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Artikel | saldo 11/2003

Beim Freizeitspass sitzt die Gefahr im Nacken

Rodeln im Sommer ist der Renner, birgt aber Risiken. Unfälle kommen immer wieder vor. Trotzdem unterliegen die Bahnen keiner behördlichen Kontrolle.

Fun for All» - mit diesem Werbespruch lockt die längste Rodelbahn der Welt in Churwalden Tempofreaks auf die Alp Pradaschier. Mit über 40 Stundenkilometern auf einem Rodel den Berg runtersausen, in steile Kurven liegen, das ist der neue Freizeitkick. Vor allem touristisch ausgerichtete Regionen haben dies erkannt und wollen mit dieser Attraktion das eher flaue Sommergeschäft ankurbeln.

In der Schweiz sind neunzehn Bahnen in Betrieb. Dabei sind zwei verschiedene Typen im Einsatz: die Rodelbobbahn, bei der der Schlitten auf Schienen fährt (Alpine Coaster), und die Kännelbahn, bei welcher der Schlitten frei in einem Kännel fährt.

Mit den Bahnen kamen aber auch die Unfälle: Knochenbrüche, ausgeschlagene Zähne, Verbrennungen, Schleudertraumata. Trauriger Höhepunkt war der Tod einer 73-jährigen Frau vor knapp zwei Jahren auf der Rodelbahn Pradaschier.


Je länger die Rodelbahnen, desto gefährlicher

Seit der Eröffnung Ende Juni 2000 haben sich fünf Unfälle auf der Bündner Rodelbahn ereignet, die eine polizeiliche Untersuchung nach sich zogen. Eine ähnliche Bilanz hat die längste Kännelbahn der Schweiz auf der Fräkmüntegg am Pilatus. Die Nidwaldner Polizei untersuchte dort in den letzten drei Jahren vier Unfälle.

Die Zahl der leichteren Verletzungen dürfte viel höher liegen. Dominik Bachmann, Geschäftsführer der Atzmännig-Bahnen - dort wird die älteste Rodelbahn der Schweiz betrieben - schätzt, dass sich allein auf dem Atzmännig pro Saison etwa zehn Unfälle ereignen, die einen Arztbesuch notwendig machen.


«Auffahrkollisionen sind die häufigste Unfallursache»

Bieten die Rodelbahnen beim «Fun for All» auch die notwendige Sicherheit? Die Betreiber behaupten, dass bei einem korrekten Verhalten Unfälle praktisch ausgeschlossen werden können. Gabor Piskoty, Ingenieur bei der Empa Dübendorf, ist anderer Meinung: «Die Rodelbahnen sind nicht immer sicher.» Dabei zeigt sich, dass die Gefahr von hinten die grösste ist. Erwin Bloch vom Interkantonalen Konkordat für Seilbahnen und Skilifte (IKSS), welches die Betreiber in Sicherheitsfragen berät: «Auffahrkollisionen sind die häufigste Unfallursache.»

Bei Alpine Coasters sind die Rodler zumindest angegurtet, und Rückenlehnen dämpfen den gröbsten Aufprall. Anders bei den Kännelbahnen: Keine Rückenlehne schützt den Rodler, und kein Gurt hält ihn fest.

Vor allem am Bahnende häufen sich Kollisionen. Dabei hätte der deutscher Hersteller für Alpine Coasters ein spezielles Bremssystem, welches diese Unfälle verhindern könnte. In der Schweiz ist es aber noch kaum im Einsatz. Stattdessen pochen Betreiber auf die Eigenverantwortung der Rodler und ziehen sich mit dem Hinweis aus der Verantwortung, dass Tafeln die Benutzer zum frühzeitigen Bremsen auffordern. Aber das reicht rechtlich nicht aus. Haftpflichtanwalt Bruno Häfliger aus Luzern: «Hinweistafeln reichen nicht, um die Verantwortung auf die Benützer abzuschieben.»


Kännelbahnen: Rodler aus der Bahn geschleudert

Bei Auffahrunfällen stellt sich die Frage nach dem richtigen Abstand. Viele Betreiber haben ein Dosiersystem, eine Art Ampel, welche die Bahn für den nächsten Rodler freigibt. Geht aber eine ältere Dame die Schussfahrt eher gemächlich an, ist dieser Vorsprung schnell dahin. Vor allem auf den längeren Bahnen wie Fräkigaudi am Pilatus oder Pradaschier können zu kleine Abstände und langsamere Rodler Staus und Auffahrunfälle verursachen. Wer langsam rodelt, fährt also mit der Gefahr im Nacken.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Gefahren, die sich aus der Bahnführung ergeben. Die Kännelbahn am Pilatus lässt offenbar Rodler so schnell werden, dass sie aus der Bahn geschleudert werden. Zwei Unfälle sollen sich laut Nidwaldner Polizei aus diesem Grund ereignet haben.

Ein extremes Beispiel bezüglich Bahnführung ist auch Pradaschier: Mit den über 3100 Metern Länge und 31 Kurven hat sie den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Aber: Ist sie mit dieser Länge «Fun for All»? Piskoty schränkt ein: «Die Bahn ist nur etwas für sportlichere Leute.» Auch Erwin Bloch von der IKSS meint: «Es ist unsinnig, eine solch lange Bahn aufzustellen.» Tatsächlich. Wer selber runterfährt, merkt bald: Das ständige Bremsen und Beschleunigen ist anstrengend. Beine und Oberarme beginnen zu brennen. Mehr noch: Es ist schwierig, sich überhaupt im Rodel zu halten. Die Bahn verfügt über Kurven, die es in sich haben. Piskoty: «In diesen engen Kurven können Kräfte wirken, die sogar starke Männer kaum aushalten können.» Aber auch eine zu langsame Fahrt ist in den nach innen geneigten Kurven gefährlich. Rodler sind in diesen achterbahnähnlichen Kurven rausgefallen, nachdem sie bewusst oder unbewusst die Gurten lösten.


Kinder müssen mit den Füssen einen sicheren Halt finden

Rodeln ist vor allem für Kinder und Jugendliche der Knüller. Sie dürfen in der Regel ab acht Jahren alleine rodeln. Pradaschier setzte diese Altersgrenze hinauf auf zehn Jahre. Und dennoch: Das Alter ist nicht alleine ausschlaggebend für ein sicheres Rodeln. Erwin Bloch von der IKSS: «Massgebend ist die Grösse eines Kindes.» Kinder müssen mit den Füssen einen sicheren Halt finden. Das setzt eine Mindestgrösse voraus.


Bahnsicherheit: Eine Betriebsbewilligung ist nicht notwendig

Um zu fahren, muss man die Bremshebel nach vorne drücken. Lässt man sie los, bremst der Rodel. Zu kleine Kinder schaffen es aufgrund ihrer Armlänge nicht, die Hebel nach vorne zu drücken. Und: Es ist anstrengend. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein Kind nicht mehr die Kraft hat, in Fahrt zu bleiben, und mitten auf der Bahn anhalten muss. In Freizeitparks wie Disneyland Paris oder Europapark Rust hat man längst erkannt, dass die Grösse eines Kindes massgebend ist. Messlatten regeln dort den Zugang zu den Bahnen.

Wer aber sorgt dafür, dass die Rodelbahnbetreiber die grösstmöglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen? Tatsache ist: Von behördlicher Seite ist niemand zuständig. Wer eine Rodelbahn betreiben will, braucht dazu nur eine kommunale Baubewilligung. Eine Betriebsbewilligung ist nicht notwendig. Eine Tatsache, die auch den Haftpflichtexperten Bruno Häfliger erstaunt. Weder kantonale noch nationale Behörden nehmen die Rodelbahnen ab. Dies im Gegensatz etwa zu den Schaustellerbetrieben auf Festen und Jahrmärkten.

Auch die Wartung der Bahn wird nicht vorgeschrieben, geschweige denn kontrolliert. Absurd: Der Transport der Schlitten und Rodler nach oben hingegen muss vom Interkantonalen Konkordat der Seilbahnen und Skilifte abgenommen werden. Bei der Rodelbahn aber berät das Konkordat nur. Felix Maurhofer, Mediensprecher von Seilbahnen Schweiz: «Die Rodelbahnen sind tatsächlich ein Problem, es gibt keine rechtliche Grundlage, der Betrieb oder Bewilligung regelt.»



Richtig rodeln

- Tragen Sie bequeme Kleider und Schuhe, die einen sicheren Halt bieten. Verzichten Sie auf Röcke. Sie könnten unter die Räder des Rodels kommen.

- Achten Sie darauf, wer hinter Ihnen rodelt. Wenn Sie die Fahrt eher langsam angehen wollen, bitten Sie die nachfolgende Person, sicher genügend Distanz zu halten.

- Führen Sie zu Beginn der Fahrt ein bis zwei Bremsversuche durch, um ein Gefühl für die Bahn zu bekommen.

- Wenn Sie mit Kindern rodeln, sollten Sie sicherstellen, dass das Kind im Rodel einen sicheren Halt findet und die Bremse auch gut bedienen kann.

- Lassen Sie Ihren Kindern den Vortritt.

- Verlassen Sie den Rodel am Bahnende so schnell wie möglich.

11. Juni 2003 | Silvia Baumgartner


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