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Artikel | Gesundheits-Tipp 6/2003

Abwarten ist oft die beste Therapie

Für keinen anderen Krebs gibt es so viele Therapien wie für Prostatakrebs. Alle haben schwere Nebenwirkungen und Heilung ist nicht garantiert. Für ältere Patienten ist es oft besser, gar nicht zu behandeln. Denn der Krebs wächst sehr langsam.

Der 77-jährige Walter Weber lässt sich den Mut nicht so schnell nehmen. Vor drei Jahren erhielt er die Diagnose Prostatakrebs. «Es kam völlig überraschend», erzählt er. «Ich hatte ja überhaupt keine Beschwerden.» Bei einem Routine-Untersuch fand die Hausärztin Blutwerte, die auf Krebs hindeuteten. Der Urologe bestätigte die Diagnose und bot Weber gleich zu einem Operationstermin vier Tage später auf. Weber: «Das ging mir einfach zu schnell. Ich wollte mich zuerst informieren, ob die Operation für mich das Richtige ist.» Schliesslich entschied er sich fürs Abwarten. Solange er keine Beschwerden spürt, lässt er sich nicht behandeln.

Das Abwarten - in der Fachsprache «Watchful Waiting» genannt - ist eine anerkannte Strategie bei Prostatakrebs. Studien haben gezeigt, dass über 80 Prozent der Männer, die sich nicht behandeln lassen, innerhalb von zehn Jahren nicht am Krebs starben. Denn der Tumor wächst sehr langsam.

Einfach abzuwarten ist aber nicht jedermanns Sache. Viele haben Mühe, mit dem Wissen zu leben, dass ein Tumor in ihrem Körper wächst und nichts gemacht wird. Walter Weber hat dagegen sein eigenes Rezept: «Ich habe gar keine Zeit, an den Krebs zu denken.» Der 77-Jährige hat in den vergangenen Jahren ein Kultur-projekt für Schüler aus Kenia und der Schweiz aufgebaut und ist oft unterwegs. «Jammern bringt nichts», ist Weber überzeugt.


Fast alle Operierten werden impotent

Professor Ben L. Pfeifer, Arzt an der Aeskulap-Klinik in Brunnen (SZ), hat die verschiedenen Therapien gegen Prostatakrebs verglichen und kommt in seiner Studie zum Schluss: «Momentan wissen wir von keiner Behandlung verlässlich, dass sie zur Heilung führt, lebensverlängernd wirkt oder dem Patienten längerfristig mehr Vor- als Nachteile bringt.»

Trotzdem empfehlen die meisten Urologen die Operation. Dabei entfernt der Chirurg Prostata, Samenbläschen und die Lymphknoten im Unterbauch. Operieren ist allerdings nur möglich, wenn der Tumor auf die Prostata beschränkt ist. Zudem hat es grosse Nachteile: Fast alle Operierten sind impotent, jeder fünfte verliert ungewollt Urin - vorübergehend oder sogar für immer.

Wer diese Folgen fürchtet, wählt meist das Bestrahlen des Tumors. Es führt nicht ganz so oft zu Impotenz und nur selten zu Inkontinenz. Häufig wächst der Krebs aber nach einigen Jahren wieder.

Eine Hormonbehandlung empfehlen Ärzte dann, wenn der Krebs bereits über die Prostata hinausgewachsen ist und Metastasen gebildet hat. Männliche Hormone fördern das Wachstum des Tumors. Mit der Therapie wird ihre Produktion gebremst. Allerdings funktioniert das nur eine Zeitlang. Dann vermehren sich die Krebszellen auch ohne Hormone.

Mit neueren Methoden versucht man, das Tumorgewebe mit Hilfe von Kälte oder durch Überhitzen zu zerstören. Auch diese Therapien sind heute noch nicht überzeugend. Es fehlen grössere Studien und die langjährige Erfahrung.

In der Schweiz sterben pro Jahr 1500 Männer an Prostatakrebs. Viele Urologen empfehlen deshalb über 50-Jährigen die jährliche Vorsorgeuntersuchung - das Prostata-Screening. Ihr Ziel: Prostatakrebs möglichst früh zu erkennen. Bisher konnten Wissenschaftler aber nicht nachweisen, dass deswegen tatsächlich weniger Männer an Prostatakrebs sterben. Krebsspezialist Christian Marti aus Winterthur: «Es ist noch immer umstritten, ob die Überlebenschance der Patienten steigt, wenn man sie früh behandelt.» Auch die Weltgesundheitsorganisation spricht sich gegen das Screening aus.

Ein Grund: Die Untersuchungs-methoden sind zu wenig zuverlässig. Ärzte untersuchen die Prostata, indem sie sie durch den After abtasten. Doch Studien zeigen, dass sie dabei nicht einmal die Hälfte der Tumore richtig erkennen. Mit Ultraschall ist die Erkennungsrate einiges besser. Beim Untersuch bestimmt der Arzt zudem den PSA-Wert im Blut - das prostata spezifische Antigen. Doch das führt oft zu Fehlalarm: Ein erhöhter PSA-Wert heisst nicht unbedingt, dass ein Krebs vorliegt. Er kann andere Ursachen haben, zum Beispiel eine gutartig vergrösserte Prostata.

Zudem wird mit der Vorsorge-untersuchung auch Krebs entdeckt, der den Patienten zeitlebens gar nie gestört hätte. Von den 70- bis 80-Jährigen hat ungefähr jeder zweite Mann Krebs in der Prostata. Aber nur 4 von 10 000 sterben daran.

Krebsspezialist Christian Marti: «Wer keine anhaltenden Beschwerden beim Wasserlösen hat, muss sich nicht untersuchen lassen.»



Diagnose Prostatakrebs: Was tun?

- Treffen Sie keine überstürzte Entscheidung. Sie riskieren nichts, wenn Sie sich dafür einige Wochen Zeit nehmen.

- Überlegen Sie sich, welche Nebenwirkungen für Sie am schlimmsten und welche erträglich wären: zum Beispiel Impotenz oder Inkontinenz.

Fragen Sie Ihren Arzt:

- Welche Behandlung schlagen Sie vor?

- Was passiert, wenn ich mit einer Behandlung warte?

- Mit welchen Nebenwirkungen muss ich rechnen?

- Wie sind die Erfolgsaussichten?

- Seit wann machen Sie die Behandlung und wie oft haben Sie sie schon gemacht?

- Gibt es Alternativen?

11. Juni 2003 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch


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