie - oder sie wollen nicht», sagt Marti. Ihr Rezept: Geduld, Ruhe und Ausdauer.

Diese drei Eigenschaften benötigen alle Besucher, die Wildtiere beobachten möchten. «Man muss die Tiere, ihr Verhalten und ihre Gewohnheiten kennen», sagt Cornelia Marti. Denn man kann den Tieren Schaden zufügen, wenn man sie erschreckt. Pro-Natura-Zentrumsleiter Laudo Albrecht rät: «Besucher nehmen am besten an einer Führung teil. Alle unsere Führer sind ausgebildete Biologen.»


Besucher dürfen die Tiere nicht stören

Seit Dezember 2001 gehört das Aletschgebiet zum Weltnaturerbe der Unesco. Es ist das erste Weltnaturerbe im Alpengebiet und figuriert auf der gleichen Liste wie der Yellowstone-Nationalpark und der Grand Canyon in den USA, die Serengeti in Tanzania und die ecuadorianischen Galapagos-Inseln.

Laudo Albrecht ist stolz auf diese Auszeichnung und hofft auf mehr Besucher im Aletschgebiet.

Ein kontroverses Anliegen: Grössere Touristenscharen können die fragile Landschaft gefährden. Albrecht: «Um die Tiere nicht zu stören, dürfen die Wanderer im Aletschgebiet die markierten Wege nicht verlassen. Zwei Aufseher sorgen dafür, dass Wanderer die Regeln einhalten.»

Für Laudo Albrecht und Cornelia Marti ist klar: Der Besuch des Aletschgebietes fördert das Naturbewusstsein - und damit auch den Naturschutz.

Stephan Pfäffli



So wird ein Besuch im Aletschgebiet ein spannendes Erlebnis

In Naturschutzregionen wie dem Aletschgebiet gilt das Weg-Gebot. Wer sich nicht daran hält, gefährdet die Tiere.

Wer Tiere beobachten will, muss auf den markierten Wegen bleiben. Der Grund: An regelmässig begangene Wege können sich die Tiere gewöhnen. «Sie ergreifen nur die Flucht, wenn Wanderer den Weg verlassen», sagt Laudo Albrecht, Leiter des Naturschutzzentrums auf der Riederalp.

Dabei verbrauchen die Tiere viel Energie. Deshalb können Störungen vor allem im Winter, wenn die Nahrung knapp ist, verheerende Folgen haben: Die Tiere werden geschwächt und können an Erschöpfung zu Grunde gehen. «Während der Fortpflanzungszeit zwischen April und Juni kann etwa das Stören von Vögeln zum Verlust der Gelege oder zur Aufgabe der Brut führen», so Albrecht. Auch von markierten Wegen aus kann man die Tiere gut beobachten. Albrecht rät zu einem Führer oder einer Führerin: «Diese kennen die besten Plätze.»

Ein Muss für spannende Beobachtungen ist ein lichtstarker Feldstecher (8 x 40 oder 10 x 50). Mit solchen Ferngläsern können Sie auch in der Dämmerung oder im Wald Tiere beobachten.



Tipps für tierische Begegnungen

- Naturschutzgebiet Jungfrau-Aletsch VS Tiere: Murmeltiere, Hirsche, Gämsen, Bartgeier, Birkhühner, Tannenhäher Empfehlenswerte Jahreszeit: Juni bis Oktober Informationen: Genaue Öffnungszeiten, Führungen, Eintrittspreise im Pro Natura Zentrum Aletsch, Villa Cassel 3987 Riederalp Tel. 027 928 62 20 www.pronatura.ch/aletsch

- Nationalpark Engadin GR Tiere: Murmeltiere, Hirsche, Steinböcke, Gämsen, Bartgeier, Birkhühner, Tannenhäher Empfehlenswerte Jahreszeit: Juni bis September Informationen: Nationalparkhaus 7530 Zernez Tel. 081 856 13 78 www.nationalpark.ch

- Augstmatthorn BE Tiere: Steinbockkolonie Empfehlenswerte Jahreszeit: Juni bis September Informationen: Verkehrsverein 3804 Habkern Tel. 033 843 13 01 www.habkern.ch

- Moorlandschaft Champ-Pittet VD am Neuenburgersee Tiere: 200 Vogelarten wie Eisvogel, Grauschnäpper, daneben Libellen, Frösche Geöffnet: Mai bis September, ausser montags Informationen: Pro Natura Zentrum Champ-Pittet 1400 Yverdon Tel. 024 426 93 41 www.pronatura.ch/champ-pittet

- Flachmoor Neeracherried ZH Tiere: Eisvögel, Enten, Watvögel, Seidenreiher, Flussuferläufer und Laubfrösche, Schlangen Geöffnet: April bis Oktober, jeweils Mittwoch, Samstag, Sonntag Informationen: Schweizer Vogelschutz Naturschutzzentrum 8173 Neerach Naturschutzzentrum Neeracherried Tel. 01 858 13 00 www.birdlife.ch

- Naturschutzzentrum La Sauge VD Tiere: Seidenreiher, Flussuferläufer, Eisvogel und Laubfrosch Geöffnet: April bis Oktober, ausser montags Informationen: Schweizer Vogelschutz Naturschutzzentrum 1588 Cudrefin Tel. 026 677 03 77 www.birdlife.ch

- Storchensiedlung Altreu in der Gemeinde Selzach BE Tiere: Weissstörche Empfohlene Jahreszeit: Frühling Informationen: Storchensiedlung Altreu Tel. 032 641 12 08 oder Tel. 062 965 29 26 www.altreu.ch/index2.htm

01. März 2002


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