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Artikel | Gesundheits-Tipp 9/2002

Fitness-Studios Poker mit der Gesundheit

Regelmässiges Fitnesstraining gilt als Allheilmittel für übergewichtige Büromenschen. Oft funktioniert das Rezept. Doch eine Stichprobe zeigt: Man kann sich im Studio auch krank trainieren. Der Puls-Tipp war in zehn Fitnesscentern in Basel, St. Gallen und Zürich. Nur vier erreichten gute oder sehr gute Ergebnisse.

Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch

Dreimal die Woche ins Fitness, trainieren mit Höchstgewichten. So sah das Sportprogramm des Meilener Bademeisters Peter Ritter (59) aus. 110 Kilo konnte er stemmen, allein mit seinen Lendenmuskeln. Der Schmerz kam schleichend. Dann - im Herbst 1995 - konnte

Ritter sich plötzlich nicht mehr bücken. Ein stechender Schmerz breitete sich vom Gesäss in die Beine aus. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Erst drei Monate später konnte Ritter wieder voll arbeiten.

Der Arzt hatte keine Zweifel: Schuld an Peter Ritters Krankheit sei das falsche Training im Fitness-studio. Der Bademeister zog die Konsequenzen. Er geht nicht mehr hin. «Heute weiss ich, dass die Gewichte meinen Rücken ruiniert haben», sagt er. «Doch kein Instruktor hat mir das gesagt. Dabei habe ich vor ihren Augen trainiert.»

Peter Ritter hat das Vertrauen in die Studios verloren. Lieber trainiert er heute seine Ausdauer - beim Schwimmen und beim Inlineskaten.

Auch Helene Bauer (Name geändert) hatte nach zwei Jahren Fitnessstudio mehr Gesundheitsprobleme als zuvor. Ihr Physiotherapeut stellte fest: Die Instruktoren hatten falsche Geräte und zu hohe Gewichte ausgewählt. Mittlerweile kennt Bauer andere Menschen, denen es ähnlich erging. Sie ist überzeugt: «Viele Fitness-Kunden werden später beim Orthopäden landen - oder gleich auf dem Operationstisch.»

Gefährden Schweizer Hobbysportler im Fitnessstudio tatsächlich ihre Gesundheit?

Der Puls-Tipp machte die Stichprobe in Zusammenarbeit mit Fritz Bebie, dem prominenten Fitnessexperten und Buchautor. Eine Testperson meldete sich in zehn Fitnessstudios zum Probetraining an und erzählte, sie habe vor einem halben Jahr einen Kreuzbandriss gehabt, sei übergewichtig und leide unter Bluthochdruck. Gemeinsam mit einer ausgebildeten Trainerin stellte sie die Kompetenz der Instruktoren auf die Probe. Zudem bewertete der Puls-Tipp Qualität der Betriebe und Betreuung.

Das Ergebnis: Nur vier Studios schnitten gut oder sehr gut ab, ein Studio war sogar mangelhaft. «Das Probetraining ist die Visitenkarte jedes Studios», sagt Bebie. «Wenn bereits hier Mängel auftreten, wird sich die Qualität später sicher nicht bessern.»


Instruktoren wissen zu wenig über Gesundheitsprobleme

Die Auswertung zeigt: Viele Instruktoren sind in Gesundheitsfragen überfordert. Nur fünf Studios erreichten hier mehr als die Hälfte der Punkte. Über den Kreuzbandriss fehlten oft Grundkenntnisse.

- Gravierendstes Beispiel: Der Instruktor im McFit im Zürcher Hauptbahnhof. Er vermutete das Kreuzband zunächst in der Wirbelsäule anstatt im Knie. Geschäftsleiter Stephan Burger weist den Vorwurf zurück. Bei der Stichprobe müsse ein Missverständnis aufgetreten sein, schreibt er dem Puls-Tipp.

- In sechs der zehn Studios fragten die Instruktoren nicht, ob das vordere oder das hintere Kreuzband gerissen sei. Dabei ist diese Information wichtig für die Auswahl der Geräte. Fünf Instruktoren schickten den Kunden an den Beinstrecker, ein Gerät, das nach einem Riss des vorderen Kreuzbands aus medizinischen Gründen tabu ist.

- Kein einziger Trainer hatte etwas dagegen einzuwenden, dass sich der Kunde auf der Finnenbahn fit hält. Diese ist für Menschen mit gesunden Gelenken sehr gut, aber Gift für Kreuzband-Verletzte. «Denn», sagt Fritz Bebie, «der sehr weiche Untergrund birgt für den lädierten Bänderapparat die Gefahr neuer Verletzungen.»

Ein ähnliches Resultat ergab sich für Kunden mit Bluthochdruck.

- Sechs von zehn Instruktoren fragten nicht, ob der Arzt eine Trainingsbelastung empfohlen hat.

- Immerhin: Drei Studios versuchten, sich ein eigenes Bild zu machen. Sie massen den Blutdruck des Kunden gleich an Ort und Stelle. Diese drei Studios, der Migros-Fitnesspark Münstergasse in Zürich, das TC-Center in St. Gallen und Holmes Place in Zürich, schnitten in der Stichprobe auch gesamthaft am besten ab.

Beim Training an den Geräten zeigten viele Instruktoren ebenfalls Schwächen. So korrigierten sieben von zehn Trainern die (falsche) Atmung der Testperson nicht. Das kann nach Meinung von Fritz Bebie problematisch werden: «Wenn die Übung so anstrengend ist, dass man die Luft anhält, entsteht ein Überdruck im Brustinnenraum. Dies kann schnell zu Kreislaufproblemen führen.»

Sobald eine Frage nichts mit der Trainingsroutine zu tun hatte, kamen einige Instruktoren ins Rudern: Nur sechs waren in der Lage, der (übergewichtigen) Testperson einfache Ernährungstipps zu geben. Die Trainerin bei Kieser meinte, man solle bei einem Mediziner nachfragen. «Wer zu viel wiegt, sollte weniger und fettarm essen. Das ist Basiswissen. Dazu sollte kein Arzt nötig sein», sagt Puls-Tipp-Experte Bebie.

Der Verweis auf den Arzt sei bei Kieser sogar eine Anweisung, entgegnet Dominic Wachter von Kieser-Training. «Wir wollen eng mit den Ärzten zusammenarbeiten. Deshalb gibt es bei uns auch einen eigenen Fragebogen für die behandelnden Ärzte der Kunden.» Davon sagte die Trainerin in der Probestunde allerdings kein Wort.

Ausdauertraining gehört für Bebie zu einem guten Fitnessangebot. Doch bei Kieser-Training gibts keine Ausdauergeräte. Deshalb konnte der Puls-Tipp das Studio nicht bewerten. Für ein Ausdauertraining brauche es keine Geräte, lautet die Kieser-Philosophie. Schliesslich könne ja jeder Kunde für sich im Wald laufen. Tatsächlich verbringen die Kunden in anderen Studios mehr als die Hälfte ihrer Zeit an Ausdauergeräten.

«Das ist auch richtig so», meint Bebie. Ausdauer sei für Fitness und Gesundheit wichtiger als Krafttraining. Waldläufe würden zwar viel bringen, es sei aber unrealistisch, von Berufsmenschen neben dem Gang ins Fitnessstudio auch noch mehrmals pro Woche solche zeitraubenden Ausdaueraktivitäten zu erwarten.

Konfrontiert mit diesen Argumenten, wartet Studioleiter Dominic Wachter mit einer Überraschung auf: Er hat den Franchise-Vertrag mit Kieser gekündigt - und bietet neu auch Ausdauertraining an. «Ich bin bei der Trainingsphilosophie im Kraftbereich gleicher Meinung wie Kieser, kann aber den Standpunkt in Sachen Ausdauer nicht mehr teilen», sagt er zur Begründung. «Vor allem Ältere und Rückenkranke brauchen die Möglichkeit, an gelenkschonenden Geräten ihre Ausdauer zu trainieren.»

Das Probetraining im Fitness-studio soll die Kunden animieren, teure Jahresverträge abzuschliessen. Deshalb ist es für die Instruktoren ein wichtiger Teil des Geschäfts. Viele erhalten einen Bonus, wenn sie bereits am Ende der Probestunde ein Abonnement verkaufen.

Wie weit das gehen kann, zeigt der Besuch bei Swiss Training in Zürich-Oerlikon, dem preisgünstigsten Center in der Stichprobe. Mit den Worten «Wir sind Verkäufer, keine Trainer», empfängt der Instruktor die Testperson. Zudem demonstriert er die Übungen nicht, sondern unterbricht das Training mehrmals, um an der Rezeption wartende Kunden zu bedienen. «Unsere Instruktoren sind oft im Stress», bestätigt der stellvertretende Studioleiter Michael Orlik. «Aber dafür kann man sich auch mehrmals begleiten lassen.»

Immerhin: Swiss Training bietet auch nach Abschluss des Vertrages mehrere betreute Trainerstunden. Holmes Place, McFit und Lady-Fit in Zürich sowie TC und Swiss Fitness in St. Gallen und Apollo Lady-Fit in Basel offerieren dies ebenfalls.

Selbstverständlich ist das nicht. In den anderen Centern, selbst beim Testsieger Migros Münstergasse, ist nur noch ein weiteres Einführungstraining üblich. Danach sind die Kunden auf sich allein gestellt. Sie müssen sich selber melden, wenn sie unsicher sind - oder hoffen, dass eine Instruktorin im Vorbeigehen ihre Fehler bemerkt.

«Ein begleitetes Training reicht zu Beginn auf keinen Fall aus», erklärt Fritz Bebie. «Unerfahrene Kunden können sich die Bewegungsabläufe nicht nach einem Mal merken.»

Hanspeter Baumberger, Leiter der Migros-Fitnessparks, sieht das anders: Pro Jahresvertrag seien zwei begleitete Trainingsstunden kostenlos, sagt er. Bei Anfängern finde die zweite Lektion bereits nach wenigen Wochen statt. Doch danach fehlt die Kontrolle für den gesamten Rest des Vertragsjahres. Es sei denn, die Kunden zahlen drauf: 45 Franken kostet eine Zusatzstunde mit dem Instruktor.


Trotz Qualitop-Siegel waren vier Studios nur «genügend»

Fitnesstraining ist eine Boom-Branche in der Schweiz. Viele Studios werben um die Gunst der Kunden. Dcoh - woran sollen sich Fitnessbegeisterte orientieren?

Die Puls-Tipp-Stichprobe zeigt: Der Preis ist keine Garantie für Qualität. Die meisten Studios versuchen, ihre Qualität zu beweisen, indem sie sich um das Qualitop-Siegel bewerben. Besitzt ein Studio dieses Siegel, erstatten viele Krankenkassen den Kunden einen Teil der Kosten.

In der Stichprobe hatten alle Studios bis auf Apollo Lady-Fit in Basel das Qualitop-Siegel. Doch nur vier dieser Betriebe schnitten mit «sehr gut» oder «gut» ab. Vier weitere bekamen nur die Note «genügend». Der Grund für diese Unterschiede: Qualitop stellt nur Mindestanforderungen an die Ausbildung der Trainer.

«Wir zertifizieren auch Studios, in denen niemand den eidgenössischen Fachausweis für Fitnesstrainer hat. Sonst könnten viele Studios nicht mehr existieren», räumt Qualitop-Geschäftsführer Paul Eigenmann ein. Dennoch: Etwa die Hälfte der Beanstandungen bei Qualitop-Prüfungen betreffen laut Eigenmann das Instruktionspersonal.

Fehlt das Qualitop-Siegel, sind selbst die Mindeststandards nicht mehr gewährleistet. Beispiel: Apollo Lady-Fit in Basel schnitt mangelhaft ab. In diesem Studio dürfen nur Frauen trainieren. Studiobesitzer Yves Lehner, der selbst auch Trainingsstunden leitet, ist allerdings ein Mann. Er sagt, er habe das Qualitop-Siegel nicht beantragt, weil nicht die Versicherten aller Krankenkassen von Rückzahlungen profitieren könnten. Dennoch sei sein Studio beliebt, weil es sich gut erreichbar im Zentrum von Basel befindet.

Seine Instruktorin übersieht aber schwerwiegende Fehlhaltungen und fehlerhafte Bewegungen der Testperson während des Probetrainings. Ausserdem mangelt es der Trainerin an grundlegenden Hygienekenntnissen: Sie bittet die Testperson, den entliehenen Gurt zum Pulsmessen mit dem eigenen Speichel (!) zu befeuchten, damit er funktioniert.

«So etwas ist natürlich nicht in Ordnung», räumt Lehner ein. «Diese Gurte befeuchtet man immer mit Wasser. Sie werden nach jedem Benutzen gereinigt.» Seine beiden Instruktorinnen seien allerdings noch in der Ausbildung. Kundinnen könnten ein zweites kostenloses Probetraining bei ihm absolvieren. Er sei diplomierter Sportlehrer. Von dieser Möglichkeit sagt die Instruktorin in der Teststunde kein Wort.



«Das Wissen vieler Instruktoren ist eng begrenzt»

Fitnessexperte Fritz Bebie beriet den Puls-Tipp bei der Stichprobe. Das Ergebnis hat ihn überrascht.

Herr Bebie, würden Sie sich nach einer Krankheit oder Sportverletzung ins Studio wagen?

Als Normalverbraucher sicher nicht. Mich hat schon überrascht, wie eng begrenzt das Wissen der Instruktoren ist. Zu viele Trainer haben schwerwiegende Mängel.


Welche zum Beispiel?

Bei Kunden mit Knieproblemen wie Kreuzbandriss müssen die Instruktoren zwingend auf ein Training mit dem Velo oder auf Aqua Jogging mit der Gewichtsweste (Wet Vest) hinweisen. Diese Methoden schonen die Gelenke beim Ausdauertraining am besten. Die Finnenbahn hingegen, die viele Instruktoren im Fitnesscenter empfehlen, ist in diesen Fällen überhaupt nicht geeignet.


Wie beurteilen Sie die Beratung in Bezug auf Bluthochdruck?

Etwa die Hälfte der Instruktoren hat hier keine Kenntnisse. Sie fragen nicht, ob die Kunden in ärztlicher Behandlung sind, ob sie Medikamente nehmen oder ob der Arzt ihnen gesagt hat, bei welcher Pulsfrequenz sie trainieren dürfen. Dabei ist gerade bei Bluthochdruck-Patienten die Abstimmung zwischen Arzt und Fitness-trainer extrem wichtig.


Woran liegen diese Mängel?

Viele Instruktoren empfehlen nur das, was ihr Studio anbietet. Sie wollen die Kunden nicht beraten, sie wollen ein Produkt verkaufen. Viele Studios wollen auf Teufel komm raus die Kosten senken. Das sieht man im Test auch daran, dass bei einem Drittel der Studios die Geräte nicht in Ordnung und ein Drittel nicht sauber ist. Aus Kostengründen bieten viele Studios nach Abschluss des Vertrags nur ein begleitetes Training. Das ist zu wenig!


Warum?

Weil gestresste Berufsmenschen sich die richtigen Bewegungen nicht so schnell merken können. So schleichen sich verhängnisvolle Fehler ein. Selbst motivierte Instruktoren können das nicht sehen, wenn sie auf 30 oder 40 Trainierende auf einmal achten müssen. Drei begleitete Trainings sollten im Preis enthalten sein.

01. September 2002


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