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Rheumabehandlung bei minus 110 Grad erstmals in der Schweiz möglich
Drinnen ist es siebenmal kälter als in einem Gefrierfach. Doch für Rheuma-Patienten lohnt sich das Bibbern: Geheilt wird ihre Krankheit zwar nicht, doch die Schmerzen verschwinden oft für Wochen. Die erste Kältekammer der Schweiz steht in Bad Ragaz.
Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch
Von aussen macht die Kältekammer den Anschein einer Hotelsauna. Drinnen jedoch klirrt die Kälte: Minus 110 Grad hat es - rund 50 Grad weniger als am Nordpol. Rheuma-Patienten, nur mit einem Badeanzug bekleidet, finden darin Linderung für ihre Schmerzen.
Die erste Kältekammer der Schweiz steht seit kurzem im Ärztehaus Cristal in Bad Ragaz. Zwischen 10 und 20 Patienten täglich kurieren sich im überdimensionalen Gefrierschrank.
Die Kältekammer besteht aus zwei Räumen: Zuerst betreten die Patienten eine Vorkammer. Minus 48 Grad schlagen ihnen entgegen - zum angewöhnen. Nach 20 Sekunden geht es weiter in die Therapiekammer mit minus 110 Grad. Dort kühlt ihre Haut blitzschnell auf zwei Grad ab. Roy Black singt aus einer Musik-Box, und die Patienten tänzeln beschwingt umher. Gänsehaut? Dafür ist es schlicht zu kalt.
Auch Patientin Jody Wildhaber, 54, aus Flums SG hat die grosse Kälte ausprobiert. Sie leidet seit 16 Jahren an chronischer Polyarthritis, einer degenerativen Krankheit der Gelenke. Sie beschreibt die ersten Sekunden in der Kammer als «etwas frostig, aber gut erträglich.» Um Erfrierungen zu vermeiden, trägt sie - wie alle anderen Patienten - einen Mund-, Nasen- und Ohrenschutz sowie Handschuhe und Schuhe.
Nach drei Minuten Kälteschock verlässt Wildhaber die Kammer, die vom Personal ständig überwacht wird. Nebenwirkungen gibt es laut Rheumatologin Danielle Bachmann vom Ärztehaus Cristal praktisch keine. «Möglich sind kleine Hautrötungen, die nach wenigen Stunden wieder verschwinden.» Laut Bachmann sollte man die Kammer bei starken Herzrhythmusstörungen und anderen Krankheiten meiden.
Kälte als Therapie - seit Jahrhunderten erprobt
Kälte wird seit Jahrhunderten als therapeutisches Mittel eingesetzt, um Schmerzen zu lindern und Entzündungen zu unterdrücken. Essigsaure Tonerde macht Verstauchungen erträglicher, kalte Umschläge senken das Fieber. Jody Wildhaber schläft seit der Kälte nicht nur besser, sie sei beweglich geworden, habe viel mehr Energie und bessere Laune. «Die Kältekammer veränderte mein Leben. Die Schmerzen sind wie weggeblasen.» Sie habe zuvor vieles ausprobiert, von Ergotherapie über Homöopathie bis hin zu Geistheilung. «Das warme Wasser im Thermalbädern nützte nicht, und Eisbeutel halfen, solange ich sie auflegte.»
Solche Schmerzlinderung mit Kälte war für Schweizer Patienten lange nicht möglich. Schweizer Rheumakliniken boten keine Kältekammern an. Patienten mussten für eine Therapie nach Deutschland reisen. Der Puls-Tipp kritisierte dies vor zwei Jahren - mit Erfolg, wie sich jetzt zeigt. Danielle Bachmann vom Ärztehaus Cristal: «Die Recherche des Puls-Tipp war Anstoss, in Bad Ragaz eine Kältekammer zu planen und schliesslich in Betrieb zu nehmen.»
Schmerzen verschwinden oft für Wochen oder Monate
Sobald die Patienten die Kammer verlassen haben, durchströmt eine wohlige Wärme ihren Körper. Die Muskeln lockern sich, die Schmerzen schwinden. Bei der anschliessenden Gymnastik können sie ihre rheumageplagten Gelenke freier bewegen. Etwa 12 bis 18 Kältebehandlungen sind nötig, um einen langfristigen Effekt zu erzielen. Die Schmerzen verschwinden bei manchen Patienten für Wochen oder sogar Monate. Danielle Bachmann: «Weil Rheuma den ganzen Körper erfasst, wirkt die extreme Ganzkörperkälte effektiver als lokal aufgelegte Eisbeutel.» Sie blockiert Botenstoffe in den Nervenbahnen, die Schmerzen ans Gehirn weiterleiten. «Studien zeigen, dass die Zahl der Entzündungszellen im Blut abnimmt», erklärt Thomas Stratz, Chefarzt der Rheumaklinik in Bad Säckingen, die seit Jahren eine Kältekammer betreibt.
Aber die Kälte heilt die Krankheit nicht. Und nicht alle Patienten reagieren gleich gut, bei manchen wirkt die Kälte überhaupt nicht. Manchmal erweist sich sogar Wärme als besser. In Bad Säckingen sprechen laut Chefarzt Stratz 60 Prozent der Weichteil-Rheumatiker «positiv» auf die Kälte an.
Es fehlen allerdings Langzeitstudien, die den Verlauf der Krankheit dokumentieren. Deshalb stehen einige Schweizer Rheumaspezialisten Kältekammern nach wie vor skeptisch gegenüber. «Der wissenschaftliche Beweis ist noch nicht erbracht», bemängelt etwa André Aeschlimann, Chefarzt der Reha-Klinik Zurzach.
Rolf Hohmeister vom medizinischen Zentrum der Thermalbäder in Bad Ragaz sagt: «Auf Dauer ist das keine Therapiemethode, weil sich der Körper an die Kälte gewöhnt.» Aus Platz- und Kostengründen sahen in Zürich die Hirslanden-Klinik und das Schmerzzentrum Bethanien von bereits geplanten Kältekammern wieder ab.
Schweizer Krankenkassen zahlen Therapie nicht
Rheumakliniken seien stark auf das bestehende Angebot fixiert, sagt Beatrix Mandl, Vizepräsidentin der Schweizer Polyarthritiker-Vereinigung. «Frei wie ein Vogel» habe sie sich nach der Kältekammer gefühlt. Mandl steht in Kontakt mit einem Kältekammer-Hersteller. Gemeinsam klären sie ab, ob Polyarthritiker die neue Therapie wollen. «Ist ein grosses Bedürfnis vorhanden, braucht es auch in Zürich, Bern oder Basel Kältekammern», sagt sie. In Deutschland stehen 20 Kammern. Dort zahlen immer häufiger die Krankenkassen die Therapie. Schweizer Kassen zahlen in der Regel nicht.
«Ich verstehe das nicht», sagt Patientin Jody Wildhaber, «die Kältetherapie erspart den Kassen letztlich Kosten für Operationen und Medikamente.» Die Nebenwirkungen der Schmerzmittel waren bei ihr massiv: «Ich bekam Nierenentzündungen, Magen- und Darmprobleme und Abszesse. Die Ärzte wussten nicht mehr, was sie mir verschreiben sollten.» Seit die 54-Jährige in die Kammer geht, hat sich ihr Konsum von teuren Schmerzmitteln halbiert. «Demnächst mache ich den Versuch, Kortison ganz wegzulassen - zum ersten Mal seit 16 Jahren.»
Wann die Kälte helfen kann
Die Therapie in einer Kältekammer kann bei folgenden Krankheiten helfen:
- Chronische Polyarthritis
- Morbus Bechterew
- Fibromyalgie
- Arthrosen von Gelenken und Wirbelsäulen
- Rehabilitation nach Gelenk- und Wirbelsäule-Operationen
- Kollagenosen
- Neurodermitis, Psoriasis, Asthma Bronchiale
Haben Sie eine der folgenden Krankheiten, sollten Sie die Kältekammer meiden:
- Starke Herzrhythmusstörungen
- kurz zurückliegender Herzinfarkt
- arterielle Verschlusskrankheit
- Blasen- und Niereninsuffizienz
- Bluthochdruck
- Morbus Raynaud
- Polyneuropathie
- Platzangst
Kosten für eine Behandlung:
- Ärztehaus Cristal in Bad Ragaz: 45 Franken (30 Franken mit Abo für 36 Behandlungen).
- Rheumaklinik Bad Säckingen (D): Umgerechnet 15 Franken.
Für den Preisunterschied sind laut Ärztehaus Cristal die höheren Infrastrukturkosten verantwortlich. Ärzte empfehlen 12 bis 18 Behandlungen. Preise für stationäre Aufenthalte auf Anfrage. In der Regel zahlt die Grundversicherung der Krankenkassen nicht. Fragen Sie Ihre Kasse aber, ob eine Zusatzversicherung die Kosten der Therapie deckt.
Adressen
- Ärztehaus Cristal, Bad Ragaz, Tel. 081-300 41 93, www.aerztehaus-cristal.ch
- Rheumaklinik Bad Säckingen, Telefon 0049-776 15 60 80, www.rheumaklinik.com
01. Mai 2001
