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Artikel | Haus & Garten 4/2003

Die Bio-Überraschung

Längst nicht alle Bio-Produkte sind naturbelassen.
Vor allem in verarbeiteter Ware steckt manches drin, was der Konsument nicht erwarten würde.

Eines vorweg: Dass immer mehr Bauernbetriebe nach Bio-Grundsätzen arbeiten, ist aus Sicht der Umwelt, der Tiere und der Konsumenten erfreulich. Doch die Bio-Branche zeichnet von ihren Methoden ein allzu idyllisches Bild.

Beispiel Wurstwaren: Die Migros mengt ihren Bio-Lyonern Nitritpökelsalz (E 250) bei. Diese Konservierungsmethode hat zwar eine lange Tradition. Dadurch wird die Wurst appetitlich rosa, bleibt frisch und schmeckt gut.

Doch eigentlich hat ein solches Konservierungsmittel in einem gesunden Lebensmittel nichts zu suchen. Heinz Knieriemen, Autor des Buches «E-Nummern», hat Nitritpökelsalz jedenfalls in die Kategorie «unbedingt zu meiden» eingeteilt. Und er begründet: «Nitrate und Nitrite können eine akute Gesundheitsgefahr darstellen. Sie sind vor allem bei Neigung zu Migräne und allergischen Reaktionen kritisch zu betrachten.» (Siehe auch S. 32)

Wurstwaren sind kein Einzelfall: Wer die Zutatenliste anderer Bio-Produkte liest, schreckt ebenfalls auf. Im Apfelmus der Migros hats Zitronensäure (E 330), im Blätterteig Apfelsäure (E 296). Bei den Petit-Beurres ist die Rede von Ammonium- und Natriumhydrogencarbonat. «Natriumhydrogencarbonat ist ein Treibmittel. Wir verwenden es anstelle von Hefe. Ohne Natriumhydrogencarbonat würden die Petit-Beurres zu hart», erklärt Fausta Borsani, Pressesprecherin bei der Migros.

Wer Bio-Lebensmittel kauft, muss noch mit anderen Überraschungen rechnen:
- Treibhaus: Bio-Produkte wachsen nicht zwingend in der freien Natur. Sie können aus Treibhäusern stammen - sogar aus geheizten. So dürfen Bio-Bauern ihre Treibhäuser in den Monaten Dezember bis Februar auf 5 Grad heizen, um Frostschäden zu verhindern. Sogar unbeschränkt heizen dürfen die Migros-Bio-Bauern im Ausland.
- Importware: Bei Bio-Importware ist die Migros weniger streng als bei Schweizer Erzeugnissen. So müssen ausländische Betriebe nicht alle Betriebszweige nach Bio-Richtlinien bewirtschaften. Bei Schweizer Produkten hingegen schon. Mit ihrem Einheits-Label verschleiert die Migros diesen Unterschied.
- Futter: Wer glaubt, Bio-Tiere frässen ausschliesslich Bio-Futter, täuscht sich. Bei Wiederkäuern ist ein Nicht-Bio-Futter-Anteil von 10 Prozent erlaubt, bei Nichtwiederkäuern sogar von 20 Prozent. Weil der vergangene Sommer ausserordentlich trocken war, sind in den meisten Kantonen bis im kommenden Mai sogar 40 Prozent konventionelles Raufutter erlaubt.
- Auslauf: Bio-Tiere geniessen zwar in der Regel mehr Freiheiten als ihre konventionell gehaltenen Artgenossen. Doch die Freiheit hat auch ihre Grenzen. Im Winter schreiben Knospe und Migros nur 13 Tage Auslauf pro Monat vor. Weiter gehen Fidelio und Kagfreiland: Da gibts täglich Auslauf.

Noch mehr Kompromisse als etwa bei der Tierhaltung geht die Bio-Lobby bei verarbeiteter Ware ein. Doch Christof Dietler, ehemaliger Geschäftsführer von Bio Suisse, verteidigt die Bestimmungen: «Wenn wir bei verarbeiteten Produkten noch strenger wären, müssten wir zum Beispiel auf industriell hergestelltes Bio-Brot verzichten.» Und weiter: «Manche Produzenten werfen uns vor, wir seien zu pingelig.» So lässt Bio Suisse beispielsweise keine Farbstoffe zu. Deshalb hat es in Erdbeerjoghurts mit Knospe keinen Randensaft.

Auch Aromastoffe sind nicht zulässig. «Das heisst allerdings nicht, dass ein Bio-Erdbeerjoghurt nicht schmeckt», sagt Dietler. «Es schmeckt aber nur so stark wie die Erdbeeren, die drin sind.»

Weniger hart ist Bio Suisse bei der Milchverarbeitung. Inzwischen darf auch UHT-Milch das Knospe-Label tragen.

Bio-Produkte-Verarbeiter geniessen weitere Freiheiten:
- Tiefkühlung: Wer sich am Gourmessa-Stand in der Migros für Bio-Birchermüesli entscheidet, rechnet wohl damit, ein Frischprodukt zu kaufen. Doch weit gefehlt: Das Bio-Birchermüesli war zuvor tiefgekühlt.
- Zutaten: Bio-Produkte bestehen nicht zwingend zu 100 Prozent aus Bio-Zutaten. So enthält beispielsweise der Kartoffelstock der Coop pflanzliche Proteine und Rosmarinextrakt aus konventioneller Produktion. Zulässig ist ein maximaler Anteil von 5 Prozent an Nicht-Bio-Zutaten.
- Zusatzstoffe: Wie bereits erwähnt, sind auch heikle Zusatzstoffe wie Nitritpökelsalz erlaubt. Und das ist keine Ausnahme. Beispiele Lecithin (E 322) und Natriumcitrat (E 331): Laut Heinz Knieriemen ist das «Gefahrenpotenzial zu beachten». Sojalecithin gilt als «häufiger Auslöser von Migräne, Asthma und anderen allergischen Reaktionen».
- Gentech: Auch die Bio-Landwirtschaft kann nicht verhindern, dass hin und wieder Spuren von gentechnisch veränderten Stoffen in ihre Produkte gelangen. Im Februar hat das Bundesgericht deshalb entschieden, dass ein Anteil von einem Prozent zulässig sei, sofern es sich «nur» um eine Verunreinigung handle und nicht um eine beabsichtigte Zugabe.



Das Verwirrspiel im Label-Dschungel

Die Bio-Verordnung legt nur die Mindestanforderungen an Bio-Produkte fest. Alles andere bleibt den Labels überlassen.

In der Bio-Verordnung wird zum Beispiel festgehalten, dass chemisch-synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel nicht erlaubt sind. Zudem verlangt die Verordnung, dass der gesamte Betrieb nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet werden muss. Sie ist allerdings nur bei inländischen Produkten derart streng. Die Migros nützt das aus und stellt an Importprodukte niedrigere Anforderungen.

Die Labels im Einzelnen:

Bio Suisse: Die Knospe ist das bekannteste Bio-Label. Sie existiert bereits seit 1981. Die Vorschriften des Labels entsprechen grundsätzlich der Bio-Verordnung. Die Bio Suisse ist aber teilweise strenger. So beispielsweise beim Heizen von Treibhäusern, bei der Verarbeitung der Lebensmittel und bei der Tierhaltung. Verboten sind insbesondere Kuhtrainer, aber auch der Einsatz von Milchpulver bei der Kälbermast. Knospe-Produkte sind in grosser Zahl bei Coop erhältlich, aber auch in Bio-Läden, Reformhäusern, auf Märkten, Bauernhöfen und in Restaurants. Infos: www.bio-suisse.ch


Bio: Das Label sieht genau gleich aus, doch es fehlt der Schriftzug Suisse. Die Knospe ohne Schriftzug dient der Kennzeichnung von Importprodukten. Infos: www. bio-suisse.ch


Bio-Umstellung: Ist ein konventioneller Betrieb daran, auf Bio-Produktion umzustellen, gelten seine Produkte während zweier Jahre nicht als Bio-Produkte. Gekennzeichnet sind sie mit dem abgebildeten Label. Infos: www. bio-suisse.ch


Migros-Bio: Die Migros hat für ihre Bio-Produkte ein eigenes Label. Für inländische Ware gelten gleichwertige Anforderungen wie bei der Knospe. Für ausländische Ware sind die Anforderungen weniger streng. So können Importprodukte von Betrieben stammen, bei denen nur einzelne Bereiche den Bio-Richtlinien genügen. Woher die Produkte stammen, ist am Label nicht erkennbar, wohl aber an der aufgedruckten Herkunftsbezeichnung. Fleisch, Eier, Milch und Käse stammen ausschliesslich aus der Schweiz. Infos: www.migros.ch


Demeter: Erhältlich in Reform- und Bioläden, auf Märkten und Bauernhöfen. Es gelten ähnliche Richtlinien wie bei der Knospe. Zusätzlich beziehen die Bauern bei Saat, Pflege und Ernte kosmische Kräfte mit ein. Gleiche Vorschriften für inländische und ausländische Produkte. Infos: www.demeter.ch


Fidelio: Nur in lizenzierten Metzgereien; ausschliesslich Fleisch- und Wurstwaren. Grundsätzlich gelten die gleichen Anforderungen wie bei der Knospe. Strenger ist Fidelio allerdings bei der Tierhaltung. Infos: www.fidelio.ch


Kagfreiland: Kagfreiland vertreibt Milchprodukte, Eier und Fleisch aus inländischer Produktion. Auch hier gelten die gleichen Anforderungen wie bei der Knospe. Bei der Tierhaltung ist Kagfreiland indessen strenger. Infos: www. kagfreiland.ch


Naturaplan: Mit den Naturaplan-Labels treibt Coop ein Verwirrspiel. Die pflanzlichen Naturaplan-Produkte sind allesamt «bio». Sie tragen zusätzlich zum Naturaplan-Label die Knospe. Bei den tierischen Naturaplan-Lebensmitteln handelt es sich aber grösstenteils nicht um Bio-Produkte. Wer Bio-Produkte kaufen möchte, sollte das Naturaplan-Label vergessen und auch bei Coop nach der Knospe Ausschau halten. Infos: www.naturaplan. coop.ch

(mdb)

24. September 2003 | Marco Diener


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