|
(0) |
Wer es bis 40 nicht geschafft hat, schlank zu werden, schafft es nie mehr. Das behaupten viele Experten.
Doch wer seine Ernährung umstellt und richtig trainiert, plündert seine Fettdepots - und erreicht das Traumgewicht.
Was hatte sie nicht alles probiert: Ahornsirup- und «Brigitte»-Diät und bei den Weight Watchers war sie auch. Doch die Pfunde purzelten nicht oder waren nach kurzer Zeit wieder da. In den 17 Jahren nach der Geburt ihres jüngsten Kindes nahm Charlotte Flury stetig zu. Als sie in die Wechseljahre kam, war sie überzeugt: «Ich nehme meine Pfunde mit ins Grab.»
Peter Bühlmann fährt als selbständiger Berater in der Bauindustrie jährlich 50 000 km im Auto. Er muss deshalb häufig im Restaurant essen. Der Schwimmgürtel an den Hüften des 53-Jährigen aus Uetendorf BE dehnte sich immer mehr aus - 25 Jahre lang. Damals hatte er mit dem Rauchen aufgehört - und seither 20 Kilo zugenommen.
Bühlmann und Flury sind Paradefälle: Jenseits der 40 wird Abnehmen schwieriger. Die Familie stellt Ansprüche, der berufliche Druck steigt, ebenso die Zahl der Sitzungen. Gleichzeitig schlägt die Natur dem Schlankheitsdrang ein Schnippchen. Denn mit zunehmendem Alter braucht der Körper weniger Kalorien. Die Faustregel: «Wenn ein 20-Jähriger 3000 Kalorien verbraucht, benötigt er mit 45 Jahren 300 Kalorien weniger pro Tag», sagt der Zürcher Stoffwechsel-Spezialist Fritz Horber von der Hirslanden-Klinik. Der Mensch in der Lebensmitte ändert seine Ernährungsgewohnheiten selten - er nimmt diese 300 Kalorien weiter zu sich. Folge: Sie bleiben ihm als wachsende Fettringe erhalten.
Ausgerechnet dann setzen auch die Wechseljahre ein. Sie bergen, speziell für Frauen, die Gefahr weiterer Pfunde. Der Östrogengehalt im Blut sinkt, die Schilddrüse drosselt ihre Aktivität. Beides kann bewirken, dass sich der Stoffwechsel weiter verlangsamt.
Doch weder Bühlmann noch Flury gaben auf. Sie wandten sich an die Berner Fettverbrennungs-Spezialistin Helen Roggli. Sie bietet - wie acht Berufskollegen aus anderen Kantonen - seit letztem Jahr eine neue Therapie an, das «Burnfett»-Programm. «Viele meiner Kunden sind über 40 und hatten nach vielen Versuchen abzunehmen fast resigniert», sagt sie. «Ihr Körper muss erst wieder lernen, Fett zu verbrennen.» Das heisst: Durch sanftes Ausdauertraining Fett in Muskeln verwandeln.
«Unser erstes Ziel ist es, den Leuten Freude an der Bewegung zu vermitteln», erklärt Roggli. «Der nächste Schritt ist, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Schliesslich versuchen wir noch, durch Entspannungstechniken das Wunschgewicht in ihrem Unterbewusstsein zu verankern.»
Das Programm dauert drei bis sechs Monate. In dieser Zeit trifft Helen Roggli sich regelmässig mit den Kunden. Das ist auch nötig. «Wir machen ja keine Diät, die nach ein paar Wochen zu Ende ist», sagt sie. «Wir möchten, dass die Kunden ihr Leben auf Dauer ändern. Gerade Menschen mittleren Alters stossen dabei auf Hindernisse, die man gemeinsam aus dem Weg räumen muss.»
Mit Charlotte Flury und Peter Bühlmann ging Roggli als Erstes Steigungen laufen. Dabei mass sie mit einer Pulsuhr die Herzfrequenz bei verschieden hohen Belastungen.
Nach sieben Wochen um zwei Kleidergrössen geschrumpft
Für Bühlmann brachte dieser Ausflug die erste Überraschung: Jahrelang hatte er viel zu intensiv trainiert. Das Ergebnis: Er bekam zwar eine gute Kondition, wurde aber nicht schlanker. «So etwas kommt häufig vor», sagt Helen Roggli. «Die Herzfrequenz, bei der der Körper wirklich das Fett aus seinen Depots verbrennt, liegt bei jedem Menschen woanders.»
Für Bühlmann hiess das: die Pulsuhr umstellen. Statt bei einer Herzfrequenz von 120 bis 140 Schlägen pro Minute trainiert er nun bei 85 bis 105. Der Erfolg: Nach sieben Wochen passen ihm Hosen der Grösse 44 statt 48. Sein Fettring um den Bauch hat sich um sechs Zentimeter reduziert.
Auch Anwaltssekretärin Charlotte Flury marschiert jetzt zwei- bis dreimal pro Woche durch den Wald nahe ihres Berner Wohnviertels, vier Kilo leichter als vor drei Monaten. Ihre Blutdruckmedikamente kann sie auch weglassen und die Kniearthrose ist besser geworden. Für die Zukunft ist Flury ziemlich optimistisch. Noch bringt sie 72 Kilo bei einer Grösse von 1,68 m auf die Waage. Ihr Ziel ist höher gesteckt: «An meinem 50. Geburtstag im nächsten Jahr will ich 60 Kilo wiegen und Kleidergrösse 40 tragen. Das schaffe ich auch.»
Vierzig Minuten sollte ein Fettabbau-Training mindestens dauern. Denn leicht lässt der Körper sich sein Depotfett nicht entlocken. Er betrachtet es nämlich als kostbaren Vorrat für Notzeiten. Also verbrennt er zunächst die Kohlehydrate aus der letzten Mahlzeit. Ist diese mindestens drei Stunden her, wirft er nach 20 bis 25 Minuten den Fettabbau-Motor an. «Am besten funktioniert das vor dem Frühstück», sagt Spezialistin Helen Roggli. «Dann sind von der letzten Mahlzeit keine Kohlehydrate mehr übrig.» Also muss der Körper auf Depotfett zurückgreifen.
«Frühmorgens trainieren - das war anfangs schon eine Überwindung», gibt Bühlmann zu. Jetzt geniesst er es. Nachher isst er eine weitere Stunde nichts - so geht der Fettabbau weiter. Das Erstaunliche: Seit Bühlmann «seine» Pulsfrequenz gefunden hat, bleibt der Hunger nach dem Training aus.
Eine Banane vor dem Training kann jedoch diesen Effekt aufheben. Der Insulinspiegel schiesst sofort in die Höhe. Insulin wirkt als Abnehmbremse. Es sorgt dafür, dass die Fettdepots im Körper schnell viel Fett und Zucker aufnehmen. Dann sinkt der Blutzuckerspiegel rasch wieder ab und der Mensch wird hungrig.
Für die Ernährung im Alltag gibt Roggli ihren Kunden eine Liste der Lebensmittel mit (siehe unter www. pulstipp.ch), die das Insulin nicht so hoch treiben. Dazu gehören Tomaten und andere Gemüse, aber auch Fruchtzucker und schwarze Schokolade. Ihre Erfahrung: «Wer seine Ernährung nicht umstellt, wird die Erfolge des Trainings zum Teil zunichte machen.»
So können Sie Ihr Fett verbrennen
Das Burnfett-Programm kostet Fr. 590.- für drei Monate, inkl. Fettmessung und Ermitteln des Fettverbrennungspulses. Die Adressen der Berater gibts unter www. burnfett.ch oder gegen frankiertes Antwortcouvert bei der Checkup AG, Römerstr. 176, 8404 Winterthur, Tel. 052 245 05 55.
Rund 50 Fitness-Studios bieten das Ermitteln des Fettverbrennungspulses ebenfalls an. Kosten: zwischen Fr. 100.- und 250.-. Adressen bei Qualitop, Aeplistr. 13, 9008 St. Gallen, Tel. 071 246 55 33.
Wollen Sie das Gewicht halten oder nur wenige Kilos verlieren, genügt es, wenn Sie:
- dreimal pro Woche etwa eine halbe Stunde leicht trainieren, am besten vor dem Frühstück oder drei Stunden nach Ihrer letzten Mahlzeit,
- möglichst viele Alltagswege zu Fuss oder per Velo zurücklegen,
- süsse und fette Speisen meiden,
- zweimal pro Woche (nicht öfter!) nach 16 Uhr nichts mehr essen,
- etwa 11/2 l stilles Mineral- oder Hahnenwasser täglich trinken.
Buchtipps
- Fritz Bebie: «Fit im Alltag», Puls-Tipp-Ratgeber.
- Patricia Davis, Ulrike Müller-Kaspar: «80 Diäten im Test», PulsTipp-Ratgeber.
Beide Ratgeber können Sie mit der Karte auf S. 9 bestellen.
- Inge Hoffmann: «Schlank ab 40», Verlag Gräfe & Unzer, Fr. 22.60.
- Petersen/Goretzki: «Der Fatburner», Rowohlt Verlag, Fr. 17.40 Fr.
19. März 2003 | Claudia Peter - cpeter@pulstipp.ch
