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An Schläuche angeschlossen dahinzudämmern, bis der Tod eintritt - eine Horrorvorstellung, doch oft eine Realität im Spital.
Dabei kann die Medizin Leiden lindern, ohne das Leben künstlich zu verlängern - zu Hause oder im Spital.
Diese Nummer ist nicht mehr in Betrieb.» Die automatische Ansage traf Frigga Rosenberger aus Jona wie ein Schlag. Sie hatte versucht, ihren Mann in seinem Krankenzimmer im Spital Uznach anzurufen. Doch nun war Urs Rosenberger plötzlich verschwunden. Er sei im Kantonsspital St. Gallen zur Bestrahlung, erfuhr sie. Die 59-Jährige traute ihren Ohren nicht. «Ich war wütend», sagt sie. «Von Bestrahlungen wusste ich nichts.»
Der 60-jährige Urs Rosenberger litt seit zwei Jahren an fortschreitendem Lungenkrebs. «Er bekam schon bald Schwindel und Kopfschmerzen», sagt Frigga Rosenberger. Im April zeigten Röntgenbil-der Metastasen im Hirn an. «Wir wussten, dass mein Mann sterben muss», sagt sie. «Er war sehr schwach und konnte kaum noch zusammenhängend denken.» Doch die Ärzte nahmen sich keine Zeit für ein ausführliches Gespräch. Ein Assistenzarzt habe nur gesagt, man müsse in St. Gallen einen weiteren Schädeluntersuch machen. Der Chefarzt liess beiläufig fallen, dass er Urs Rosenbergers Zustand als «Endphase» betrachte.
Die Ärzte bestrahlten den Patienten täglich. «Doch es ging ihm immer schlechter», sagt Frigga Rosenberger. «Die Strahlen sollten den Tumor zum Schrumpfen bringen, um die starken Kopfschmerzen zu lindern. Sie sollten nicht das Leben verlängern», sagt Sebastian Riethmüller, Arzt am Kantonsspital St. Gallen.
Nach acht Bestrahlungen stellte sich heraus, dass der Tumor nicht geschrumpft war. Frigga Rosenberger verstand das alles nicht. Sie beschloss, ihren Mann zum Sterben nach Hause zu holen. Doch noch während sie die Heimkehr vorbereitete, starb Urs Rosenberger im Spital. Wenn sie an die letzten Wochen ihres Mannes denkt, ist sie traurig und voller Zorn. «Die Ärzte haben es versäumt, mit mir über den Sterbeprozess zu sprechen», sagt sie. «Wir hatten keine Chance, die letzte Zeit bewusst zu gestalten.»
Alfons Weber, Chefarzt am Spital Uznach, nahm dem Puls-Tipp gegenüber nicht zu sämtlichen Vorwürfen Stellung. Er beruft sich auf das St. Galler Gesundheitsdepartement, das ihn nicht von der ärztlichen Schweigepflicht befreien will.
Weber erklärte dem Puls-Tipp, er sei stets bereit, mit allen Angehörigen und Patienten an seiner Klinik zu sprechen. Ein Versäumnis sieht er nicht.
Wenn es ans Sterben geht, lassen sich Ärzte oft nicht mehr blicken. Cornelia Bührer, Pflegefachfrau am Universitätsspital Zürich, weiss, dass viele Ärzte sich scheuen, über Tod und Sterben zu reden. «Sie sind häufig zu sehr auf das Heilen ausgerichtet», sagt sie. Das sei fatal. «Der Arzt sollte mit dem Patienten und seinen Angehörigen unbedingt darüber reden, wie die verbleibende Zeit aussehen kann.» Nur so könne der Patient entscheiden, ob er bis zuletzt mit allen medizinischen Mitteln gegen die Krankheit kämpfen wolle oder nicht.
Cornelia Bührer arbeitet als Abteilungsleiterin bei der Radio-Onkologie. Für viele Patienten ist dies die letzte Station. «Hier geht es nicht mehr darum, die Krankheit zu besiegen», erklärt Cornelia Bührer, «es geht darum, die Symptome zu lindern und die bestmögliche Lebensqualität bis ans Ende zu erhalten.»
Fachleute nennen dies palliative Medizin. Im Zentrum stehen Würde, Wünsche und Ziele der todkranken Menschen. Medizinische und psychologische Fachleute betreuen die Patienten entweder in Palliativ-Abteilungen im Spital oder in speziell dafür eingerichteten Hospizen - wie zum Beispiel dem Zürcher Lighthouse.
Palliative Medizin will das Leben nicht verlängern
Palliative Medizin will weder das Leben verlängern noch den Tod beschleunigen. «Wir bekämpfen die Symptome der Krankheit, damit sich der todkranke Patient so wohl fühlt wie möglich», erklärt Cornelia Bührer. «Auch eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung kann sinnvoll sein, wenn es darum geht, Schmerzen zu bekämpfen.»
Die Betreuung von Sterbenden und ihren Angehörigen erfordert viel Einfühlungsvermögen. «Wir versuchen, sie möglichst schonend mit der Wahrheit zu konfrontieren», sagt Bührer. «Das braucht Mut. Besonders, wenn sich ein Mensch gegen sein Schicksal auflehnt.» Zu Anfang löst das Wissen um den nahenden Tod bei den meisten Patienten Ablehnung aus. «Manche klammern sich ans Leben, obwohl sie spüren, dass ihre Zeit abläuft.»
Man müsse fortlaufend herausfinden, was zu tun sei. «Sterbende Menschen reagieren völlig unterschiedlich. Wichtig ist es, ihre Bedürfnisse zu erkennen und darauf einzugehen.» Oft sind es vertraute Dinge, die den Patienten am meisten helfen. Deshalb können auch Haustiere zu Besuch kommen. Die Kranken dürfen das Spitalzimmer mit persönlichen Gegenständen einrichten und sich von Angehörigen bekochen lassen. «So spüren die Patienten das Leben bis zuletzt», sagt Bührer.
Eine sorgfältige Pflege hätte sich Frigga Rosenberger auch für ihren Mann gewünscht. Doch die bekam er nicht immer. «Einmal kam ich ins Krankenzimmer und merkte, dass es übel roch», erzählt sie. Der Grund: Das Pflegepersonal hatte dem bettlägerigen und kaum noch ansprechbaren Patienten drei Tage lang die Kleider nicht gewechselt. Er habe die Intimwäsche verweigert, lautete die Begründung. Empört versuchte seine Frau, beim Chefarzt zu reklamieren. Doch dieser liess ihr durch seine Sekretärin ausrichten, sie solle das selber mit den Pflegerinnen aushandeln. «Dazu hatte ich weder Zeit noch Kraft», sagt Rosenberger.
Von Fachleuten unterstützte Betreuung - aber zu Hause
Kein Wunder, möchten viele Menschen lieber zu Hause sterben. So auch Erwin Gutmann. Er war 83 Jahre alt, als sein Arzt ihm eröffnete, dass ihm medizinisch nicht mehr zu helfen sei. Er litt an Herzschwäche und hatte eine undichte Herzklappe. Dazu kam ein schweres Nierenleiden. Es war eine Frage von Monaten, bis er sterben würde.
Für seine Familie war klar: Erwin Gutmann sollte seine letzte Zeit zu Hause verbringen. «Schon bald aber verlor mein Vater an Kraft. Schliesslich konnte er nur noch liegen», sagt die Tochter Yvonne Tschudi aus Feldmeilen ZH. Spitex-Fachleute rieten ihr, die Organsiation «Schrittweise - Hilfe für Helfende» beizuziehen. «Schrittweise» ist unabhängig und auf palliative Betreuung zu Hause ausgerichtet: Fachleute helfen Angehörigen, die Pflege eines schwer kranken Menschen zu organisieren und zu bewältigen.
Für Yvonne Tschudi war dies der richtige Weg: «Die Behandlung war bis zuletzt genau auf die Bedürfnisse meines Vaters abgestimmt.» Die ganze Familie machte bei der Pflege mit. «Wir kamen meinem Vater näher als je zuvor.»
Diese Zeit war aber auch kräftezehrend. «Ich bin mit der Aufgabe gewachsen, aber auch an meine Grenzen gekommen», sagt Tschudi. Zeit und seelische Kraft für Persönliches blieb kaum. Auch körperlich war die Beanspruchung gross. «Ich merkte erst im Nachhinein, dass ich meinen Rücken durch das Heben meines Vaters stark überlastet hatte.»
Einen Schwerkranken zu Hause zu pflegen, ist nicht jedermanns Sache. «Man muss sich sehr genau überlegen, warum man das machen will», sagt Pflegefachfrau Heidi Brüederli von der Organisation «Schrittweise». Zudem ist es wichtig, sich gleich am Anfang bei der Krankenkasse zu erkundigen, welche Leistungen gedeckt sind. Brüederli: «Das ist in der Schweiz leider noch nicht einheitlich geregelt.»
Als Erwin Gutmann immer schwächer wurde, konnte er nicht mehr schlucken. Heidi Brüederli trifft diese Situation im Pflegealltag häufig an. «Wir zwingen niemanden zum Essen oder Trinken», sagt sie. Eine Infusion zu stecken, kommt oft nicht mehr in Frage. «Dies würde den Patienten zusätzlich belasten und das Leiden unnötig verlängern», sagt sie. «Unser Ziel ist es, ein würdiges und natürliches Sterben zu ermöglichen.»
Begleitung bis zum Schluss erleichtert den Abschied
Wenn der Patient nicht mehr ansprechbar ist, reden die Sterbefachleute von «Schrittweise» mit den Angehörigen. «Sehr hilfreich ist in diesem Fall eine Patientenverfügung», sagt Brüederli.
Der Patient hält darin fest, wie er in seiner letzten Phase behandelt werden möchte. «Das hilft Angehörigen, schwierige Entscheidungen zu treffen.» Das gelte auch im Spital. Ärzte haben die Patientenverfügung zu akzeptieren. Ist keine vorhanden, müssen sie sich mit den Angehörigen darüber einigen, was zu tun ist.
Das Wesentliche bei der Pflege zu Hause: dass die Angehörigen den Sterbenden bis zum Schluss begleiten. Dies erleichtert den Abschied und die spätere Trauer. Yvonne Tschudi bestätigt das: «Kurz vor seinem Tod wollte mein Vater unbedingt auswärts einen Toast Hawai essen», erzählt sie. «Wir brachten ihn unter grössten Mühen in sein Lieblingsrestaurant. Er konnte zwar nur ganz wenig essen, war aber überglücklich.» Als ihr Vater starb, hatte Tschudi trotz der tiefen Trauer das Gefühl, das Bestmögliche für ihn getan zu haben.
Betreuerin und Pflegefachfrau Heidi Brüederli erlebt ihre Arbeit mit schwer kranken und sterbenden Menschen als bereichernd. «Ich lerne von ihnen, in der Gegenwart zu leben», berichtet sie. Was für sie zählt, ist Leben spüren bis zuletzt: «Ich bin davon überzeugt, dass man auch mit einem sterbenden Menschen noch lachen kann.»
Palliative Betreuung in Ihrer Nähe
- Schrittweise - Hilfe für Helfende, Tel. 01 463 13 10 (Gratis-Beratung), kontakt@schrittweise.ch. Broschüre zum Bestellen: «Wegweiser für einen Pflegefall zu Hause», Fr. 5.-
- Schweiz. Krebsliga, Tel. 0800 55 88 38, www.swisscancer.ch
- Pro Senectute Schweiz, Tel. 01 283 89 89
- Schweizerische Patienten-Organisation SPO, Tel. 01 252 54 22
- Weitere Infos:
Beim Hausarzt, beim Spitex- Dienst Ihres Wohnorts sowie beim nächstgelegenen Spital und Pflegeheim.
- Patientenverfügungen erhalten Sie unter www.pulstipp.ch oder bei der SPO.
03. Dezember 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch
