|
(0) |
Einsamkeit und das Gefühl von Nutzlosigkeit stürzen viele Menschen über 60 in eine tiefe Depression. Um eine Selbsttötung zu verhindern, ist oft professionelle Hilfe notwendig.
Das Schlimmste war für mich, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte.» Die 77-jährige Elisabeth V. atmet tief durch. Über ihre Lebenskrise und die damit verbundenen Selbsttötungsgedanken zu sprechen, löst in ihr immer noch ein Unbehagen aus.
Vor zehn Jahren zog das Ehepaar in sein damals neu gebautes Haus. Die beiden Kinder waren bereits ausgeflogen, der Ehemann trotz Pensionierung oft unterwegs. Die gelernte Hutmacherin konnte sich neben Haushalt und grossem Garten voll und ganz ihrer Leidenschaft, der Bildweberei, widmen. Eigentlich hatte sie alles, was zu einem lebenswerten Dasein gehört. Trotzdem: Elisabeth V. war in ihrem grossen Haus oft alleine. Ihr fehlten Gesprächspartner. Die Arbeit im Haushalt und in dem grossen Garten wurde ihr zunehmend zur Last.
Die neurologische Untersuchung zeigte keinen Befund
Als innerhalb kurzer Zeit auch noch ihre beiden Brüder starben, traten bei ihr die ersten körperlichen Symptome einer Depression auf. «Es begann mit einem Kribbeln in den Beinen, mit Schlaflosigkeit und Zittern in den Händen», sagt die Seniorin. Ihr Hausarzt überwies sie schliesslich wegen der Schmerzen zur neurologischen Untersuchung - ohne Befund.
Elisabeth V. konnte den Alltag kaum mehr bewältigen. Sie war verzweifelt, konnte sich selber nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. Tagelang grübelte sie. Die Ursache für ihre depressive Krise fand sie nicht. Ihr Zustand verschlimmerte sich so weit, dass sie an nichts mehr Interesse hatte - auch nicht am Leben.
Der Ehemann überredete sie, zu einer Psychiaterin in eine Therapie zu gehen. Die Schmerzen wurden aber trotz Therapie schlimmer. Der Rat, sich an Spezialisten in der psychiatrischen Klinik zu wenden, schockierte sie. «In die Psychiatrie wollte ich auf gar keinen Fall.»
Eine Einweisung in die Klinik war unumgänglich
Elisabeth V. wollte sich zusammennehmen. «Ich dachte nur noch daran, wie ich mir das Leben nehmen könnte. Ich wollte endlich Ruhe haben», sagt die Rentnerin. Eine Einweisung in die Klinik war schliesslich unumgänglich.
«Jetzt bin ich froh, professionelle Hilfe gefunden zu haben.» Mehrere Wochen verbrachte sie in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Neben der medikamentösen Therapie mit Antidepressiva konnte sie durch gesprächs- und gruppentherapeutische Angebote den Weg aus der Krise finden. Auch ein Jahr nach dem Klinikaufenthalt ist Elisabeth V. bei einem Psychiater in ambulanter Nachbetreuung. «Ab und zu spüre ich die Nachwehen der Krise schon noch», sagt sie, «aber für mich ist das Leben jetzt wieder lebenswert.»
Krise verändert die Betroffenen
Gefährdete Personen
- ziehen sich zurück, brechen langjährige Kontakte ab;
- klagen über Appetitlosigkeit und wechselnde körperliche Beschwerden;
- beginnen persönliche Gegenstände zu verschenken, bringen plötzlich Ordnung in Dinge, die sie bislang vernachlässigt hatten;
- stellen Dinge und Werte in Frage, die bisher für sie wichtig waren;
- geben Aussagen von sich wie: «Es hat doch alles keinen Sinn mehr.» Oder: «Am besten wäre es, wenn es mich nicht mehr gäbe.»
"Auch im Alter ist es wichtig, ein Ziel zu haben"
Rund ein Drittel der Selbsttötungen in der Schweiz werden von Menschen ausgeübt, die über 60 Jahre alt sind. Peter Bäurle, leitender Arzt der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen TG, gibt Auskunft über Gründe und Behandlung.
Puls: Welche Faktoren führen dazu, dass ältere Menschen sich umbringen wollen?
Peter Bäurle: Das Alter selbst, männliches Geschlecht und Einsamkeit zählen zu den grössten Risikofaktoren. Bei 80 Prozent der alten Menschen, die sich umbringen wollten, lag eine Depression zugrunde. Die Gründe für Depressionen sind vielfältig: Betroffene sind krank, isoliert von der Gesellschaft, die geprägt ist durch ein negatives Altersbild. Sie fühlen sich ungeliebt und haben vielleicht einen lieben Menschen verloren. Körperlicher Zerfall, gesellschaftliche Nutzlosigkeit nach der Pensionierung, Angst, die Selbstständigkeit zu verlieren, machen für viele das Alter nicht mehr lebenswert.
Äussert sich die depressive Krise im Alter anders als bei jungen Menschen?
Bei älteren Menschen äussert sich eine Krise mehr über den Körper. Appetitverlust, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Mattigkeit, aber auch schlechtere Gedächtnisleistungen und Konzentrationsstörungen können Anzeichen sein.
Was kann man tun, um Krisen und Suiziden vorzubeugen?
Bei Menschen mit Depressionen ist sicherlich die Behandlung gleichzeitig auch die Prophylaxe. Menschen, die in tragfähigen Beziehungen leben oder einen gewissen Halt in der Religion finden, sind weniger gefährdet. Ganz alltägliche Dinge spielen eine Rolle, um einer Krise vorzubeugen: beispielsweise eine Ernährung, die reich an B-Vitaminen, Folsäure und Omega-3-Fettsäuren ist. Regelmässige körperliche Betätigung, Sonnenlicht und Humor gehören ebenfalls dazu. Jeder Einzelne von uns kann etwas zur Prävention beitragen: Wir müssen unsere Einstellung zum Alter korrigieren. Denn: Gesellschaften, in denen das Alter einen hohen Stellenwert hat, weisen eine tiefere Suizidrate für alte Menschen auf.
Welche Rolle spielen die Angehörigen bei einem Suizid?
Eine Selbsttötung hat mit Aggression zu tun. Wut, die oftmals andern gilt, wird auf sich selber gerichtet. Angehörige spüren das und fühlen sich schuldig. Aber oft müssen Angehörige auch Wut unterdrücken, wenn sich jemand das Leben nimmt. Ich würde auch ihnen eine therapeutische Begleitung empfehlen.
Welche Therapie kommt bei alten Menschen in Frage?
Die Kombination von Medikament und Psychotherapie ist optimal. Insbesondere Verhaltenstherapie hat sich auch bei alten Menschen als Psychotherapie bewährt. Gestaltungs-, Musik- oder Gruppentherapien oder komplementärmedizinische Therapien und auch Entspannungstechniken sind hilfreich. Es muss darauf geachtet werden, dass der Patient den Alltag bewusst gestaltet und die Beziehungen zu seiner Umwelt pflegt.
20. November 2002 | Christian Messerli
