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Gregor Saladin, Direktor der Schweizerischen Metall-Union
JA Die Schweiz erlebte in den 60er- bis 80er-Jahren einen enormen Aufschwung. Wir konnten uns nicht zuletzt dank der stabilen Politik und des hohen Qualitätsanspruchs zu einem der reichsten Länder der Welt entwickeln.
Das rasche Wirtschaftswachstum führte zu hohen Unternehmensgewinnen. Die Chemie, Maschinen- und Nahrungsmittelindustrie, Banken und Versicherungen wurden zu Aushängeschildern der Schweizer Wirtschaft. Auch das Gewerbe und alle Arbeitnehmer profitierten davon.
Diese Euphorie hat die Löhne in die Höhe getrieben. Durch den Arbeitskräftemangel wurden die Arbeitnehmer umworben - generelle Lohnerhöhungen von 10 Prozent und mehr waren nicht aussergewöhnlich. Der Konsum wurde überdurchschnittlich gesteigert, was die Preisspirale in die Höhe trieb.
Viele Unternehmen mussten den Schritt zurück zur Vernunft vollziehen. Andere werden folgen. Fusionen, Restrukturierungen, Personalabbau und Schliessungen sind das Resultat. Die Welt ist globaler geworden, die Schweiz nicht mehr in der Position wie vor 30 Jahren. Sie wird durch ausländische Konkurrenz mehr und mehr überrundet!
Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sind einem enormen Konkurrenzkampf ausgesetzt und können die Kostenlasten nicht mehr tragen. Die Sozialabgaben haben ein inakzeptables Mass angenommen.
Wir müssen uns neuen Herausforderungen stellen. Die Politik muss den Staatshaushalt in den Griff bekommen, Sozialkosten und Steuern senken und den administrativen Aufwand minimieren, damit Unternehmen ihre Zukunft sichern und die Arbeitnehmer ihre Lebenshaltungskosten decken können.
Wenn wir uns den hohen Standard weiter leisten wollen, muss die Produktivität gesteigert werden. Darum wirken die von den Gewerkschaften geforderten Arbeitszeitkürzungen, Frühpensionierungsmodelle, generellen Lohnerhöhungen und der Sozialversicherungsausbau kontraproduktiv.
Die Löhne, als wesentlicher Kostenfaktor im Betrieb, sind heute zu hoch, weil wir uns in einem globaleren Umfeld bewegen, wo die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen nur durch eine Produktivitätssteigerung möglich ist. Hohe Löhne sind nur gerechtfertigt, wenn sie der Leistung eines Arbeitnehmers und des Betriebs entsprechen. Sie haben nicht den Zweck, sozialpolitischen Ausgleich zu schaffen.
Die Eigenverantwortung jedes einzelnen Unternehmers und Bürgers dieses Landes ist gefordert.
"Die Löhne sind heute zu hoch, weil wir uns in einem globalen Umfeld bewegen"
André Daguet, Vizepräsident der Gewerkschaft SMUV
NEIN In den 90er-Jahren gehörte es für Manager und Wirtschaftsverbände zum guten Ton, sich über zu hohe Löhne zu beklagen angesichts der Globalisierung der Wirtschaft und des Drucks durch den internationalen Wettbewerb. Wir haben inzwischen einiges dazugelernt:
Nicht die Löhne der Beschäftigten allgemein sind zu hoch, sondern wenn schon die Saläre der Topmanager, die sich gerade in internationalen Konzernen zum Teil schamlos bereichert haben.
Die Reallöhne haben in der Krise der 90er-Jahre trotz der enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität stagniert. Deshalb besteht Nachholbedarf bei den Löhnen. Beispiel: In der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist die Produktivität zwischen 1990 und 1999 um 33 Prozent gewachsen, die Reallöhne in der gleichen Periode praktisch null.
Während der ganzen Wirtschaftskrise der 90er-Jahre sind seit 1993 die Saläre der Topkader doppelt so stark gewachsen wie die Nominallöhne der übrigen Beschäftigten mit Gesamtarbeitsverträgen. Für Arbeitnehmer ohne GAV ist dieses Verhältnis sehr oft noch krasser.
Um die sich öffnende Lohnschere nicht noch grösser werden zu lassen, ist ein möglichst grosser Anteil der Lohnerhöhungen generell - also für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - zu gewähren. Individuelle Lohnerhöhungen verschärfen nach gewerkschaftlicher Erfahrung meist die Lohnunterschiede.
Die Schweiz steckt wirtschaftlich in der Krise wegen des weltweiten Konjunkturtiefs, des hohen Schweizer Frankens und weil der Bundesrat die Rezession lieber aussitzt, als durch vorgezogene Investitionen und Impulsprogramme bei Bund, Kantonen und Gemeinden die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Voller Teuerungsausgleich sowie Reallohnerhöhungen sind nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein wichtiger Motor für die Ankurbelung der Wirtschaft. Denn die Lohnerhöhungen sichern die Kaufkraft der Löhne und beleben damit die Konsumnachfrage. Und das wiederum schafft mehr Wachstum und Arbeitsplätze.
Und noch eines: Die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen ist in der Schweiz trotz Verfassung und Gleichstellungsgesetz bei weitem nicht realisiert. Wie die Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik zeigt, hinken die Frauenlöhne im schweizerischen Durchschnitt um 23 Prozent hinter den Männerlöhnen nach - und zwar für gleichwertige Arbeit.
22. Oktober 2003
