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Artikel | K-Tipp 1/2004

Frauen essen anders als Männer

Frauen bauen beim Joggen mehr Fett ab als Männer. Dies ist nur ein Grund dafür, dass Frauen und Männer ihren ganz eigenen Speiseplan aufstellen sollten.

Frauen essen anders als Männer

Klischee oder nackte Wahrheit? Männer verschlingen Unmengen Fleisch und trinken am liebsten Bier, Frauen hingegen naschen lieber Schokolade und nippen an Weingläsern. Untersuchungen jedenfalls bestätigen, dass zwischen männlichen und weiblichen Essgewohnheiten grosse Unterschiede bestehen.

Diese beruhen zwar grösstenteils auf gesellschaftlichen Gewohnheiten und Vorurteilen. Es gibt allerdings auch biologische Faktoren, die für eine spezifische Ernährung für Mann und Frau sprechen. Körperbau und Stoffwechsel von Mann und Frau wirken sich auf den Bedarf an Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen, Mineralstoffen und Vitaminen unterschiedlich aus (siehe Kasten). «Frauen benötigen weniger Energie, weil ihr Körper weniger Muskeln und einen höheren Fettanteil aufweist», gibt Monika Müller von der Schweizerischen Vereinigung für Ernährung (SVE) zu bedenken.


Männer brauchen mehr Kalorien

Frauen mit gleichem Gewicht und Grösse wie Männer verbrauchen bei gleicher körperlicher Leistung 10 bis 20 Prozent weniger Kalorien. Forscher der kanadischen McMaster-Universität haben kürzlich herausgefunden, dass Frauen beim Ausdauersport mehr Fette und weniger Kohlenhydrate verbrennen als Männer.
Worauf Männer und Frauen speziell achten sollten, hat der deutsche Sportmediziner Jörg Zittlau aufgrund verschiedener Forschungsergebnisse in einem Buch* aufgelistet.
- Fett: Bei fettiger Kost sollten sich Männer besonders zurückhalten. Hauptgrund: Männer sind häufiger übergewichtig als Frauen. Laut Nutri-Trend-Studie sind es 32Prozent der Männer, aber nur 19Prozent der Frauen in der Schweiz. Die Frauen verfügen zudem über einen biologischen Vorteil: Ihr Körper erträgt Cholesterin besser. Damit sind Frauen auch besser vor Arteriosklerose gefeit. Nach den Wechseljahren lässt dieser Schutz jedoch deutlich nach.
- Alkohol: Beim Alkoholkonsum sollten sich Frauen besonders zurückhalten, weil ihr Magen den Alkohol weniger schnell abbaut, als dies bei Männern der Fall ist. Frauen sind deswegen schneller beschwipst. Ausserdem leiden Alkoholikerinnen eher an Fettleber und Leberzirrhose. Der Grund: Dem weiblichen Stoffwechsel gelingt es weniger erfolgreich als dem männlichen, leberschädigende Fettsäuren zu zerlegen. Auch schädigt der Alkohol bei Frauen schneller die Herzkranzgefässe.
- Süssigkeiten: Beim Naschen sollten Männer sich stärker zurückhalten. Frauen nehmen bei gleichem Insulinspiegel nämlich mehr Zucker auf als Männer. Das schützt sie bis zu einem gewissen Grad vor Diabetes und wiederum vor Arteriosklerose. Doch wie beim Alkohol gilt auch bei den Süssigkeiten: Die versteck-ten Kalorien führen schnell zu unliebsamen Gewichtsproblemen.
- Diäten: Auch bei Diäten funktionieren Männer anders als Frauen. Das starke Geschlecht wird beim Fasten schlaff. Bei Abspeckkuren wird weniger vom Hormon Testosteron produziert, was die Libido zum Erlahmen bringt. Bei Frauen hingegen kann eine Diät unter Umständen das Gegenteil bewirken. Andererseits bringen drastische Diäten auch bei den Frauen den Stoffwechsel durcheinander, was sich besonders negativ auf den Menstruationszyklus und die Knochendichte auswirken kann. Auch Zittlau warnt deshalb vor radikalen Diäten, und zwar bei beiden Geschlechtern.
- Essverhalten: Während Männer im Schnitt wenig körperbewusst leben und mit Fett und Salz die Cholesterin- und Harnsäurewerte in die Höhe treiben, verpflegen sich Frauen durchschnittlich gesünder.


Hungerattacken und Appetitlosigkeit

Der weibliche Organismus scheint auf Ernährungssünden grundsätzlich robuster zu reagieren. Trotzdem sind Frauen anfälliger für Essstörungen wie Ess-BrechSucht und Magersucht. Dies hat seine Ursachen nicht nur in falschen Schönheitsidealen. Schuld sind auch die starken Schwankungen des Hormonspiegels: Je nach Zyklusphase sind Hungerattacken oder Appetitlosigkeit «ganz normal».

Auch unter Stress droht Frauen das Essverhalten zu entgleisen. Sie tendieren dazu, Stress mit Kalorien zu bekämpfen, während es gestressten Männern den Appetit verschlägt. Auch dafür gibt es biologische Gründe: Frauen unter Stress schütten mehr appetitanregende Stoffe aus, bei den Männern sind es Appetithemmer. Dies erklärt auch, dass gestresste Frauen eher zu Übergewicht neigen als Männer.

* Buchhinweis: Jörg Zittlau, Frauen essen anders, Männer auch.
Eichborn-Verlag, 36 Franken



Gesunde Ernährung macht Zusatzpräparate überflüssig

Der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen hängt auch vom Geschlecht und Alter ab:
- Frauen, welche die Pille nehmen, brauchen mehr Vitamin B2 und B6. Vitamin B2 ist in Käse, Erbsen, Soja, Milchprodukten und Schokolade zu finden, B6 in Schnittlauch, Soja, Walnüssen und Kichererbsen.
- Frauen sind von Knochenschwund stärker betroffen. Zum Vorbeugen sollten mindestens 1000 mg Kalzium täglich über die Nahrung aufgenommen werden. Viel Kalzium steckt in Käse, Nüssen, Soja, Basilikum, Majoran, Thymian.
- In der Schwangerschaft steigt der Bedarf an Folsäure (B9), Kalzium und Eisen. Etwa die Hälfte der Frauen deckt ihren Folsäure-Bedarf ungenügend. Hier schaffen viel Salat und Gemüse wirksame Abhilfe, ergänzt allenfalls mit Präparaten und Nahrungsmitteln, die mit Folsäure angereichert sind.
- Nach den Wechseljahren schaden ein paar Fettpolster überhaupt nicht, im Gegenteil: Sobald die Eierstöcke keine Östrogene mehr produzieren, übernehmen die Fettzellen diese Aufgabe. Pflanzliche Hormone, wie sie in Rotklee und Traubensilberkerze, Soja, Leinsamen, Buchweizenmehl und Weizenkleie vorkommen, sind ein guter Ersatz für die umstrittene Hormonbehandlung mit Östrogen.
- Männer haben einen erhöhten Bedarf an Magnesium, Zink und Jod. Folsäure, Vitamin B6 und B12 senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Starke Raucher benötigen viel Vitamin C. Männer, die aufs Cholesterin achten, greifen am besten zu Gelbwurz, Ingwer, Knoblauch und Bärlauch und trinken viel Grün- und Schwarztee.



Luna-Riegel und Harmon-Y-Müesli

Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Männer und Frauen beim Essen unterschiedliche Bedürfnisse haben, hat auch die Nahrungsmittelindustrie auf den Plan gerufen. In den USA ist bereits so genannter «Gender Food» auf dem Markt: als Luna-Riegel, Harmon-Y-Müesli oder Femme-Vitale-Snack. Laut Herstellern ist die Zusammensetzung von «Gender Food» speziell auf Frauen oder Männer zugeschnitten.

Der Nutzen dieser Produkte ist jedoch höchst umstritten. Es ist nicht belegt, dass die künstlichen Vitamine vom Körper genauso gut aufgenommen werden wie die natürlichen. Althea Zanecosky, Sprecherin der amerikanischen Diät-Gesellschaft, warnt: «Wer zu solchen Riegeln greift, tendiert dazu, auf Obst und Gemüse zu verzichten.»

In der Schweiz ist noch kein «Gender Food» auf dem Markt.

14. Januar 2004 | Pirmin Schilliger - redaktion@ktipp.ch


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