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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2003

Kein einziges Gramm zu viel

Alle reden vom Abspecken. Und es gibt unzählige Tipps und Diäten für Dicke. Doch viele Menschen haben Untergewicht und leiden in ihren mageren Körpern. Ihnen schenkt kaum jemand Gehör.

Der Speiseplan von Michel Burger* ist üppig: Ein amerikanisches Frühstück mit Speck und Eiern, mittags und abends ein warmes Menü mit Fleisch, Gemüse und Beilage. Und zwischendurch immer mal wieder ein kalorienreicher Snack. Er isst und kocht gern. Trotzdem bringt Burger nur knappe 65 Kilos auf die Waage - bei einer Grösse von 183 Zentimetern.

Das ist deutlich zu wenig. Fünf bis acht Kilogramm mehr dürften es schon sein. Doch der 38-Jährige sagt: «Ich kann einfach nicht zunehmen.» Dabei würde er das so gerne. Besonders als Jugendlicher litt er unter seinem schmalen Körperbau: «Ich traute mich kaum in die Badi. Nur mit einer Badehose bekleidet, sah jeder, wie mager ich war.»

Burger hat es nicht nur mit kalorienreichem Essen versucht. Er machte Muskeltraining, nahm spezielle Eiweisskonzentrate für Sportler - und auch beim Arzt war er. Alles vergebens. «Der Arzt erklärte mich für gesund. Er half mir nicht.»

In einer Gesellschaft, die ganz auf schlank getrimmt ist, stossen Untergewichtige mit ihren Problemen oft auf Unverständnis. Es sei denn, sie leiden an einer Essstörung wie Magersucht oder Bulimie. Die deutschen Ernährungswissenschaftler Susanne Nowitzki und Peter Grimm kennen das Problem: «Schlank sein gilt bei uns nach wie vor als Schönheits- und Gesundheitsideal», schreiben sie in ihrer Broschüre «Mensch, bist du dünn!» (siehe Buch-Tipps). Für viele sei undenkbar, dass sich dünne Menschen in ihrem Körper unwohl fühlen. «Entsprechend rar gesät sind Informationen und Angebote zum Zunehmen», stellen die beiden fest. Das bestätigt Stoffwechselexperte Ulrich Keller vom Universitätsspital Basel: «Das Thema Untergewicht ist noch kaum untersucht.»

Die Zahl der Betroffenen ist aber grösser als vermutet: Jede vierte Frau und jeder fünfte Mann liegt unter dem altersgemässen Normalgewicht. Das ergab eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. In der Schweiz sind die Zahlen vergleichbar. Magersüchtig ist allerdings nur 1 Prozent der Bevölkerung, an Bulimie leiden 2,4 Prozent.

Auch wenn keine Essstörung vorliegt, gibt es verschiedene Ursachen für Untergewicht. Stoffwechselexperte Ulrich Keller: «Wenn Menschen erst im Lauf ihres Lebens untergewichtig werden, gibt es meistens eine körperliche oder psychische Ursache.» Zum Beispiel eine Überfunktion der Schilddrüse, chronische Krankheiten der Verdauungsorgane, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, Darmparasiten oder Depressionen. Bei älteren Menschen spielen zudem oft Appetitlosigkeit und Schluckprobleme eine Rolle.


Qualität statt Masse - das ist die Devise

Doch bei manchen ist Untergewicht einfach Veranlagung. Keller: «Meist sind dann weitere Familienmitglieder betroffen.» Wieso diese Menschen kaum zunehmen können, sei allerdings noch wenig erforscht, so Keller.

Untergewicht ist keine Krankheit. Eine Behandlung meist nicht nötig, solange man sich gesund fühlt und nicht anfällig auf Infektionen ist. Für Betroffene ist das allerdings ein schwacher Trost. Denn sie wollen unbedingt zunehmen.

Doch wie? Qualität statt Masse heisst die Devise. Puls-Tipp-Ernährungsfachfrau Carine Buhmann: «Reine Kalorienbomben aus Fett und Zucker bringen nur kurzfristig Erfolg. Schliesslich soll nicht nur ein Fettpolster angefuttert, sondern auch Muskeln gebildet werden.» Deshalb sei es besser, wenn man mit einer abwechslungsreichen, gesunden Ernährung langsam zunimmt. «Es braucht ungefähr 500 Kilokalorien mehr pro Tag. Das heisst grössere Portionen - und immer wieder eine Zwischenmahlzeit.»

Ernährungsfachleute empfehlen:
- Mindestens fünf kleinere und grössere Mahlzeiten pro Tag fest einplanen.
- Sich für das Essen Zeit nehmen.
- Immer einen Snack in Griffnähe haben, auch wenn man unterwegs ist.
- Leicht verdauliche Gerichte zu sich nehmen, um ein Völlegefühl zu vermeiden.
- Appetitanregende Speisen konsumieren wie pikante Gemüsecocktails, frische Kräuter und bitterstoffhaltige Aperitifs, zum Beispiel Artischockensaft.
- Keine kalorienreduzierten Lebensmittel verwenden.
- Speisen mit kalt gepressten Pflanzenölen, Nüssen oder fetthaltigen Milchprodukten anreichern.

Doch nicht bei jedem klappt Zunehmen auf diese Weise. Manche Untergewichtige brauchen professionelle Hilfe durch eine Ernährungsberatung. Professor Primus Mullis vom Inselspital in Bern: «Viele haben eine völlig falsche Vorstellung von ihrem Essverhalten.» Ein genaues Ernährungsprotokoll von mehreren Tagen zeige, wie viel und was man tatsächlich den ganzen Tag über esse.


Nicht zu viel Sport treiben und lernen, sich auszuruhen

Carine Buhmann empfiehlt auch leichte körperliche Bewegung oder gezieltes Muskeltraining. «Damit nicht nur die Fettmasse, sondern auch die Muskeln zunehmen.»

Doch Sport verbraucht auch Kalorien. Er darf deshalb nicht zu intensiv betrieben werden. Dies gilt vor allem für Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen und Radfahren. Renate Frey, Ernährungsberaterin aus Wettingen AG: «Meistens sind betroffene Menschen sowieso Bewegungstypen. Sie müssen erst lernen, sich Ruhe zu gönnen. Entspannungsübungen können dabei helfen.»

Ziel sollte sein, mindestens einen BMI von 20 zu erreichen (siehe Tabelle). Buhmann: «Zu hohe Erwartungen bringen nichts. Wer von Natur aus sehr schlank ist, wird kaum je einen BMI von 24 haben.» Denn nicht zuletzt gelte es auch, seinen Körper zu akzeptieren.

Das hat Michel Burger in den vergangenen Jahren gelernt. Sich in der Badehose zu zeigen, bereitet ihm keine Mühe mehr. Regelmässig geht er zum Schwimmen ins Hallenbad. «Das tut mir gut. Und niemand macht eine blöde Bemerkung.»

* Name geändert

Buch-Tipp
- Susanne Nowitzki-Grimm, Peter Grimm: «Mensch, bist du dünn! Ein Programm für Leute, die gerne ein paar Kilo mehr auf die Waage bringen würden», Schneider Verlag, Hohengehren, 1994, Fr. 18.40
- Sven-David Müller, Klaudia Pütz: «Gesund zunehmen!» Knaur Ratgeber Verlag, 2003, Fr. 22.60

Internet
- Eine Broschüre mit Informationen und Rezepten finden Sie unter: www.reformhaus.de/service/pdfs/ untergewicht.pdf

05. November 2003 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch


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