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Alle klagen über die Konsumflaute; doch die meisten Schweizer wollen gar nicht weniger konsumieren. Das ergab eine repräsentative Umfrage von Kassensturz.
Das Wehklagen ist gross. Die Schweizerinnen und Schweizer haben im letzten Jahr rund eine Milliarde Franken weniger in Restaurants ausgegeben als im Vorjahr. Das gab letzte Woche der Branchenverband Gastrosuisse bekannt. Das entspricht einem Rückgang von über 6 Prozent.
Auch die Autohändler klagen: Der Verkauf ging letztes Jahr um 7 Prozent zurück; im ersten Quartal schrumpfte der Absatz gar um 13 Prozent.
Am grössten ist der Katzenjammer bei den Reisebüros: «Seit Februar erleben wir einen Buchungsstau», so Walter Kunz, Geschäftsführer des Reisebüro-Verbands. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Buchungen um die Hälfte gesunken. «Das lässt sich zwar auch so interpretieren, dass trotz Irak-Krieg, Wirtschaftskrise und Sars immerhin noch jeder Zweite weiterhin Reisen bucht», meint Walter Kunz mit einem Anflug von Galgenhumor; lange könne sich die Branche diesen Zustand aber nicht leisten.
Vier von fünf Konsumenten sparen nicht
Hat die Krise tatsächlich aus den Schweizern Konsummuffel gemacht? Kassensturz wollte es genauer wissen und gab beim Institut Konso in Basel eine Umfrage in Auftrag. Das überraschende Ergebnis: 80 Prozent von 700 befragten Deutschschweizern gaben an, ihr Konsumverhalten habe sich im letzten halben Jahr nicht verändert. Von den knapp 20 Prozent, die ihre Konsumgewohnheiten geändert haben, gibt ein Drittel sogar mehr Geld aus als vorher.
Der St. Galler Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger räumt zwar ein, dass die in Umfragen ermittelte Stimmung der Konsumenten in letzter Zeit nicht unbedingt dem tatsächlichen Verhalten entsprechen muss. «Aber das Ergebnis der Befragung überrascht mich nicht», sagt der Ökonom. «Sogar wenn die Konsumentenstimmung schlecht war, erwies sich das effektive Verhalten als weniger negativ.» Zwangsausgaben wie Steuern, Kranken- und Pensionskassenprämien machen laut Jaeger heute rund die Hälfte eines Haushaltsbudgets aus. Bei dem, was übrig bleibe, änderten die Leute ihr Konsumverhalten nicht kurzfristig. Da herrsche eine Art «Besitzstandsdenken».
Die kleine Minderheit, die weniger ausgibt als früher, spart zwar wirklich beim Angebot der Branche mit dem grössten Katzenjammer: Ganz oben auf der Hitliste stehen «Reisen und Ferien» mit rund 58 Prozent (siehe Tabelle). Aber ihr Anteil ist zu wenig gewichtig, um eine ganze Branche derart zu erschüttern. Auf irgendeine Weise finden Herr und Frau Schweizer also den Weg in die Ferien auch ohne Reisebüro-Vermittlung.
Tatsächlich stellt Stefan Helsing von STA-Travel fest: «Wer verreisen will, bucht zunehmend direkt im Internet.» STA-Travel hat sich im Gegensatz zum Gros der Konkurrenz bereits auf die Entwicklung eingestellt: Das Reisebüro ist seit acht Jahren online. Das hat sich auch bei den Buchungen ausgezahlt. Helsing: «Wir spüren die Probleme auch, aber das Grundvolumen ist geblieben.»
STA-Travel hat auf das richtige Pferd gesetzt - das bestätigt ein weiteres Ergebnis der Kassensturz-Umfrage. Auf die Frage, wie ein Unternehmen auf die Krise reagieren soll, gaben über 37 Prozent die Antwort: Mit kreativen Ideen den Absatz fördern; ebenso viele fordern, die Preise müssten sinken (siehe Tabelle).
Das weiss auch Daniel Mercier, Wirt des Restaurants Löwen in Wiler bei Utzenstorf BE. Er verkauft lieber hundert Kaffee crème à Fr. 3.- als fünfzig zu Fr. 3.50. Seine Rechnung geht auf: Der «Löwen» ist jeden Abend voll. «Günstig allein reicht aber nicht», so Mercier. Also macht er mit Aktionen wie etwa einem Kegelweltrekord auf sich aufmerksam.
Kreative Unternehmer haben Erfolg
Dass mit neuen Wegen und tieferen Preisen der Krise ein Schnippchen zu schlagen ist, beweist auch Autoimporteur Marco Belfanti. Seine Auftragsbücher sind voll. Denn Belfanti setzt seit fünf Jahren ausschliesslich auf Parallelimport und ist mittlerweile Präsident des Verbands Freier Autoimporteure VFAS. Dass bei den «unfreien» Autoverkäufern Flaute herrscht, wundert ihn nicht: «Ich schätze, dass die Preise bei den Markenhändlern im Durchschnitt 10 Prozent zu hoch sind.» Schuld daran seien die Generalimporteure, die seit Jahren den Markenhändlern die Preise diktieren.
Dass es auch billiger geht, machen er und seine rund hundert Verbandsmitglieder vor: Bei ihnen gibt es zum Beispiel den Verkaufsschlager VW Golf 3000 bis 4000 Franken billiger.
Tatsächlich ist die Schweiz laut dem statistischen Amt der EU das teuerste Land Europas: Hier kosten Produkte und Dienstleistungen im Schnitt 40 Prozent mehr als im restlichen Europa. Viele kaufen deshalb jenseits der Grenze ein, zum Beispiel beim Möbelhaus Schweigert im süddeutschen Maulburg. «Rund die Hälfte unserer Kunden kommen aus der Schweiz», sagt Werbechefin Judith Schweigert. Sie schätzt, dass ihre Preise zwischen 10 und 20 Prozent unter dem Schweizer Niveau liegen: «Das schenkt natürlich vor allem bei teuren Möbeln ein.» Tatsächlich kostet etwa eine Sofa-Gruppe von Minotti bei Schweigert 11 494 Franken, bei Zingg-Lamprecht in Zürich über 12 Prozent oder 1404 Franken mehr.
Weder das Schweizer Möbelhaus noch die Schweizer Autoimporteure sehen sich veranlasst, ihre Preise zu senken. «Das ist Sache der Hersteller», so Fritz von Ballmoos, Inhaber von Zingg-Lamprecht. Auch Tony Wohlgensinger, Präsident der Importeurvereinigung Auto-Schweiz, will von Reduktionen nichts wissen: «Die Preise entsprechen auch den Kosten, die wir in der Schweiz haben.»
Das Schweizer Preisniveau muss sinken
Doch die Hochpreisinsel Schweiz muss fallen, davon ist Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger überzeugt: «Wer überleben will, muss sich anpassen; die Preisunterschiede lassen sich langfristig nicht halten.» Die Konsumenten seien heute viel preisbewusster, der Strukturwandel sei bereits im Gang. Franz Jaeger: «Die Anbieter müssen kreativer werden, näher zum Kunden und bei den Preisen Konzessionen machen.»
Hier sparen die Konsumenten
Branche - Angaben in % 1
Reisen, Ferien 58
Kleider 48
Restaurants 46
Kino, Theater, Oper, Konzerte 45
Essen, Trinken im Haushalt 37
Schmuck, Uhren 31
Autos 29
Möbel 29
Computer, Unterhaltungselektronik 27
Telekommunikation 21
Sport, Gesundheit 10,33
Umfrage
Hat sich Ihr persönliches Konsumverhalten im letzten Jahr verändert?
Gar nicht: 63 %
Eher nicht: 16 %
Eher schon: 17 %
Sehr: 4 %
Wie sollten die Unternehmen auf die Wirtschaftskrise reagieren?
Antworte- Angaben in % 1
Die Preise senken 37
Mit kreativen Ideen den Absatz fördern 37
Bessere Serviceleistungen erbringen 25
Neue Produkte/Dienstleistungen auf den Markt bringen 25
Anderei 14
30. April 2003 | Bennie Koprio
