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Hoher Blutdruck ist ein gigantisches Geschäft für Pharmafirmen. Kein Wunder bringen sie immer wieder neue und teure Medikamente auf den Markt. Nun zeigt sich: Viele sind schlechter als die alten.
Felix Huber wollte nur das Beste für seine Patientin. Als die Zürcher Rentnerin Helen Hämmerli vor drei Jahren zum ersten Mal zu ihm kam, gab ihr der Arzt den Blutdrucksenker Diovan, ein damals ganz neu entwickeltes Mittel.
«Ihr Blutdruck war sehr hoch. Ich dachte, dieses Mittel sei am besten, um ihn schnell zu senken», erinnert sich Huber, der in Zürich die Medix-Gruppenpraxis leitet. Doch Helen Hämmerli kam mit dem Medikament nicht zurecht. Ihr Herz klopfte plötzlich wie wild und ihre Beine zitterten. Kurzerhand setzte die 78-Jährige das Mittel ab. Das Herzklopfen verschwand, auch das Zittern in den Beinen hörte auf. «Da wusste ich, es lag am Medikament», sagt die ehemalige Verkäuferin.
Felix Huber schlug vor, es mit Hygroton zu versuchen. Dieses Medikament löst überschüssiges Wasser aus dem Körper. Es ist eines der ältesten Mittel gegen hohen Blutdruck. Deswegen ist es auch günstig. Hundert Tabletten mit der höchsten Dosis kosten 41 Franken. Für Diovan musste Hämmerlis Krankenkasse zuvor fast das Fünffache hinblättern, nämlich 194 Franken. Das Experiment glückte. Seit drei Jahren ist Helen Hämmerli beschwerdefrei.
Eine neue Studie bestätigt jetzt Hubers Erfahrungen. Amerikanische Forscher haben ein entwässerndes Mittel, ein so genanntes Diuretikum, mit je einem Vertreter dreier modernerer Medikamentengruppen verglichen. Diese Mittel senken den Blutdruck auf unterschiedliche Weise (siehe Kasten).
Die Forscher testeten 42 000 ältere Menschen mit hohem Blutdruck. Die Ergebnisse: Patienten, die das billige Diuretikum Chlortalidon einnahmen, erlitten
- seltener einen Schlaganfall als Patienten mit dem teuren ACE-Hemmer Lisinopril (als Zestril oder Prinil auf dem Markt),
- nur halb so oft eine Herzin-suffizienz (Herzschwäche) wie Patienten mit dem teuren Alphablocker Doxazosin (Markenname Cardura)
- und auch erheblich seltener eine Herzschwäche als Patienten, die den ebenfalls teuren Kalzium-Antagonisten Amlodipin (Markenname Norvasc) einnahmen.
Dieses letzte Ergebnis macht dem Schweizer Pharma-Experten Etzel Gysling «grosse Sorgen». «Herzschwäche darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen», sagt er. «Denn diese Krankheit verkürzt das Leben stark.»
Fazit der Studie: Diuretika, die ältesten und billigsten Blutdrucksenker auf dem Markt, sind auch die besten, wirksamsten und sichersten. Sie haben im Vergleich besser abgeschnitten als der Kalzium-Antagonist Norvasc von Pfizer, das weltweit am meisten verkaufte Mittel.
Wilhelm Vetter, Leiter der kardiologischen Poliklinik am Unispital Zürich, stuft diese Erkentnisse als «extrem wichtig» ein. «Dennoch sind wir froh, dass wir die neuen Mittel haben», meint er. «Manche Menschen vertragen die alten Medikamente einfach nicht.»
Schon in früheren Studien hatten sich die Vorteile des Diuretikums angedeutet. Gysling hat deshalb in seiner Zeitschrift «Pharma-Kritik» seit jeher geraten, beim Verschreiben neuer Blutdrucksenker zurückhaltend zu sein. Doch das Gegenteil trat ein. Deren Umsätze verdoppelten sich in den letzten fünf Jahren beinahe, während sie bei den Diuretika stagnierten. Gysling sieht die Hauptverantwortung bei den Fachgremien, welche die Behandlungsrichtlinien festlegen. «Sie sind oft an - durch die Industrie mitfinanzierten - Arzneimittelstudien beteiligt und überschätzen daher den Nutzen neuer und teurer Medikamente.»
Tatsächlich macht die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft in ihren «Empfehlungen für Ärzte» keinen Unterschied zwischen den Medikamentengruppen. Sie erwähnt auch die neue Studie nicht.
Der Sekretär der Hypertonie-Gesellschaft, Professor Peter Greminger vom Unispital Zürich: «Wir sind eine kleine Gesellschaft. Wir können nicht über jedes Forschungsergebnis berichten», erklärt er. Auch glaubt er nicht, die Behandlungsrichtlinien ändern zu müssen. Schliesslich sei der Anteil der Herztoten und der Patienten mit Herzinfarkt bei allen Medikamentengruppen gleich. Zwar hätten die Diuretika in gewissen anderen Punkten besser abgeschnitten, doch müssten sich diese Ergebnisse «erst bestätigen».
Santésuisse: Kassenpflicht für neue Mittel aufschieben
Die betroffenen Firmen weichen aus. Das Unternehmen Astra Zeneca, das den getesten ACE-Hemmer Lisinopril verkauft, will die Studie noch «im Detail analysieren». Die US-Firma Pfizer, Herstellerin des getesteten Kalzium-Antagonisten Amlodipin, zeigte sich in einer Presseerklärung sogar «erfreut» über das Ergebnis der Studie. Schliesslich sei Pfizers Amlodipin-Produkt Norvasc bei tödlichen Herzkrankheiten, Infarkten und Schlaganfällen genauso gut wie das Diuretikum. Was Pfizer verschwieg: Der Wirkstoff führte zu mehr Fällen von Herzschwäche. Doch dazu will sich Pfizer aber gegenüber dem Puls-Tipp nicht äussern.
Kein Wunder, dass die betroffenen Firmen es mit Schönfärberei versuchen. Denn bereits ist die Santésuisse, der Dachverband der Schweizer Krankenversicherer, aufmerksam geworden.
In den letzten Jahren mussten die Kassen Millionen für Blutdrucksenker ausgeben. Deswegen fordert Daniel Wyler, Abteilungsleiter bei der Santésuisse, neue Medikamente erst kassenpflichtig zu machen, wenn sie fünf oder zehn Jahre auf dem Markt sind - und eindeutig besser abschneiden als die Konkurrenz-Präparate.
19. Februar 2003 | Claudia Peter - cpeter@pulstipp.ch
