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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2002

Hormon-Kur: Männer im Jugendstress

Ab 50 gehts mit den Männern bergab: Bauchansatz, schlaffe Muskeln und kaum Lust im Bett. Findige Ärzte erklären nun das Altern beim Mann zur Krankheit. Ihre Lösung: Das Hormon Testosteron. Doch Nutzen und Risiken sind noch kaum erforscht.

Als Hugo Schönholzer 52 war, kam der Einbruch: Er fühlte sich müde, lustlos und ausgelaugt. «Ich hatte leichte Depressionen», erzählt der 55-Jährige aus Stans (NW). Gleichzeitig gab es tief greifende Änderungen in seinem Leben: Am Arbeitsplatz liess er sich umschulen, denn seine Stelle als Konstrukteur wurde gestrichen. Und das seit 20 Jahren nebenbei geführte Spielwarengeschäft gab er auf.

Für Schönholzers Arzt war der Fall klar. «Er tippte sofort auf Wechseljahr-Beschwerden und mass meinen Testosteron-Wert. Er war nur halb so hoch wie normal», erzählt Schönholzer. Seit zweieinhalb Jahren erhält er regelmässig eine Testosteron-Spritze. Und er fühlt sich heute tatsächlich besser. «Ich bin wieder aktiv. Ich unternehme mehr mit meiner Frau und pflege meine Hobbys intensiver.» Zwar würde er jetzt gerne damit aufhören, doch sein Arzt rät ihm davon ab.

Viele Männer haben um die 50 ähnliche Beschwerden wie Frauen in den Wechseljahren. Sie fühlen sich müde, schwitzen und haben Stimmungsschwankungen. Aber bei Männern gibt es keinen abrupten Hormonrückgang wie bei Frauen. Der Testosteronwert im Blut sinkt langsam - und das bereits ab 25 Jahren. Das ist normal.

Dennoch wittern Ärzte und Pharmafirmen ein Geschäft. Sie schufen einen neuen Krankheitsbegriff: Das PADAM-Syndrom - Partial Androgen Deficiency in Aging Male, das heisst «teilweiser Androgenmangel beim alternden Mann». So wird fast jeder Mann über 50 zum Patienten gemacht. Die Therapie: Die «verlorenen» Hormone durch künstliche ersetzen - mit Pillen, Spritzen oder Pflastern. Ganz so wie bei Frauen ab den Wechseljahren. Für den neuen Kunden gibt es auch gleich einen neuen Spezialarzt: den Männerarzt oder Andrologen. Seine Botschaft: Ältere Männer fühlen sich schlechter als junge, weil ihnen Testosteron fehlt. Dank Hormonersatz sollen sie wieder leistungsfähig werden.

Der Zürcher Arzt Christian Sigg ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Andrologie. Er verspricht sich viel von der Testosteron-Therapie: «Sie ermöglicht Männern ein viel angenehmeres Alter.» In einer Broschüre malt er ein rosiges Zukunftsbild: «Der moderne alternde Mann ist informiert, gebildet und vermögend und damit grundsätzlich einer so genannten Ersatztherapie - die keineswegs nur auf das Testosteron beschränkt ist, sondern auch Wachstumshormon, Melatonin und Nebennierenrinden-Hormone umfasst - zugänglich.»

Der deutsche Arzt Karl Matheis schreibt auf seiner Internetseite www.forum-maennerarzt.de: «Wir betrachten es nicht als unabänderlich, dass ein im Jahr 2000 geborener Junge in Deutschland eine mittlere Lebenserwartung von 74 Jahren hat, ein Mädchen (...) dagegen mehr als sechs Jahre älter wird.» Matheis will das ändern dank einem Anti-Aging-Programm mit Hormonersatz und Vitaminpillen. Schliesslich, so Matheis, werde bei den Frauen der Hormonersatz «schon seit Jahren sehr erfolgreich betrieben».

Was Matheis ignoriert: Die Euphorie über die Hormontherapie bei Frauen ist verflogen. Eine amerikanische Studie über den Östrogenersatz bei Frauen wurde diesen Sommer abgebrochen, weil sich zeigte, dass die Hormone mehr schaden als nützen (siehe Puls-Tipp 9/02). Der amerikanische Altersmediziner John B. McKinlay warnt deshalb: «Wir sind dabei, das Östrogendebakel zu wiederholen.»

Denn auch beim Männerhormon Testosteron gilt: Es gibt keine kontrollierten Langzeitstudien, die den Nutzen von langjährigen Therapien beweisen. Auch über die Risiken weiss man noch viel zu wenig.


Die Langzeitwirkung ist viel zu wenig erforscht

Kritiker melden sich nun auch in der Schweiz. Christian Meier, Hormonspezialist am Kantonsspital Basel: «Man kann das Altern nicht bremsen. Mit Androgenen als verheissungsvollem Jungbrunnen wird viel Schabernack getrieben», warnt er. Zudem: «Der Zusammenhang ist bei den meisten Beschwerden überhaupt nicht bewiesen. Viele sind sehr unspezifisch. Müdigkeit und depressive Verstimmungen können viele andere Ursachen haben, auch wenn der Testosteronspiegel tief ist.»

Einige Ärzte behaupten, dass Männer das Testosteron bis zum Lebensende nehmen müssen. «Das ist sehr extrem und aggressiv», entgegnet Hormonspezialist Meier. Man wisse noch viel zu wenig über die Folgen einer langjährigen Therapie. Die längste Studie dauerte nur drei Jahre. Meier würde deshalb nur wenige Jahre Testosteron geben. Vorausgesetzt: Die Werte sind sehr tief und es gibt keine anderen Ursachen für die Beschwerden. «Auch wenn die Therapie anschlägt, muss man regelmässig Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen», so Meier.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass der Testosteronersatz die Prostata vergrössern kann, einen bestehenden Prostatakrebs wachsen lassen kann und Schlafapnoe (Atempausen im Schlaf) verstärkt. Zudem kann sich Wasser im Gewebe ansammeln und die Brust wachsen.

Männerarzt Christian Sigg wiegelt ab: «Wenn der Arzt die Therapie sorgfältig macht und regelmässig die Prostata untersucht, besteht keine Gefahr.»

Doch Wissenschaftler sind sich noch nicht einmal im Klaren darüber, wie viel Testosteron für einen 50-Jährigen normal ist. Also nehmen sie einfach einen tiefen Wert von jungen Männern als Grenzwert. Aber auch so hätten nur 20 Prozent der 60- bis 80-Jährigen einen sehr tiefen Testosteronwert.


Auch mit wenig Testosteron ein gutes Lebensgefühl

Trotz tiefem Testosteronspiegel kann man sich wohl und zufrieden fühlen. Das bestätigt eine Studie der Universität Frankfurt am Main mit 304 Männern im Alter von 35 bis 64 Jahren. Die Männer mit einem tiefen Testosteronwert schätzten ihre Sexualität und Leistungsfähigkeit sogar als viel besser ein als Männer mit sehr hohen Werten.

Das bestätigt auch Jürg Eggenberger * aus Zürich: «Ich fühle mich fit. Auch beim Sex hatte ich noch nie Probleme.» Sein Testosteronwert ist aber tief. Das ergab eine Blutanalyse. Seither bekommt er Spritzen vom Hausarzt - obwohl er nie Beschwerden hatte. «Jetzt ist Schluss damit», sagt Eggenberger. Er ist nicht mehr bereit, sich den Risiken des Medikaments auszusetzen. Stattdessen setzt er auf Fitnesstraining und verlässt sich auf seine positive Lebenseinstellung.

Dieser Meinung ist auch Hormonexperte Christian Meier: «Männer sollten sich rechtzeitig mit dem Alter auseinander setzen und sich um ein aktives Älterwerden bemühen.»

*Name geändert



Das hebt den Testosteronspiegel

- Machen Sie mindestens dreimal pro Woche eine halbe Stunde Ausdauertraining.

- Essen Sie genügend Zink. Es ist für den Testosteronaufbau nötig. Viel Zink hat es in Käse, Fisch, Fleisch, Nüssen, Hülsenfrüchten und Gemüse.

- Meiden Sie Übergewicht, Nikotin, Alkohol und Stress.

- Regelmässiger Sex wirkt positiv auf den Testosteronspiegel.

- Sie können auch Phytoandrogene probieren. Das sind pflanzliche Stoffe, die ähnlich wirken wie Hormone. Sie sind enthalten in Soja, Ginseng, Brennnessel-Wurzel und Hafer. Es gibt sie als Fertigpräparate in Drogerien und Apotheken.



Wechseljahre: Pflanzliche Hormone können Beschwerden lindern

Ärzte verschreiben Hormone für Männer erst seit kurzem. Frauen bekommen sie schon jahrzehntelang. Doch kürzlich wurde eine grosse Studie in den USA gestoppt, weil sie ergab, dass die Hormontherapie mehr schadet als nützt.

Alternativen sind gefragt. Eine davon: Phytoöstrogene. Diese Pflanzenstoffe wirken ähnlich wie Östrogen. Sie sind vor allem in Sojaprodukten enthalten, aber auch in Linsen und anderen Hülsenfrüchten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Phytoöstrogene nicht nur Wechseljahrbeschwerden lindern, sondern auch Osteoporose und Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen.

Mehr dazu lesen Sie im neuen Puls-Tipp-Ratgeber «Tipps für die Wechseljahre». Weitere Themen: Osteoporose, Ernährung, Hitzewallungen und Sexualität. Ein Kapitel befasst sich mit den Wechseljahren beim Mann.

06. November 2002 | Sonja Marti smarti@pulstipp.ch


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