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Artikel | saldo 16/2002

Milch macht nicht nur munter

Milch macht nicht nur munter

Milch steht wie kein anderes Lebensmittel für Natur und Gesundheit. Doch viele Menschen reagieren auf das Getränk mit Beschwerden.

Er ist auf keiner Karte verzeichnet, doch seine Ausmasse sind beachtlich: 200 Millionen Liter fasst der Schweizer Milchsee. Mit 50 Werbemillionen pro Jahr hilft der Bund den Absatz zu fördern. Doch die Konsumenten trinken immer weniger Milch. 1980 waren es 118 Liter, 2001 nur noch 84 Liter pro Kopf. Den Abwärtstrend vermochten auch neue poppige Drinks und die Auftritte der Werbekuh Lovely nicht zu verhindern. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht.

Der Mythos um das vielbeworbene Produkt wankt. Drohten Mediziner in früheren Jahren mit schrecklichen gesundheitlichen Folgen bei mangelndem Appetit aufs tägliche Glas Milch, sind die Mahnungen inzwischen leiser geworden.


Laktase-Mangel führt zu Blähungen und Durchfall

«Viele Menschen vertragen Milch nicht», sagt die Ernährungsberaterin Sonja Hutter. «Das ist heute unbestritten.» Der Körper reduziert nach dem ersten Lebensjahr die Produktion von Laktase, einem Enzym, das für die Aufspaltung von Milchzucker nötig ist. Die Folge dieses Mangels: Blähungen und Durchfall.

Etwa 80 Prozent der Asiaten und 70 Prozent der Afrikaner und Araber fehlt die Laktase. In Europa ist nur jeder Zehnte betroffen. Wer unter Laktase-Mangel leidet, kann die in der Milch enthaltenen Mineralien nicht aufnehmen. «Sich trotz Bauchweh zur täglichen Portion Milch zu zwingen», so Hutter, «ist also Unsinn.»


Allergiker: Verzicht auf Milch verringert oft die Symptome

Fast noch häufiger als ein Laktase-Mangel ist eine Unverträglichkeitsreaktion auf das Eiweiss der Milch. Corinne Furch-Trachsel, Ernährungsberaterin, schätzt, dass es hier eine hohe Dunkelziffer gibt. «Bei Erkrankungen mit vielfältigen Symptomen, wie etwa Allergien, sollte man abklären, ob eine Kuhmilcheiweiss-Unverträglichkeit vorliegt.»

Der Ernährungswissenschafter Dominique Hort behauptet sogar, dass sich bei vielen Allergikern die Symptome besserten, wenn sie Milch wegliessen. Sonja Hutter, die für den Arbeitskreis Ernährung und Verhalten die Eltern hyperaktiver Kinder berät, macht ähnliche Beobachtungen: «Die Kinder leiden alle auch an einer Milchallergie oder -unverträglichkeit.» Zum Teil wurde ihre Hyperaktivität durch diese Unverträglichkeit ausgelöst, zum Teil entwickelte sie sich im Laufe der Jahre. In jedem Fall geht es den Kindern besser, wenn Milch und Milchprodukte vollständig von ihrem Speiseplan verschwinden, so Hutter.

Strenge Vegetarier gehen einen Schritt weiter. In ihren Publikationen mokieren sie sich nicht nur über den Menschen als das einzige Säugetier, das von der Wiege bis zur Bahre Milch trinkt, dazu noch von einer fremden Spezies. Sie entlarven Kuhmilch auch als Ursache der übelsten Zivilisationskrankheiten: Fettleibigkeit, Verdauungsstörungen, Arterienverkalkung. Ihr Credo: Milch macht krank.

Unterstützung bekommen die Vegetarier von Alternativmedizinern. So rät die Paracelsus-Klinik in Lustmühle SG ganz vom Milchkonsum ab. Kuhmilch enthält dreimal so viel Protein wie Muttermilch. Laut Natascha Muff, Ernährungsberaterin der Klinik, «führt dies zu einer Verschleimung des Lymphsystems». Ausserdem sei Milch der grösste Kalzium-Räuber: «Um Milcheiweiss zu verarbeiten, braucht der Körper Kalzium.»


Kalziumlieferant: Gemüse bietet eine Alternative

Ein Vorwurf, der die Milchlobby ins Mark trifft. Auf der Gleichung «Milch gleich Kalzium gleich starke Knochen» baut schliesslich ihre Werbestrategie. Nicole Huwyler, Ernährungsberaterin der Schweizer Milchproduzenten SMP, kontert: «Es gibt Menschen, die Milch nicht vertragen. Deshalb aber ein Produkt ganz in Frage zu stellen, ist nicht sinnvoll. Milch liefert Proteine, Vitamine und Kalzium. Bis anhin konnten Aussagen wie "Milch ist ein Kalzium-Räuber" und "Milch verschleimt" nicht wissenschaftlich belegt werden.»

Einen Ausweg aus dem Dilemma pro oder kontra Milch weist vielleicht die Haltung der Arbeitsgemeinschaft Osteoporose Donna Mobile. «Milch ist ein wertvoller Kalziumlieferant», sagt die Präsidentin Beatrice Geier. «Doch wer keine Milch mag oder sie nicht gut verträgt, kann durchaus auf anderes ausweichen. Es gibt viele kalziumreiche Gemüse wie Broccoli, Rosenkohl, Lauch und Mangold. Hinzu kommen Sesam, Karottensaft und diverse Mineralwässer.»

Sigrid Cariola

09. Oktober 2002


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