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Artikel | saldo 18/2003

Reizendes Wohnklima

Sprays und Duftkerzen sind keine probaten Mittel gegen dicke Luft. Experten raten dringend davon ab, im Haushalt Duft- oder Aromastoffe zu verwenden.

Reizendes Wohnklima

Raumsprays und Duftkerzen sind im Trend. Bis April 2003 stiegen die Umsätze mit Lufterfrischern im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent. Insgesamt über 41 Millionen Franken gaben die Schweizer Haushalte laut den Marktforschern von AC Nielsen für aromatisierte Luft aus. Zurzeit stehen gerade Dosen mit Mandarinenduft ganz vorne im Regal. «Eine individuelle Duftnote gehört immer mehr zur Gestaltung der Wohnung», sagt Rebekka Spirig, Generalimporteurin der Duftkerzen von Yankee Candle. Das US-Unternehmen bietet über 100 Gerüche an.

Doch die Beduftung der Wohnräume ist für viele ungesund. «Die Duftstoffe können vor allem für Allergiker problematisch sein», warnt Regula Gisler von den Schweizer Ärzten für Umweltschutz. Die deutsche Expertenkommission für Innenraumlufthygiene rät gar «dringend ab, Riech- und Aromastoffe einzusetzen». Vor vier Jahren fand die Zeitschrift «Öko-Test» in 18 von 29 Lufterfrischern gesundheitsschädigende künstliche Duftstoffe, insbesondere polyzyklische Moschusverbindungen.


Wer in Neubauten nicht häufig lüftet, lebt ungesund

Die expandierenden Parfümwolken sind möglicherweise ein Hinweis darauf, dass die Luft in Schweizer Wohnungen immer dicker wird. Das erstaunt nicht: Jedes Jahr beziehen Zehntausende neue oder renovierte Wohnungen, die sich durch dichtere Gebäudehüllen, sprich bessere Isolation, auszeichnen.

Gleichzeitig entweichen den neuen Baumaterialien oft Gase, die in die Nase stechen. «Formaldehyd ist ein starkes Reizgas und kann zu Augenbrennen und Reizungen in Nase und Hals führen», sagt Ärztin Regula Gisler. Es wird in Holzklebstoffen und Kunstharzen verwendet. Auch flüchtige organische Verbindungen aus Farben, Lacken oder Reinigungsmitteln können Beschwerden hervorrufen. Ebenso problematisch sind Biozide, die in Holzschutzmitteln und Wollteppichen vorkommen oder als Konservierungsmittel in Anstrichen verwendet werden.

Neben diesen künstlichen Stoffen verunreinigen biologische Substanzen die Raumluft. Dazu zählen Hautschuppen und Pilzsporen. Kein Wunder, kann die Innenluft bis zu 100-mal mehr Schadstoffe enthalten als die Aussenluft. Wer in Neubauten nicht häufig lüftet, lebt sehr ungesund. Laut den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz sind in der Schweiz heute 13 Prozent der Erwachsenen und 18 Prozent der Kinder anfällig für Allergien.


Wohngifte sind für die Politiker kein Thema

Wird in einer Wohnung geraucht, stellt das für die Gesundheit die grösste Belastung dar. Denn Zigarettenrauch besteht aus einem Gemisch von mehreren tausend Schadstoffen. «Die Gesundheitsrisiken sind besonders für passiv rauchende Kinder beträchtlich», warnt Regula Gisler.

Richtwerte für Schadstoffe in Wohnräumen gibt es in der Schweiz nur wenige.
Die bürgerliche Parlamentsmehrheit lehnte es vor drei Jahren ab, einen Wohngift-Artikel ins Chemikaliengesetz aufzunehmen.



So vermeiden Sie zu Hause dicke Luft

- Lüften - und zwar richtig: Mehrmals täglich 3 bis 5 Minuten alle Fenster und Türen öffnen. Kippfenster in der kalten Jahreszeit nicht offen stehen lassen.

- Tabakrauch vermeiden:
Nicht in der Wohnung rauchen. Auf keinen Fall dort, wo Kinder sich aufhalten.

- Raumklima kontrollieren: Für Wohnräume wird eine Temperatur von 20 bis 21, für Schlafzimmer von 16 bis 18 Grad empfohlen. Die relative Luftfeuchtigkeit sollte zwischen 40 und 55 Prozent liegen.

- Luft befeuchten: Zu trockene Luft reizt die Atemwege, das Infektionsrisiko steigt. Zimmerpflanzen wie Papyrus oder Radiatoren-Verdunster sind die simpelste Massnahme dagegen.

- Kerzendochte kurz halten: Gemäss der Zürcher Beratungsstelle Lufthygiene kann eine einzelne Kerze eine ganze Wohnung einschwärzen. Dabei ist der Russ über der Flamme nicht immer sichtbar. Abhilfe schafft das Kürzen des Dochtes.

- Regelmässig abstauben: Glatte Oberflächen feucht abwischen, Teppiche gründlich staubsaugen.

- Allzweckreiniger verwenden: Laut der Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz Pusch macht eine regelmässige Reinigung mit Allzweckreiniger den Einsatz von Spezialreinigern meist überflüssig. Von antibakteriellen Mitteln wird abgeraten.

- Raumsprays und Duftkerzen meiden: Bei Geruchsproblemen Ursache bekämpfen.

- Baustoffe und Einrichtungen richtig auswählen: Baustoffe, Möbel und Teppiche gibt es mit Labels, die Schadstofffreiheit garantieren (www.labelinfo.ch).
Links:
www.wohnen-nachhaltigkeit.ch www.baubiologie-ibn.de

05. November 2003 | Mike Weibel, Rolf Frank


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