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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2002

Silvester mit Atemschutz-Maske

Manche Menschen leiden stark unter Silvester- und 1.-August-Feuerwerk: Der giftige Qualm verursacht bei ihnen Schwindel, Herzstörungen und Asthma-Anfälle.

Bald ist Silvester. Dann steigen wieder die Raketen, speihen die Vulkane. Der farbige Lichterregen erfreut viele. Doch Feuerwerk beschränkt sich längst nicht mehr auf Silvester und 1. August. Es zischt und knallt bereits Tage vorher, und auch danach ist noch längst nicht Schluss. Am 20. Juli zum Beispiel war der Himmel in Bern-Liebefeld erleuchtet. Gross-Feuerwerke fanden auch am 20. September in Zürich-Höngg statt - und am 19. November am Seeufer von Zürich-Wollishofen.

Vor allem Vereine, Firmen und Private lassen es durchs ganze Jahr hindurch immer häufiger krachen. Die Statistik zeigt: 1997 gingen in der Schweiz rund 680 Tonnen Feuerwerk in die Luft. Letztes Jahr waren es 1450 Tonnen - mehr als doppelt so viel.


«Ich bekomme akute Atemprobleme»

Jetzt gehen Feuerwerksgegner auf die Barrikaden. «Wir sind nicht länger bereit, den ständig zunehmenden Lärm und Gestank zu tolerieren. Der Qualm verursacht gesundheitliche Beschwerden», sagt Pierre Wissler aus Ostermundigen BE. Wissler gehört zu einer Gruppe von etwa zehn Leuten aus der ganzen Schweiz, die Anfang Dezember den Verein Stopp Feuerwerk gegründet haben. Darunter sind Juristen, Chemiker, Lehrer und ein Pfarrer.

Ihr Ziel: Den Verbrauch von Feuerwerk eindämmen. «Am 1. August und an Silvester haben wir Verständnis, wenn sich das Feuerwerk in einem verträglichen Rahmen hält. In der übrigen Zeit aber muss Schluss sein damit.» Silvester sei in einen Knallexzess ausgeartet. Eine Minderheit erfreue sich daran, die meisten Leute jedoch würden darunter leiden.

Zum Beispiel die Asthmatikerin Jeannette Schwendeler aus Bäch SZ. Sie belastet Feuerwerk vor allem dann, wenn sie das Asthma mit den Medikamenten nicht gut unter Kontrolle habe. «Ich weiche dem Qualm aus oder entferne mich weit genug», sagt sie. Wie Jeannette Schwendeler leiden fünf Prozent der Erwachsenen unter Asthma und sieben Prozent der Kinder. Adolf Koller, 64, aus Goldach SG sagt: «Wenn ich in den Rauch von Feuerwerk gerate, bekomme ich akute Atemprobleme.» Der Rentner leidet an einem Lungenemphysem.

Jean-Pierre Zellweger, beratender Arzt der Lungenliga Schweiz, bestätigt: «Es gibt zahlreiche Patienten, die auf Reizstoffe wie solche in Feuerwerk reagieren.» Gefährlich wird es, wenn jemand zusätzlich wenig Atemreserven hat, zum Beispiel durch eine Erkältung oder eine Allergie. «Im schlimmsten Fall», so der Lungenspezialist Peter Berg aus Zürich, «bekommt man einen schweren Asthma-Anfall.»

Ein Blick auf die Statistiken der Schweizer Luftmessstationen zeigt: An Silvester und 1. August hat es mancherorts bis zu 250 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft - fünfmal so viel, wie der Grenzwert vorschreibt. «Der Feinstaub entzündet die Schleimhäute im Nasen- und Rachenraum und gelangt bis tief in die Lunge», erklärt Peter Berg.


Studie aus Hawaii belegt Gesundheitsrisiko

In der Schweiz hat man noch nie Lungenpatienten nach einem Feuerwerk untersucht. Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) hat dazu einzig eine Studie aus Hawaii aus dem Jahr 1971 veröffentlicht. Sie zeigt, dass sich die Zahl der in Kliniken eingewiesenen Patienten mit Atemproblemen an Feuerwerktagen verdoppelte.

Chemikalien sorgen dafür, dass Feuerwerk leuchtet, knallt und pfeift. Zum Beispiel Schwefel, Metallpulver, Karbonsäuresalze, Chlorverbindungen und viel Barium. Wenn man solchen Rauch einatmet, kann Barium gemäss einer Buwal-Studie aus dem Jahr 1999 «die Atemwege beschädigen (...) und hohen Blutdruck und Lungenkrankheiten hervorrufen».

Gemäss Buwal-Studie können sich Furane und sogar Dioxine bilden, die zu den stärksten Giften überhaupt gehören. Trotzdem kommt die Studie zum Schluss, dass «Luftqualitätsgrenzwerte sicher eingehalten» werden und eine «akute Gesundheitsgefährdung nicht vorliegt».

Das bringt Pierre Wissler vom Verein Stopp Feuerwerk auf die Palme. «Die Behörden verharmlosen die Risiken. Zudem sind die Gesetze zu lasch.»

Die zuständigen Behörden räumen ein, dass sich wegen Lärm und Schadstoffen immer wieder Bürger bei ihnen beklagen. «Wir nehmen das Thema ernst und kontrollieren die Inhaltsstoffe», sagt Claude Müller, Chef der Zentralstelle Sprengstoff und Pyrotechnik im Bundesamt für Polizei.


Patientin muss bei Feuerwerk Atemschutz-Maske tragen

Schon Spuren des aggressiven Feuerwerkqualms lösen bei Ruth Kopelke aus Näfels GL Herzrasen, Schwindel und Schmerzen aus. Sie leidet an Multipler Chemikalien-Empfindlichkeit. «Bis diese Symptome abklingen, dauert es mindestens drei Tage», sagt Kopelke.

Noch schlechter geht es MCS-Patientin Susanne von Dach aus Bern. Steigt in ihrer Nachbarschft Feuerwerk, muss sie sogar in ihrer Wohnung bei geschlossenen Fenstern eine Atemschutz-Maske tragen. «Für mich ist ein Feuerwerk schon lange kein Grund mehr zur Freude, sondern ein gesundheitlicher Albtraum», sagt sie.

Infos: www.stop-fireworks.org

01. Dezember 2002 | Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch


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