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Gefährliche Arbeitsplätze, Tiefstlöhne, Kinder, die Fussbälle nähen: Während sich die Situation bei Modekleidern gebessert hat, hinken Sportausrüster weit hinterher.
Wieder einmal spielen die Stars auf der Weltbühne des Fussballs um Ruhm und Ehre. Und für lukrative Verträge. Einer, der es geschafft hat, ist Oliver Kahn von Bayern München: Der Torhüter im Adidas-Trikot verdient 794 000 Franken - pro Monat.
Auch Gloria Delgado schwitzt für Adidas: Sie näht in der Kleiderfabrik Chi-Fung in Apopa, El Salvador, Shorts für den Weltkonzern. Die vierfache Mutter arbeitet täglich 10 bis 12 Stunden und erhält dafür maximal 265 Franken Monatslohn.
«Die aktuelle WM wird überschattet vom Leid Tausender Arbeiterinnen und Arbeiter der Sportbekleidungsindustrie», sagt Stefan Indermühle, Kampagnenleiter für gerecht produzierte Kleider, Clean Clothes Schweiz. «Die Sportausrüster hinken dem Bereich der Modebekleidung weit hinterher. Es gibt praktisch keine gerecht hergestellten Fussballtrikots oder Turnschuhe.»
Arbeiter erhalten pro Fussball gerade mal 13 Rappen
saldo liegen drei unabhängige Studien über Arbeitsbedingungen vor. Die regierungsunabhängige Organisation (NGO) Hongkong Christian Industrial Committee befragte in Fabriken der südchinesischen Provinz Guangdong Angestellte, die Fussbälle für Adidas, Puma, Umbro, Lotto oder Diadora fertigen. Die drei Zulieferbetriebe zahlen in der Tiefsaison weniger als den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet Fr. 85.40. Eine Fabrik entschädigt ihre Arbeiter pro Ball mit gerade mal 13 Rappen. Dabei müssen Angestellte das Leder für die Bälle ohne ausreichenden Schutz zerschneiden, mit Dampf behandeln und pressen. «Du musst sehr aufpassen, dass deine Hände bei der Arbeit nicht zerdrückt werden», sagte Arbeiterin Bing Bing im Bericht von Anfang April.
Nike lässt sich die diesjährige Fussball-WM geschätzte 100 Millionen Franken kosten. Geld, das bei der Herstellung gespart wird, etwa in der indonesischen Fabrik Nikomas Gemilang.
Die australische NGO Oxfam hat 35 Angestellte befragt. Eine davon ist Leily, die Schuhe auch für Nike herstellt. Letzten November verdiente sie 140 Franken - für die Grundbedürfnisse bräuchte sie 250 Franken. «Um zu überleben, machen mein Mann und ich Überzeit.» Kontrollsysteme der Konzerne werden umgangen Prekär ist die Lage im pakistanischen Sialkot: Dort nähen laut NGO's zwischen 10000 und 20000 Kinder Fussbälle. Die Global March Against Child Labour fand in Dörfern sogar Kinder, die Bälle für die WM-Hauptsponsoren Adidas und Coca-Cola nähten.
Praktisch alle grossen Marken haben Verhaltenskodexe, die solche Missstände verhindern sollen. Philippe Roy war für die Hilfsorganisation vor Ort. «Ein Mittelsmann umgeht das Kontrollsystem der Konzerne, indem er Ballteile von grossen Firmen abzweigt und im Verborgenen verarbeiten lässt.» Indermühle bestätigt: «Grosskonzerne vergeben Aufträge nur nach Preis und Produktequalität» Auch Adidas muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Konzernsprecherin Anne Putz sagt: «Bei der Kinderarbeit in Pakistan handelte es sich um Fälschungen. Wir haben vor Ort beim Aufbau einer Überwachungsorganisation mitgearbeitet, die Kinderarbeit eliminieren soll.»
Nike schreibt lakonisch: «Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und arbeiten täglich an Verbesserungen. Wir stellen bei eigenen Befragungen aber auch fest, dass Fortschritte gemacht wurden.»
Andy's Sportladen in Allschwil BL genügt diese Haltung nicht. Geschäftsführer Andy Werdenberg: «Ich kann ethisch nicht mit einer solchen Firma zusammenarbeiten und verkaufe seit 1995 keine Nike-Produkte mehr.»
Marc Meschenmoser
Faire Produktion - Wenig Alternativen
Die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie haben sich verbessert (saldo 11/01): Switcher und Migros akzeptieren unabhängige Fabrikkontrollen und finanzieren Schulen für Kinder der Angestellten.
Davon ist die Sportbekleidungsindustrie weit entfernt. «Es gibt keinen Anbieter, der Sportkleider gerecht produziert», sagt Stefan Indermühle von Clean Clothes Schweiz. Einziger Lichtblick: Seit 1999 verkaufen Claro-Läden zusammen mit Helvetas Fussbälle aus fairem Handel. Fr. 1.73 pro Ball fliessen zurück an die Nähateliers. «Das löst in Pakistan viel aus», so Claro-Sprecher Joachim Ehrismann. Näherinnen erhalten bis zu 40 Prozent mehr Lohn und sind bei Geburt oder Todesfall finanziell abgesichert.
Coop will 2003 einen Max-Havelaar-Fussball lancieren, hat aber keine Pläne für fair produzierte Sportkleider. Migros hat beim Eco-Label soziale und ökologische Standards, gibt aber keine Auskunft, ob sie fair hergestellte Sportkleidung einführen will.
Produktionskosten für einen 100-fränkigen Sportschuh
Herstellung: 12 Franken
Material: Fr. 8.-, Gewinn Zulieferfirma: Fr. 2.-, sonstige Produktionskosten: Fr. 1.60, Lohn: 40 Rappen
Schuhmarke: 33 Franken
Gewinn der Marke: Fr. 13.50, Forschung/Entwicklung: Fr. 11.-, Werbung/Sponsoring: Fr. 8.50
Vertrieb/Handel: 55 Franken
Marge Verkaufsgeschäft und Mehrwertsteuer: Fr. 50.-, Fracht und Steuern: Fr. 5.-
05. Juni 2002
