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Ulvino Merlo schied im Pflegezentrum Bombach mit Hilfe von Exit aus dem Leben. Er musste sich sein Recht erkämpfen: Ärztinnen und Pflegerinnen wollten ihn am Freitod hindern. Jetzt erheben Fachleute massive Vorwürfe dagegen, wie das Heim den Fall untersucht hat.
Vor zwei Monaten fand Ulvino Merlo aus Zürich endlich seine ersehnte Ruhe. Der todkranke Patient konnte im Zürcher Pflegezentrum Bombach mit Hilfe von Exit sterben. Doch der 82-Jährige hatte hart darum kämpfen müssen. Ärztinnen und Pflegerinnen hatten ihn bis zuletzt unter Druck gesetzt, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedrängten Merlo immer wieder in unerwünschten Gesprächen. Eine der Pflegerinnen liess der Witwe gegenüber sogar das Wort «Mord» fallen (siehe Puls-Tipp vom September).
Für Lilly Merlo ist der Kampf noch nicht ausgestanden. Die 76-Jährige hat die Verantwortlichen aufgefordert, Stellung zu beziehen. Doch die Gesundheitsbehörde schreibt ihr, dass sich das Personal von Bombach auf seine Schweigepflicht berufe. Dies, obwohl Merlo bei seinem Eintritt ins Pflegezentrum die Ärztinnen und das Pflegepersonal persönlich von der Schweigepflicht entbunden hatte.
«Mord»? - Das Wort ist keine Entschuldigung wert
Zwar ordnete das Departement eine interne Untersuchung an. Doch: Die Federführung hat ausgerechnet Kurt Meier, der direkte Vorgesetzte von Heimleiter Andreas Götz. Fachleute kritisieren das Vorgehen des Departements. Verène Zimmermann von der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter in Zürich: «In einem Fall wie diesem hätte eine neutrale Stelle eingesetzt werden müssen», sagt sie.
SP-Stadtrat Robert Neukomm, Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements der Stadt Zürich, will zu diesem Vorwurf nicht Stellung nehmen. Er bestreitet aber, dass Lilly Merlo vom Departement nicht unterstützt worden sei. Neukomm schreibt dem Puls-Tipp: «Der Aufwand, den meine Mitarbeiter in dieser Angelegenheit betrieben haben, zeigt, dass Lilly Merlo ernst genommen wird.» Weiter will Neukomm zum Fall Merlo nichts sagen. Und selbst Fachpersonen, die sich bis anhin geäussert haben, dürfen dem Puls-Tipp plötzlich keine Auskünfte mehr geben.
Stattdessen suchte der Beauftragte Kurt Meier Lilly Merlo zu Hause auf. Im Gespräch bestritt Meier alle Fehler. Auch hielt er es nicht für notwendig, dass sich die Pflegerin, die Lilly Merlo gegenüber das Wort «Mord» fallen liess, entschuldigt.
Dem Puls-Tipp gegenüber räumt Meier allerdings ein, dass das Personal für einen Exit-Fall nicht geschult sei und mehr Zeit gebraucht hätte, um angemessen damit umgehen zu können. «Zukünftig werden die Pflegezentren der Stadt Zürich in solch ausserordentlichen und belastenden Situationen von einem "Care Team" begleitet werden», schreibt Kurt Meier weiter. Das Care Team wird aus Fachpersonen bestehen, die den Patienten, den Angehörigen sowie dem Pflegepersonal helfen sollen, die Situation seelisch zu bewältigen.
Blutende Schnittwunden im ganzen Gesicht
Dies ist dringend nötig. Denn laut Zeugenaussagen wurde Ulvino Merlo aufgrund des Streits um Exit nicht mehr ordentlich gepflegt. Lilly Merlo ist überzeugt: «Mein Mann wurde grob vernachlässigt.» Weil ihm die Kraft fehlte, konnte er sein Essen nicht selbst zerteilen - doch niemand half ihm. «Ich fand meinen Mann oft hungrig vor, während das Essen erkaltet vor ihm stand», sagt die Witwe. Ähnliches bestätigt ein Freund der Familie, der den Patienten oft besuchte. «Als er so schwach war, dass die Pflegerinnen ihm das Essen eingeben mussten, liessen sie ihm nicht einmal genügend Zeit zum Schlucken.»
Empört reagierte auch ein befreundetes Ehepaar nach einem Besuch. «Er hatte im ganzen Gesicht blutende Schnittwunden», sagt Moritz Staub*. «Auf unsere Frage antwortete er: "Ich wurde nass rasiert."» Staub beschwerte sich schriftlich bei der Heimleitung. «Der Anblick der Schnittwunden war eine Zumutung, von professionellem Können keine Spur.» Besonders stossend dabei: Merlo war Bluter und durch Verletzungen stark gefährdet. «Mein Mann soll laut Kurt Meier mit allem einverstanden gewesen sein. Das ist absurd», sagt Lilly Merlo fassungslos.
Kurt Meier wiegelt ab. Aus «pflegerischer Sicht» hätte man die Rasur mit dem Elektrorasierer vornehmen müssen, schreibt er dem Puls-Tipp. Der Patient hätte dies aber «auf keinen Fall» gewollt. So habe sich die Pflegerin entschieden, auf Merlos Wunsch einzugehen, «was leider zu besagten Schnittwunden führte».
Weiter schreibt Meier, dass Bombach zu den Essens-Spitzenzeiten «leider» nicht immer über die «entsprechende» Mitarbeiterzahl verfüge. Mittlerweile seien die Arbeitszeiten geändert worden.
Aufgrund seiner Abklärungen will Meier trotzdem festgestellt haben, «dass im Pflegezentrum Bombach in der Pflege und Betreuung von Ulvino Merlo keine grundlegenden Fehler gemacht wurden».
Verène Zimmermann von der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter sieht viele Konflikte zwischen Heimen, Patienten und Angehörigen. «Es ist schade, dass sich viele Institutionen schwer tun, Fehler zuzugeben. Stattdessen pochen sie auf Unfehlbarkeit», sagt sie.
*Name geändert
So schützen Sie Ihre Angehörigen im Heim
- Seien Sie im Heim präsent. Besuchen Sie Ihre Angehörigen zu unterschiedlichen Zeiten.
- Holen Sie bei Angehörigen anderer Heimbewohner Referenzen ein.
- Ihre Angehörigen können auf Wunsch den Hausarzt beibehalten.
- Melden Sie Beschwerden direkt bei der Heimleitung. Wenn das nichts nützt, prüfen regionale oder kantonale Ombudsstellen die Beschwerden:
Ombudsstelle für Altersfragen, Bern, Tel. 031 326 38 28;
Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, Zürich, Tel. 01 463 00 11;
Ombudsstelle für Altersfragen und Spitex, Basel, Tel. 061 269 80 98.
Seien Sie wachsam, wenn:
- sich die Persönlichkeit Ihres Angehörigen stark verändert;
- es im Pflegeheimzimmer häufig nach Urin stinkt;
- es lange dauert, bis eine Pflegeperson erscheint, nachdem Patienten geläutet haben;
- Post ungefragt geöffnet wird.
Haben Sie Erfahrungen mit Alters- und Pflegeheimen? Oder haben Sie Ihre Angehörigen gar zu Hause gepflegt?
Schreiben Sie uns:
Redaktion Puls-Tipp - «Pflegeheim», Postfach 277 - 8024 Zürich oder redaktion@pulstipp.ch
08. Oktober 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch
