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Artikel | K-Tipp 20/2003

Spreu vom Weizen trennen

Der WWF beurteilt einige Gütesiegel für Lebensmittel als «überflüssig». Die Haupt-kritik zielt auf Migros und Coop.

Die zwei Grossen teilen sich drei Viertel des Kuchens: 50 Prozent der Bio-Produkte werden von Coop verkauft, 25 Prozent von der Migros. Seit 1995 stieg das Marktvolumen jährlich um beachtliche 20 Prozent - letztes Jahr überstieg der Bio-Markt erstmals die Milliarden-Grenze.

Der Bio-Boom hat denn auch eine grosse Zahl an Gütesiegeln hervorgebracht, was bei Konsumenten für Verwirrung sorgt. Zusätzlich erschweren so genannte Dachlabels für Produkte, die unter ganz unterschiedlichen Bedingungen hergestellt werden, die Übersicht:

Coop verkauft unter der Dachmarke «Naturaplan» und Migros unter «Engagement» neben Bio-Waren auch Labelprodukte aus nichtbiologischer Herstellung.
«Weil die Labels, welche sie unter einem Dach vereinen, sehr unterschiedlich bewertet werden, sind diese eher Verkaufs-Instrumente der Grossverteiler als ein Bei-trag zu einer klaren Produktedeklaration», bemängelt Jennifer Zimmermann vom WWF. Ihr Vorschlag: «Nur noch die Top-Labels unter einem gemeinsamen Labeldach führen.»


Grossverteiler weisen WWF-Kritik zurück

Diese Argumentation kann der Migros-Sprecher Walter Staub «nicht nachvollziehen». Er verweist darauf, dass mit der Einführung des Engagement-Labels «mittels Kurztexten der Nutzen jedes Labels deklariert» werde.

Nichts wissen von der WWF-Kritik will auch Coop-Sprecher Karl Weisskopf. Er meint kategorisch: «Der Erfolg von Naturaplan spricht für sich.» Die Labelexpertin vom WWF geht aber noch einen Schritt weiter: Ihrer Meinung nach sind verschiedene Gütesiegel «schlicht überflüssig, weil sie gegenüber herkömmlicher Produktion keinen echten Mehrwert bieten».

Zimmermann: «Beim IP-PI-Label für Gemüse, Früchte und Kartoffeln haben viele Leute das Gefühl, etwas Hochwertiges zu erhalten. Fakt ist aber, dass bei diesem Label chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sowie Gewächshaus- und Hors-Sol-Produktion erlaubt sind. IP-PI-Produkte zeigen keine wesentlichen Unterschiede gegenüber dem nicht ausgezeichneten Inlandangebot.»


Überflüssige und überholte Labels

Nichtsdestotrotz: Laut Karl Weisskopf will man bei Coop weiterhin Produkte mit dem IP-PI-Label verkaufen: «IP-PI ist ein guter Schweizer Standard, der sich von der Massenproduktion im Ausland positiv abhebt.»

Jennifer Zimmermann zählt auch Dolphin-Safe zu den überflüssigen Labels: «So sympathisch der springende Delfin auf der Thunfisch-Dose auch sein mag: Das Label leistet keinen grossen Beitrag zur nachhaltigen Befischung der Thunfischbestände, auch wenn es garantieren soll, dass keine Delfine als Beifang ins Netz gehen.»

Eine unabhängige Kontrolle über die ganze Warenflusskette finde, so Zimmermann, nicht statt: «Die in den 80er-Jahren gestartete Initiative ist überholt - heute halten sich 97 Prozent der weltweiten Thunfischereien an die Bestimmungen der Dolphin-Safe-Labels. Die Delfin-schonenden Fangmethoden sind damit Standard geworden.»

Ebenfalls «nur bedingt empfehlenswert» sind laut WWF die Labels IP-PI-Suisse für Fleisch (u. a. bei Migros und Privat-Metzgereien), Bell Natura, 7-Punkte-Fleisch-Garantie Migros, Swiss Prim (Rind- und Schweinefleisch bei Traitafina) und Vinatura (Schweizer Weine).



Durchblick im Label-Dschungel

Wie umwelt- und tiergerecht sind die Labels? Wie glaubwürdig sind sie? Und wie findet man sich im Label-Dschungel zurecht? Zu diesen und anderen Fragen haben WWF, Stiftung für Konsumentenschutz und Schweizer Tierschutz eine Orientierungshilfe erstellt. Der 64-seitige Bericht «Labels für Lebensmittel» beinhaltet neben Basisinfos eine detaillierte «objektive Bewertung aller relevanten Gütesiegel» für Gemüse, Getreide, Früchte, Fleisch, Eier, Milchprodukte, Fische/Schalentiere, Wein, Kaffee, Kakao und Tee; er kostet 25 Franken (plus Porto). Eine praktische Zusammenfassung - inklusive Spickzettel fürs Portemonnaie - liefert das auf der Seite nebenan beigelegte Faltblatt «Das Beste für Küche und Natur» (mit Bestellkarte für den ausführlichen Bericht).

26. November 2003 | Thomas Vonarburg - thvonarburg@ktipp.ch


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