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Japan ist das Land der hohen Preise. Nach 10 Jahren Krise sind sie unterdessen selbst Japanern wie meinem Freund Keiichi zu hoch. Wenn er sich mal etwas Luxus leistet wie die sündhaft teure Damenhandtasche für seine Freundin, versucht er zu sparen, wo es nur geht. Sein Tipp: Gutscheinhändler.
Das Schenken von Geld- und Warengutscheinen ist in Japan weit verbreitet. Viele Beschenkte bevorzugen aber Bargeld. Hier springen die Händler ein: Sie kaufen Coupons im Wert von beispielsweise 100 Yen für 95 Yen auf und verkaufen sie zu 97 oder 98 Yen an Rappenspalter weiter.
Alle sind glücklich. Der Verkäufer erhält Bares, das er überall verjubeln kann, der Händler seine Marge und Keiichi seine Handtasche im ausgewählten Kaufhaus mit Rabatt. Aus 97 oder 98 mach 100 in fünf Minuten, bei den üblichen Sparzinsen von 0,02 Prozent pro Jahr ist das eine richtig gute Rendite.
Nur ein Randphänomen? Mitnichten, wie der Besuch in Keiichis Stammgeschäft in Kawagoe, einem Städtchen in der Grösse von Zürich, nahe Tokio beweist. In dem kleinen, schmuddligen Verkaufsraum warten Gutscheine über Gutscheine auf Sparfüchse. «Es gibt 1000 verschiedene Arten an Gutscheinen und Discounttickets», erklärt der beflissene Besitzer.
Gutscheine für alle grossen Warenhäuser in Japan, mit oder ohne Wechselgeldauszahlung, für Bücher und Bier liegen in den Vitrinen. Und - das macht stutzig - bogenweise Briefmarken, billiger als bei der Post. Und Konzertkarten, Zug- und Flugtickets. «Wir sind Geld-Recycler. Die erste Regel der Branche lautet: Nicht fragen, woher die Gutscheine stammen.» Es geht das Gerücht, dass selbst Kaufhäuser Gutscheine an Händler verkaufen, um so die zunehmend knausrigen Kunden zu locken. Den Sparern ist die Herkunft der Scheine egal, solange der Kauf legal ist.
An guten Tagen mache der kleine Laden 10 Millionen Yen (115 000 Franken) Umsatz, raunt der Makler. Aber das sei gar nichts zu den Läden in der 12-Millionen-Metropole Tokio. «Erschrecken Sie nicht! Dort verkauft ein Laden oft 100 Millionen Yen täglich.» Warenhausgutscheine bringen etwa 40 Prozent der Einnahmen. Der Makler selbst hat Kunden, die pro Besuch Gutscheine für eine Million Yen kaufen.
Für Nachschub sorgt Japans Geschenkkultur. Der grosszügige Austausch von Aufmerksamkeiten ist der Kitt, der Familien, Freundschaften und Geschäftsbeziehungen zusammenhält. Zweimal im Jahr drückt man seine Dankbarkeit aus, zu Neujahr und im August. Etagenweise bieten die Konsumtempel dann Geschenke. Die Auswahl der preislich und prestigemässig passenden Präsente ist eine Kunst, die für Ausländer nur schwer zu erlernen ist.
Was darfs sein? Hübsch geaderte Melonen für 10 000 Yen (115 Franken) das Stück? Eine Auswahl erlesener Fleischwaren für 5000 Yen? 15 akurat ausgerichtete, von Hand glänzend geputzte Erdbeeren für 3000 Yen? Viele schenken lieber Gutscheine, damit sich der Beschenkte wirkliche Wünsche erfüllen kann, und bescheren so den Händlern Hochsaison.
Daneben gibt es eine Vielzahl anderer Anlässe für Grossgeschenke, die für steten Coupon-Zufluss sorgen. Zum Geburtstag gibts zwar nichts, aber zur Geburt, Hochzeit und Trauerfeier dafür umso mehr. Die Mindestlosgrösse für Ehrenbezeugungen liegt in solchen Fällen bei 10 000 Yen. Diese Summe darf mit keiner geraden Zahl vervielfacht werden - ausser mit der Reichtum und Glück verheissenden Acht. Am schlimmsten ist die Vier. Die wird genau so ausgesprochen wie «Tod».
Doch seit einem Jahr stockt der Nachschub, obwohl das Wirtschaftswachstum seit zwei Jahren konstant alle Voraussagen übertrifft. «Die Zahl der Gutscheine auf dem Markt sinkt, die der Käufer steigt. Das drückt auf meine Marge», klagt der Händler. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit, steigender Sozialbeiträge und unsicherer Zukunftsaussichten schenken die Japaner offenbar immer weniger und wollen mehr sparen. Wegen des knappen Angebots muss der Makler mehr für die Handelsware bezahlen, kann aber seinen höheren Einkaufspreis nicht an den Kunden weitergeben. Manchmal ist es sogar schon zu Versorgungsengpässen gekommen. «Ich vermute, dass die Konjunktur für uns in Zukunft noch schlechter wird», erschreckt der Geschäftsmann meinen Freund Keiichi und mich. Schnell kaufen wir uns noch ein paar Gutscheine.
04. Februar 2004
