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Auf Dauer erfolgreich sind nur Firmen, die klug mit der Umwelt und den Menschen umgehen. In solche Unternehmen zu investieren ist deshalb auch für die Anleger profitabler, sagt Andrea Dinevski vom VZ VermögensZentrum.
Sie haben Philosophie und Germanistik studiert. Warum sind Sie in der Finanzbranche gelandet?
Ich habe neben dem Studium einen Job gesucht und kam kurz nach der Gründung zum VZ VermögensZentrum. Zuerst betreute ich aushilfsweise Telefon und Empfang. Ich hätte damals nicht im Traum daran gedacht, dass ich länger bei dieser Firma bleiben würde.
Ich bin nach dem Studium beim VZ zuerst «on the job» ausgebildet worden und habe Kunden in Versicherungs- und Vorsorgefragen beraten. Am meisten interessierte mich das Thema Anlage. Die Erkenntnis, wie stark die Wirtschaft unser tägliches Leben beeinflusst, hat mich fasziniert. Mit der Ausbildung zur Finanzanalystin habe ich mir dann das theoretische Fachwissen geholt, das mir noch fehlte.
Sie propagieren heute eine nachhaltige Vermögensverwaltung, die dafür sorgt, dass das Geld der Anleger in Firmen investiert wird, die sich sozial und ökologisch vorbildlich verhalten. Was hat Sie dazu gebracht?
Das persönliche Interesse für Umweltthemen und soziale Fragen hat mich sensibilisiert. Von Anfang an - seit ich mich mit Kapitalanlage befasse, also schon seit bald zehn Jahren - leuchtete mir die Idee der Nachhaltigkeit ein: Ein Unternehmen, das eine langfristig ausgerichtete, nachhaltige Geschäftspolitik verfolgt, ist auch für Investoren attraktiv.
Stehen soziale und ökologische Anliegen nicht im Wiederspruch zum Profitstreben?
Ich bestreite nicht, dass Unternehmen primär dazu da sind, Geschäfte zu machen und Gewinne zu erwirtschaften. Von diesen Geschäften profitieren Lieferanten, Mitarbeiter, Konsumenten, Anleger und nicht zuletzt auch der Staat. Die Rechnung geht für alle Beteiligten auf, vorausgesetzt ein Unternehmen wirtschaftet fair und gesetzeskonform.
Die Schwierigkeit liegt darin, das anständige Verhalten anhand nachvollziehbarer Kriterien zu überprüfen. Diese Diskussion ist heute im Gang. Natürlich bleibt ein Rest von Subjektivität in jeder Bewertung.
Warum ist Nachhaltigkeit zu einem Megatrend im Bereich der Kapitalanlage geworden?
In Europa haben die Umweltskandale zu einem Umdenken vieler Anleger geführt. Immer mehr Investoren verlangen heute, dass ihr Geld in Firmen angelegt wird, welche die schädlichen Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf die Umwelt und auf die menschliche Gesundheit minimieren. In den USA, wo die Diskussion über das Thema Nachhaltigkeit schon länger geführt wird, waren dagegen soziale Themen ausschlaggebend.
Was bringt es den Aktionären, wenn die Unternehmen umweltschonend handeln?
Unternehmen, die ökologische Prinzipien in ihren Geschäftsgrundsätzen verankern, umweltschonende Technologien einsetzen und Rohstoffe und Energien effizient nutzen, verschaffen sich Kosten- und Wettbewerbsvorteile.
Die Vorwegnahme künftiger Umweltvorschriften reduziert die Geschäftsrisiken und verbessert die Marktstellung. Vor allem bei stark umweltbelastenden Branchen wie Chemie, Erdöl oder Automobil fällt ökologisches Handeln ins Gewicht. Jene Firmen, die ökologisch nachhaltig wirtschaften, sind einfach zukunftsfähiger.
Bei Ihrem Anlagekonzept setzen Sie auf Firmen wie BMW, Royal Dutch Shell oder RWE, deren Umweltfreundlichkeit zumindest umstritten ist. Sind das nachhaltig wirtschaftende Firmen?
Ich unterscheide zwischen Nachhaltigkeit in einem pragmatischen und Nachhaltigkeit in einem radikalen Sinn. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Pragmatische Nachhaltigkeit heisst für mich, die kapitalstarken Unternehmen einer Branche zu finden, welche die Entwicklung am stärksten in die richtige Richtung vorantreiben. Bei ihnen ist die unmittelbare Wirksamkeit am grössten.
Von den dreissig weltweit tätigen Automobilkonzernen haben vier das Prädikat «nachhaltig» erhalten und sind in den Dow Jones Sustainability Index aufgenommen worden. BMW hat ein Programm realisiert, das vom Rohstoff bis zur Entsorgung Verbesserungen beim Recycling und eine Reduktion von Schadstoffen bringt. Ausserdem hat BMW als erster Autokonzern ein wasserstoffbetriebenes Fahrzeug auf die Strasse gebracht.
Ein radikaleres Konzept von Nachhaltigkeit verfolgt der Natur-Aktien-Index. Dieser Ansatz umfasst nicht nur eine ganze Reihe von Ausschlusskriterien wie Nuklearenergie, Waffen und Tabak. Er sucht auch nach Firmen, die kompromisslos ökologisch ausgerichtet sind. Diese Art der Anlage leistet einen wichtigen Beitrag bei der Förderung von Innovationen. Mit einer konsequenten Nachhaltigkeit ist man auf der Suche nach der Welt von morgen.
Doch die Anlagemöglichkeiten sind in diesem Bereich beschränkt. Die meisten Unternehmen, die den radikalen Anforderungen entsprechen, sind noch relativ klein und die Titel zum Teil nur wenig liquide. Für Anlagefonds und Vermögensverwalter ist das problematisch.
Wenn man das grosse Publikum ansprechen will, braucht man pragmatische Schritte in Richtung Nachhaltigkeit.
Wie wichtig ist die Diskussion um die Unternehmensführung und das Verhalten der Manager?
Die Art und Weise, wie Unternehmen geführt werden, wird immer wichtiger. Transparenz und ehrliche Information gegenüber den Aktionären und der Öffentlichkeit wird in Zukunft mit entscheidend dafür sein, ob Unternehmen als nachhaltig eingestuft werden oder nicht. Auch die Selbstbedienungsmentalität, die sich in manchen Top-Etagen breit gemacht hat, ist nicht akzeptabel. «Good Governance» gehört untrennbar zu nachhaltig arbeitenden Unternehmungen.
Was unterscheidet gut geführte Unternehmen von den anderen?
Gut geführte Unternehmen setzen ihren Ruf nicht für kurzfristige Vorteile aufs Spiel. Sie stehen zu ihrer Verantwortung gegenüber Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern. Gut geführte Firmen bauen Vertrauen auf und verdienen es auch. Da ist das Umweltverhalten nur einer von vielen Aspekten. Die Qualität der Führung zeigt sich zum Beispiel auch am Umgang mit Themen wie Korruption, Kartellabsprachen oder Kinderarbeit.
Steht hinter der nachhaltigen Vermögensverwaltung nicht ein idealistischer Ansatz, der letztlich auf Kosten der Rendite geht?
Nachhaltigkeit ist ein rationales Konzept, das auch einem renditeorientierten Anleger einleuchten sollte. Die Investoren entdecken inzwischen immer mehr, dass Firmen auf Dauer wirtschaftlich erfolgreicher sind, wenn sie nachhaltig arbeiten. Weil sie Risiken ernst nehmen und Kontinuität gross schreiben, ist ihre Wertentwicklung beständiger. Das lohnt sich auch für den Anleger.
Die Börse urteilt täglich über den Wert von Firmen? Sind da aktuelle Profite nicht viel wichtiger?
An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Das Einzige, was die Börse wirklich interessiert, ist die Fähigkeit der Unternehmen, in Zukunft Geld zu verdienen. Die Börse versucht zu bewerten, ob eine Firma in der Lage ist, in Zukunft Geld zu verdienen, und wenn ja, wie viel.
Neben der finanziellen Stärke sind auch Innovationskraft, Sozialkompetenz und Umweltverhalten entscheidend für das Überleben und den wirtschaftlichen Erfolg einer Unternehmung in der Zukunft. Nachhaltigkeit ist deshalb ein sehr taugliches Auswahlkriterium für die Anleger.
Rentieren nachhaltige Anlagen denn besser als konventionelle?
Der Beweis, dass die Performance nachhaltiger Anlagen besser ist, steht noch aus. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung. Wenn die Messinstrumente zur Identifikation von nachhaltig geführten Unternehmen ausgereifter sind, werden sich die Vorteile auf der Renditeseite zeigen. Bis heute lässt sich immerhin nachweisen, dass die Renditen nicht schlechter sind. Das ist auch schon eine Erkenntnis. Weitere werden folgen!
Interview: Meinrad Ballmer
01. Oktober 2002
