|
(0) |
Luca kam am Anfang der 25. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Er war wie ein Sternlein, fein und klein, und doch leuchtete sein ganzes zartes Ich - bis es nach zehn Stunden für immer erlosch. Unser 600 Gramm schweres und 30 Zentimeter langes Söhnchen starb an den Folgen einer Hirnblutung. Luca schlief in unseren Armen ein.
Auf die Trauer kann man sich nicht vorbereiten. Hätte ich zum Beispiel gedacht, dass es mich nach Lucas Tod ständig zum Friedhof hin- ziehen würde? Nein. Trauer ist ein Gefühl, ein momentanes Empfinden, ein Bedürfnis, etwas zu tun, zu sagen, zu denken. Ich ging manchmal auch nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, zu Lucas Grab. Weinte, redete mit ihm, bat ihn um ein Zeichen. Mein Mann respektierte das.
Die Freiheit zu tun, wonach mir zu Mute ist, lindert meinen Schmerz.
Das Pflegeteam der Neonatalogie im Kantonsspital Basel hat uns wunderbar betreut. Während seines kurzen Lebens war Luca in liebevoller Obhut. Ärzte und Schwestern haben auf seine Zeichen geachtet und diese ernst genommen. Der Professor erklärte uns genau, was man noch tun könnte, um Lucas Überlebenschance zu erhöhen.
Er sagte aber auch, dass der Wille des Kindes an erster Stelle sein sollte. Zu dieser Zeit atmete Luca bereits nicht mehr selbständig. Ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr wollte. Auch war seine Haut dunkler und er bewegte sich kaum noch.
Genauso ernst hat man unsere Gefühle genommen. Wir durften ständig bei Luca sein, das leblose Körperchen streicheln, liebkosen, verabschieden. Mein Mann bekam ein Bett in meinem Zimmer und die Schwestern schauten immer wieder nach uns. Mir hat das sehr geholfen. Diese unaufdringliche, manchmal wortlose Begleitung durch den ersten unendlich tiefen Schmerz.
Nur wenige Menschen in meiner Umgebung liessen mich spüren, dass das, was ist, sein darf. Manchmal wollte ich reden, dann wieder schweigen. Trost finden oder hören, dass alles nicht wahr ist.
Einige Leute aus unserem Dorf wechselten die Strassenseite, wenn sie mich sahen. Ich verstehe die Unsicherheit, die ein Ereignis wie Lucas Tod auslösen kann. Aber ist Ausweichen eine Lösung? Wissen diese Menschen, wie weh das tut? Ich fühlte mich allein, übergangen und unwichtig. Und ich nehme an, dass für sie Lucas Leben keinen Wert oder er selber nie existiert hatte. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Leben nur ein paar Stunden dauert oder Jahre. Jedes Leben ist gleich kostbar.
Wir erfuhren aber auch Positives: ein liebes Wort, ein verständnisvoller Brief, zuhören, ein Blümchen oder eine brennende Kerze auf Lucas Grab. Auch die Gespräche in der Selbsthilfegruppe habe ich als befreiend empfunden.
Vieles verarbeite ich schreibend. In meinem Tagebuch oder als Gedicht. Meine Gedichte habe ich diversen Verlagen zugestellt. Sie schickten sie zurück mit der Begründung: "Zu persönlich." Aber ist es nicht gerade dieser ganz persönliche Aspekt, der andere Betroffene trösten kann?
Flavio wird im Dezember zweijährig. Er kam ein Jahr nach Lucas Tod zur Welt. Komplikationslos und gesund. Flavio ist unser grösstes Glück, aber niemals ein Ersatz für Luca. Sein Dasein gibt uns Kraft und lässt uns daran glauben, dass nach der Dunkelheit das Licht wiederkommt.
Aufgezeichnet: Evi Biedermann
Trauernde Eltern - In der Trauer nicht allein sein
Die Selbsthilfevereinigung Regenbogen Schweiz bietet Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern, Unterstützung an.
- Kontakt: Selbsthilfevereinigung Regenbogen, Krähenbergstrasse 13 2543 Lengnau Tel. 032 652 11 81, Fax 032 652 22 44, Bürozeiten: Di und Do, 9-11Uhr
- Buchtipp: Elisabeth Kübler-Ross: «Jedes Ende ist ein strahlender Beginn», Verlag «die Silberschnur», Fr. 25.-
01. Dezember 2000
