|
(0) |
Der offizielle Impfplan des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) empfiehlt für Kinder und Jugendliche insgesamt neun Schutzimpfungen. Dabei werden Kindern bis zum zweiten Lebensjahr nicht weniger als 26 Impfdosen zugemutet. Ist das wirklich nötig, oder ist der Impfplan überladen? Zwei Experten erläutern ihre unterschiedlichen Standpunkte zu diesem kontroversen Thema.
Pro
Der Impfplan ist keineswegs überladen. Auch der Zeitpunkt der Impfungen in den ersten zwei Lebensjahren ist nicht willkürlich. Im Gegenteil: Untersuchungen haben gezeigt, dass der natürliche Immunschutz nach der Geburt laufend abnimmt. Wann der Schutz abnimmt, ist für jede Krankheit anders. Das bedeutet auch, dass es für jede Krankheit einen Impfzeitpunkt gibt, der nicht verpasst werden darf. Diese Erkenntnisse sind in den Impfplan eingeflossen. Der Rat, nicht zu schnell nach der Geburt zu impfen, weckt die Vorstellung, dass man sich dafür Zeit lassen kann. Der unvorsichtige Ratschlag kann verheerende Folgen haben. Ausserdem dauert es eine gewisse Zeit, bis die immunisierende Wirkung der Schutzimpfung eintritt.
Die Krankheiten, gegen welche die Kinder geschützt werden sollen, sind sorgfältig bestimmt worden. Das BAG wird dabei von einer Impfkommission unterstützt, einer Gruppe von Experten verschiedenster Fachrichtungen. Der Impfplan ist kein Auswahlprogramm. Was passieren kann, wenn man gewisse Impfungen unterlässt, wurde in Grossbritannien überdeutlich. Der Entscheid, die Keuchhustenimpfung nicht zu verabreichen, hatte dort eine Epidemie zur Folge (1977-1983). 100 000 Kinder erkrankten, mehr als 30 starben. Auch die Masernepidemie dieses Jahr in Italien spricht eine deutliche Sprache: 20 000 Kinder erkrankten, 13 davon entwickelten eine Hirnhautentzündung und drei starben. Das sind drei zu viel.
Eine Impfung birgt zwar auch das Risiko von Komplikationen. Aber insgesamt verringern wir die gesundheitliche Gefährdung massiv. Beispiel Masern: Das Risiko, bei einer Erkrankung eine Hirnhautentzündung zu entwickeln, liegt bei 1 : 2000. Bei der Impfung der Krankheit schrumpft dieses Risiko auf 1 : 1 000 000.
Uns liegt viel daran, Eltern objektiv zu beraten. Wir üben keinen Zwang aus. Mit Impfungen können wir die Häufigkeit von hoch infektiösen Krankheiten reduzieren und damit auch mögliche Komplikationen wie Hirnschäden und Lähmungen. Impfen befähigt Mütter und Väter dazu, ihren Kindern ein hohes Mass an Lebensqualität zu erhalten und zu gewährleisten.
Contra
Wir leben in einer Zeit dramatisch zunehmender Allergien und Immunkrankheiten. Deshalb ist die Frage sicher berechtigt: Wie viele Impfungen sind tatsächlich notwendig? Es fällt nämlich auf, dass in Ländern mit forcierten Impfkampagnen wie Finnland Immunerkrankungen wie zum Beispiel die jugendliche Diabetes viel häufiger auftreten.
Dennoch: Gewisse Impfungen sind durchaus sinnvoll, etwa gegen Wundstarrkrampf, bisher auch gegen Kinderlähmung, gegen Röteln bei Schulabgängerinnen oder gegen Hepatitis B bei Risikogruppen.
Die Ausrottungskampagnen gegen die Kinderkrankheiten Masern, Mumps, Röteln und Keuchhusten bedeuten jedoch Eingriffe ins kindliche Immunsystem, deren Folgen heute noch weit gehend unbekannt sind. Offiziell anerkannt sind nur gerade die kurzfristigen Impfkomplikationen wie etwa Krampfanfälle und die Blutungskrankheit (ITP) bei der Masernimpfung, die rheumatische Arthritis bei der Rötelnimpfung, die Hirnhautentzündung bei der Mumpsimpfung.
Ungewiss sind auch die Auswirkungen auf die beiden Ökosysteme Mensch und Krankheitserreger. Mit zunehmender Durchimpfung treten Rückfallepidemien auf, die wesentlich gefährlicher verlaufen als früher die regelmässigen Krankheitswellen. Das konnte man kürzlich in Deutschland, Italien und Holland beobachten.
Die Impfkampagnen führen zum Impfzwang. In der Schweiz impfen höchstens vier Fünftel der Eltern ihre Kinder gegen MMR (Masern, Mumps, Röteln). Das ist aber gefährlich. Die Krankheiten treten dadurch nicht mehr im Kindesalter auf, sondern im Säuglings- und Erwachsenenalter. In diesen beiden Altersgruppen verlaufen die Krankheiten aber gefährlicher. Die Impfpromotion Schweiz muss deshalb die Eltern «zwingen, freiwillig mitzumachen». Nur: Damit gefährden wir auch die sinnvollen Impfungen.
Die anhaltende Impfdiskussion zeigt deutlich, dass sich auch Fachleute nicht einig sind über Notwendigkeit, Wirksamkeit und Sicherheit der Impfungen. Wichtig aber ist: Die Impffreiheit in der Schweiz muss erhalten bleiben.
11. September 2002
