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Artikel | Gesundheits-Tipp 3/2003

Der quälende Schmerz beim Sitzen und Gehen

Vorurteile und Falschdiagnosen erschweren das Leben von Menschen mit Hämorrhoiden oft mehr als die Beschwerden selber. Erfahrene Ärzte bekommen das Leiden meist rasch in den Griff.

Diesmal lag es am Umzug. Stundenlang hatte Cornelia Mägerle (Name geändert) am Freitag vor Weihnachten in ihrem Büro Schreibtische und kistenweise Akten geschleppt. Am Sonntag räumte sie zu Hause noch den Keller auf. «Ich wollte, dass alles ordentlich ist», sagt sie.

Die Strafe für so viel Fleiss folgte auf dem Fuss. Schon am Heiligen Abend bekam Cornelia Mägerle Schmerzen in der Aftergegend. Am ersten Weihnachtstag konnte sie nicht mehr ohne Hilfe gehen und das Sitzen machte ihr Probleme. Die Diagnose lag auf der Hand: «Ich wusste, das sind meine Hämorrhoiden», sagt sie. «Ich habe das seit vielen Jahren ab und zu. Aber so schlimm war es noch nie.»

Nicht einmal die Schmerz-zäpfchen halfen dieses Mal. Den nächsten Tag verbrachte Mägerle im Bett, den Morgen des 27. Dezember in der Praxis ihres Hausarztes Mirko Kranich aus Horgen ZH. Für Cornelia Mägerle war dies das erste Mal, dass sie wegen ihrer Hämorrhoiden den Arzt aufsuchte. «Normalerweise redet man ja nicht so gerne drüber. Aber diesmal war es nicht mehr auszuhalten.»

Kranich kennt diese Scheu vor dem Arztbesuch. Sie habe viel mit Vorurteilen zu tun, sagt er. «Hämorrhoiden haben aber absolut nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Die Patienten haben vielleicht die Veranlagung, vielleicht ein Verdauungsproblem, aber sie haben sich ganz bestimmt nicht zu wenig den Po abgeputzt.»

Der deutsche Darmspezialist Henning Rohde von der Universität Köln stimmt zu. Nach seinen Erfahrungen ist die Irrlehre von der mangelnden Hygiene selbst unter Ärzten weit verbreitet.

Noch «erschreckender» ist für Rohde aber das Ausmass der Falschdiagnosen. «Es gibt eine Fülle von Beschwerden, die nicht nur Laien, sondern auch Ärzte mit Hämorrhoiden verwechseln. Dazu gehören Ekzeme, Risse in der Analhaut, entzündete Hautfalten (Marisken) und Thrombosen.»


«Viele Ärzte schauen nicht einmal genau hin»

Rohde stellt seinen Kollegen kein gutes Zeugnis aus: «Viele Ärzte schauen einfach nicht genau hin, sei es aus Ekel, sei es aus Unwissenheit oder Desinteresse.» Oft machten sie sich nicht einmal die Mühe, über die richtige Haltung der Patienten beim Untersuch nachzudenken. Optimal ist laut Rohde, wenn der Patient auf der Untersuchungsliege kniet und die Ellenbogen neben den Kopf legt, sodass der Po in die Höhe ragt. «Wenn der Arzt keinen speziellen Untersuchungsstuhl hat, kann er nur so in den Analbereich hineinschauen.»
Hämorrhoiden sind kleine Gefässe am Darmausgang, die sich bei Bedarf schnell mit Blut füllen können. Normalerweise ist dies sehr nützlich. Die Gefässe wirken wie eine Dichtung und sorgen gemeinsam mit dem Schliessmuskel dafür, dass der Darminhalt nicht zur Unzeit austritt. Diese Gefässe können aber «ausleiern». Das geschieht dann, wenn sie ständig mit Blut gefüllt sind und sich ausdehnen.

Weshalb das passiert, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Schmerzen entstehen, wenn die gedehnten Hämorrhoiden sich entzünden oder reissen und bluten. Hausarzt Kranich ist aber - aufgrund seiner Beobachtungen in der Praxis - überzeugt: «Neben der Vererbung spielt Druck auf das Becken eine ganz grosse Rolle.» Für diesen Druck kann es verschiedene Auslöser geben:

- Blähungen,

- chronischer Husten,

- Verstopfung,

- schweres Heben.

Bei Cornelia Mägerle war sich Kranich sofort sicher: Das Schleppen schwerer Kisten beim Zügeln hatte die Hämorrhoiden-Schmerzen ausgelöst. Doch Mägerle klagt auch häufig über Blähungen. Das liess den Arzt hellhörig werden. «Versuchen Sie, auf Nahrungsmittel zu verzichten, die Milchzucker enthalten», riet er seiner Patientin. Milchzucker (Lactose) wird nämlich von manchen Menschen nicht vertragen. Sie bekommen Blähungen - und später, so Kranich, häufig schmerzende Hämorrhoiden.
Cornelia Mägerle verzichtet seit 10 Wochen auf Milchzucker. Ihre schmerzenden Hämorrhoiden sind weg, die Blähungen viel seltener geworden. Allein das empfindet die Patientin als Segen. Auch die Behandlung hat sie überzeugt: «Mein Arzt empfahl keine Medikamente, keine Operation, sondern nur eine kleine Änderung im Lebensstil. Ich war erstaunt, dass es so einfach sein kann, den Schmerz wieder loszuwerden», sagt sie.
Von Hämorrhoiden lebt eine ganze Industrie. Insgesamt 15 Mittel sind in der Schweiz zugelassen, 10 davon gibts ohne Rezept in den Apotheken. Für diese Salben, Zäpfchen und Sprays geben die Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr rund 6,5 Millionen Franken aus.


Viele Mittel sind nutzlos oder verschlimmern die Sache

«Die Mittel sind nutzlos. Sie bekämpfen nur die Symptome, nicht die Ursache der Krankheit. Manche verschlimmern die Beschwerden sogar», sagt Rohde. Der Grund: Salben und Sprays reizen die empfindliche Analhaut und können mit der Zeit Entzündungen hervorrufen oder die Haut dauerhaft schädigen. Zäpfchen können den Schmerz eine Zeitlang betäuben und die Entzündung lindern. Aber sie müssen zuerst an den entzündeten Stellen vorbei geschoben werden. Das kann stark schmerzen. «Den gleichen schmerzlindernden Effekt», meint Rohde, «erreicht man auch mit Aspirin.»

Wer Blut im Stuhl findet, sollte sofort zum Arzt gehen. Darin sind sich alle Experten einig. Denn die Ursache dafür kann auch ein gutartiger Darmpolyp oder gar ein Tumor sein. Sind es jedoch Hämorrhoiden, kann der Arzt das veränderte Gewebe mit einem Gummiband abbinden. Rohde rät nur dann dazu, wenn Blut und Schmerzen sehr stören. Denn: «Diese Bandligatur ist zwar nicht schmerzhaft, kann jedoch Nebenwirkungen auslösen - wie alle Eingriffe, die das Gewebe zerstören.» Und eine Garantie, dass die Hämorrhoiden für immer weg sind, gibt es auch nicht. Deswegen empfiehlt Rohde lieber leichte Verhaltensänderungen (siehe Kasten): «Viele Leute haben ihr Problem so in den Griff bekommen», sagt er.



Tipps und Tricks bei Hämorrhoiden

So lindert beziehungsweise verhindert man Beschwerden:

- Lassen Sie sich auf der Toilette Zeit. Starkes Pressen beim Stuhlgang kann die Beschwerden auslösen.

- Lesen Sie nicht Zeitung! Zu langes Verharren in der Toiletten-Sitzhaltung ist ebenfalls schädlich.

- Essen Sie viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Diese enthalten Ballaststoffe - und diese verhindern einen zu harten Stuhlgang.


Bei Verstopfung

- Keine Abführmittel

- Viel Wasser trinken

- Sport treiben

- Schliessmuskel-Gymnastik hilft: Den After mehrmals am Tag 30-mal hintereinander zusammenkneifen.

- Bei Entzündungen am After keine Kortisonsalben verwenden. Es drohen unheilbare Hautschäden.


Buchtipp

Martin Vetterli: «Gut verdauen», Puls-Ratgeber, Bestellkarte S. 9.

19. März 2003 | Claudia Peter - cpeter@pulstipp.ch


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