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Unbemerkt wuchs während Jahren ein Tumor in seinem Kopf. Nach einem Sturz litt er an schweren Sehstörungen. Erst da wurde Roger Zehringer klar, dass etwas nicht mehr stimmte.
Roger Zehringer (53) hatte Glück: Sein Tumor gehört zu den «gutartigen» Hirntumoren. Dennoch bedeutete die Diagnose im Februar 2000 einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. «Ich hätte doch nie an einen Tumor gedacht», erinnert er sich heute, «ich dachte, dass etwas mit meinen Augen nicht in Ordnung sei.»
Der Tumor hatte vermutlich schon mehr als zehn Jahre vor seiner Entdeckung zu wachsen begonnen. Zuerst beeinträchtigte er die Funktion der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), dann schädigte er den Sehnerv des rechten Auges. Durch die Störung der Hypophyse bekam Roger Zehringer zu wenig Hormone. Damit erklärt er sich heute - unter anderem - sein stark phlegmatisches Verhalten in jener Zeit. «Das ist aber schwer zu beurteilen, weil ich schon vom Typ her eher ein ruhiger, zurückhaltender Mensch bin.»
Zwei Operationen waren nötig, um den Tumor zu entfernen
Es kam plötzlich: Eines Morgens stand Zehringer auf und hatte Krämpfe in den Beinen: «Ich stakste wie Nurejev übers Parkett.» Dann fiel er auf den Rücken und holte sich eine leichte Gehirnerschütterung. Als etwa einen Monat später die Sehstörungen anfingen, dachte er zuerst an eine Folge dieses Sturzes. Doch die Augenärztin überwies ihn ins Kantonsspital. «Der Arzt sah sich die Bilder der Untersuchung an und sagte zu mir, ich würde gleich am nächsten Tag operiert werden.» Zwei Operationen und eine gezielte Bestrahlung (Gammaknife) waren notwendig, um dem Tumor den Garaus zu machen.
Partnerschaft wurde auf die Probe gestellt
Im Gegensatz zu anderen Tumorpatienten hatte Roger Zehringer eigentlich keine Zeit, sich mit seiner Krankheit oder mit dem operativen Eingriff richtig auseinander zu setzen, dafür ging alles viel zu schnell. Die Verarbeitung kam erst hinterher. «Ich merkte in jener Zeit, wie wichtig mein persönliches Umfeld war. «Ich suchte die Nähe von anderen Menschen, vor allem aber zu meiner Partnerin. Gleichzeitig hatte ich riesige Angst davor, dass gerade wegen meiner Krankheit die Partnerschaft auf eine Zerreissprobe gestellt würde, der sie nicht standhalten könnte.» So kam es denn auch. Die Gefühlsschwankungen, die nicht zuletzt durch den gestörten Hormonhaushalt verursacht wurden, blieben nicht ohne Folgen.
Hormontherapie ist für den Rest des Lebens notwendig
Heute nimmt es Roger Zehringer bewusst ruhiger. «Ich sage auch mal Nein, wenn mir etwas zu viel wird.» Ausserdem pflegt er mit grossem Engagement sein Hobby, das Piccolo-Spiel. «Wenn ich auf der Bühne stehe und spiele, dann bin ich in einer anderen Welt. Dann wird alles andere auf einmal ganz klein und nebensächlich.»
Angst vor einem neuen Tumor hat Zehringer nicht. Dafür geht er jährlich zur Nachkontrolle. Zusammen mit den Hormonspezialisten des Kantonsspitals Basel hat Zehringer eine Hormontherapie zusammengestellt, die seine geschwächte Hypophyse medikamentös unterstützt.
Aber die voraussichtlich lebenslange Einnahme dieser Hormonpräparate stört Roger Zehringer kaum: «Wenn ich sehe, was andere Menschen auf sich nehmen müssen, dann sind diese paar Tabletten und die Wachstumshormonspritze doch ein Klacks.»
Bösartige Variante ist meist nicht heilbar
Nur ein Drittel aller Hirntumoren sind hirneigene (primäre) Tumoren. 70 Prozent aller Hirntumoren sind Metastasen, das heisst, der Primärtumor sitzt an einem anderen Ort im Körper.
- Gutartige Hirntumoren wachsen in der Regel sehr langsam und bleiben oft lange unentdeckt. Erst wenn sie so gross sind, dass sie genügend Druck auf das umliegende Gewebe ausüben, wird ihr Einfluss spürbar. In der Regel sind das Kopfschmerzen. Wenn zu solchen - bisher ungewohnten - Migräneanfällen noch weitere Symptome wie zum Beispiel Seh- oder Sprechstörungen, Kribbeln in den Extremitäten, epileptische Anfälle, Lähmungserscheinungen oder auffällige Veränderungen des Persönlichkeitsbildes hinzukommen, dann ist es höchste Zeit, das Hirn von einem Neurologen untersuchen zu lassen. Meist lassen sich gutartige Tumoren operativ vollständig entfernen.
- Bösartige Hirntumoren entwickeln sich viel schneller als gutartige. Meist sind sie nicht heilbar. Auch wenn sich ein Primärtumor operativ entfernen lässt, taucht häufig nach kurzer Zeit ein neuer auf. Bestrahlung und Chemotherapie werden oft eingesetzt, können die Entwicklung eines bösartigen Tumors jedoch meist nur bremsen, nicht stoppen.
Für die meisten Patienten bricht mit der Diagnose Hirntumor eine Welt zusammen. Hier helfen Vereinigungen wie Fragile Suisse. Die Organisation kämpft für die Rechte hirnverletzter Menschen. Selbsthilfegruppen und regionale Vereinigungen werden unterstützt und gefördert.
Fragile Suisse Zentralsekretariat, Beckenhofstr. 70, 8006 Zürich, Tel. 01 360 30 60, Fax 01 360 30 66, E-Mail: mail@fragile.ch, Internet: www.fragile.ch
Tumorrisiko nicht nachgewiesen
Der Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Handy-Strahlung besteht, wird immer wieder laut. Die Studien sind widersprüchlich. Raoul Heilbronner, leitender Arzt Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen: «Einen sicheren Beweis, dass das Handy örtliche Tumoren hervorruft, gibt es bis anhin nicht. Man darf davon ausgehen, dass das zusätzliche Tumorrisiko - sollte es tatsächlich nachgewiesen werden - sehr klein sein wird.»
Für besorgte Handy-Zeitgenossen gibt die deutsche Ärztezeitung (www.aerztezeitung.de) Tipps, wie man das Risiko verringern kann:
- Möglichst häufig das Festnetz benutzen und das Handy ausschalten.
- Bei Verbindungsaufbau weg vom Ohr: Das Handy strahlt besonders stark, wenn die Verbindung aufgebaut wird.
- Auto-Aussenantenne installieren: Im Auto muss das Handy mit voller Leistung senden. Fenster öffnen nützt nichts.
- Auf gute Verbindung achten: Bei einer schlechten Verbindung verstärkt das Handy die Sendeleistung.
04. Dezember 2002 | Christian Breitschmid
