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Raucher inhalieren Radioaktivität. Und zwar das Fünffache des gesetzlichen Grenzwerts. Auch Nichtraucher sind der aggressiven Polonium-Strahlung ausgesetzt. Jetzt fordern Ärzte rasche Massnahmen.
Wer kennt sie nicht: Die stinkende Wolke in der Eingangshalle eines Kinos. In der Pause stehen die Raucher dicht an dicht. Und Nichtraucher sind gezwungen, passiv mitzurauchen. Eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor drei Monaten veröffentlichte repräsentative Umfrage zeigt: 88 Prozent der Bevölkerung raucht unfreiwillig mit - in Restaurants, am Arbeitsplatz, zu Hause oder in Theater- und Konzert-Foyers.
Jetzt zeigt sich: Einer der gefährlichsten Krebserreger überhaupt könnte veranwortlich sein für viele Rauch-Tote - Radioaktivität. Raucher blasen sie buchstäblich in die Luft. Und das ist wissenschaftlich belegt. Professor Hans-Rudolf Völkle, Chef der Abteilung Strahlenschutz des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) bestätigt: «Zigaretten enthalten radioaktives Blei und Polonium, zwei Zerfallsprodukte von Uran. Beim Rauchen wird diese Radioaktivität freigesetzt.»
Tabakpflanzen speichern Radioaktivität in Blättern
Wie aber kommt die Radioaktivität in die Zigaretten? Natürliches Radon entweicht aus uranhaltigem Gestein in die Luft und zerfällt dort in Polonium und Blei. Über Partikel in der Luft lassen sich diese radioaktiven Stoffe auf der Tabakpflanze nieder. «Tabakpflanzen sind fähig, diese Radioaktivität in erhöhten Mengen in ihren Blättern anzureichern», erklärt der Physiker und Umweltwissenschaftler Professor Matthias Risch von der Fachhochschule Augsburg.
Finnische Forscher fanden in Zigaretten verschiedener Hersteller sogar erhöhte Werte von Plutonium. Es stammt von über 600 oberirdischen Atombombentests, aber auch von der Tschernobyl-Katastrophe 1986. Wind und Wasser verteilten das Plutonium in die hintersten Winkel der Erde. «Weltweit liegen allein etwa sechs Tonnen Plutonium verstreut», sagt Physik-Professor Risch.
Die Tabakindustrie verarbeitet die gefährliche Fracht zu Zigaretten und Zigarren. Somit wird verstrahlt, wer sich im Rauch aufhält. Denn 30 Prozent der Radioaktivität gelangt beim Rauchen direkt in die Luft, 10 Prozent in die Raucherlunge, 20 Prozent in den Aschenbecher und der Rest bleibt im Stummel: Dies stellte das Britische Krebsforschungsinstitut in umfangreichen Studien fest.
Über Partikel in der Luft gelangt die Radioaktivität auch in die Lunge von Nichtrauchern. Wie hoch die Strahlenbelastung in der Luft ist, hat das BAG aber nie vor Ort untersucht. BAG-Strahlenschutz-Chef Hans-Rudolf Völkle muss deshalb auf Hochrechnungen zurückgreifen: «Eine Service-Angestellte nimmt in einem verrauchten Raum rund viermal mehr Radioaktivität auf als in einem unverrauchten», sagt er. Dies sei eher harmlos, verglichen mit anderen krebserregenden Stoffen im Tabakrauch, meint Völkle.
Das freigesetzte Polonium gibt jedoch die gefährliche Alpha-Strahlung ab. «Sie hat die höchste schädigende Wirkung aller radioaktiven Stoffe», sagt Gustav K. von Schulthess, Chefarzt und Professor an der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsspitals Zürich. Auf der Haut schade sie niemandem. «In der Lunge trifft sie jedoch direkt auf lebende Zellen. Die Gefahr für Schäden am Erbgut ist deshalb deutlich erhöht.»
Die Raucher saugen die Radioaktivität aus der Zigarette direkt in ihre Lungen. Dort bleibt sie für Jahrzehnte. «Raucher strahlen buchstäblich von innen. Denn die radioaktiven Teilchen setzen sich im Lungengewebe und in der Schleimhaut der Bronchien fest», sagt der Arzt und Lungenspezialist Karl Klingler von der Zürcher Hirslanden-Klinik.
Jährliche Strahlendosis wie bei 1000 Röntgenaufnahmen
Klingler hat aufgrund von Studien die Radioaktivität errechnet, die auf die äusserste Schicht der Lunge eines Rauchers trifft:
- Lungendosis, die eine einzige Zigarette verursacht:14 Mikro-Sievert.
- Pro Tag gerauchte Zigaretten im Schnitt: 20.
- Daraus errechnete Jahresdosis:106 Milli-Sievert.
Dies ist das über 100fache des gesetzlichen Grenzwerts von 1 Milli-Sievert, dem die Normalbevölkerung jährlich höchstens ausgesetzt sein darf! Angestellte in Atomkraftwerken und anderen strahlenexponierten Berufen dürfen jährlich maximal 20 Milli-Sievert abbekommen. Dieser Grenzwert ist für den gesamten Körper festgelegt worden. «Viele Raucher verstrahlen demnach ihre Lunge mit einer Dosis, die um das Fünffache über diesem gesetzlichen Grenzwert liegt», folgert Lungenarzt Klingler.
Ein Raucher setzt sich so einer Radioaktivität aus, die umgerechnet pro Jahr tausend Röntgenaufnahmen des Brustkorbs entspricht. Die Lunge reagiert neben Hoden und Eierstöcken am empfindlichsten auf Radioaktivität. Wird ein Angestellter eines Atomkraftwerks oder ein Röntgenarzt derart verstrahlt, zieht das intensive Abklärungen nach sich. Die Verstrahlten werden medizinisch untersucht, und der Arbeitgeber muss zum Vorfall Stellung nehmen. Raucher jedoch qualmen über Jahre hinweg unbehelligt weiter.
So lange, bis in der verstrahlten Lunge womöglich Zellen entarten und sich Tumore bilden. Radioaktivität im Tabakrauch verursache in der Schweiz jährlich bei rund 1800 Rauchern Lungenkrebs, schätzt Spezialarzt Karl Klingler von der Hirslanden-Klinik. «Sie ist für mindestens die Hälfte aller Lungenkrebse bei Rauchern verantwortlich.» Klingler warnt: Die Strahlung könne auch für Passivraucher tödlich sein. «Bis heute hat es jedoch niemand für nötig gehalten, dies wissenschaftlich zu untersuchen.» Die Tabakindustrie weiss seit Jahrzehnten von der Gefahr. Sie verarbeitet die belasteten Tabakblätter aber trotzdem. Klingler: «Damit verstrahlt sie wissentlich und mit dem Segen der Behörden die Konsumenten.»
Passivrauchen: An den Folgen sterben jährlich 200 Personen
Die Zigarettenhersteller Philip Morris International und British American Tobacco weisen die Vorwürfe zurück. Die Tatsache, dass auch Zigarettenrauch geringe Mengen von Strahlung aufweise, sei seit Jahrzehnten bekannt. «Wir lassen den Anteil der Strahlung im Tabak von unabhängigen Labors kontrollieren», sagt Marc Fritsch, Pressesprecher des Zigarettenherstellers Philip Morris. «Alle von uns verwendeten Tabake weisen eine Strahlung auf, die weit unter dem von der EU festgelegten Höchstwert für landwirtschaftliche Produkte liegt.»
Wer raucht, tötet nicht nur sich selbst auf Raten. Er setzt auch jene, die er einqualmt, massiven Gesundheitsrisiken aus. «Öffentliche Plätze sind nach wie vor fest in der Hand der Nikotinsüchtigen», ärgert sich Jürg Hurter von Pro Aere. Eine BAG-Umfrage vom letzten Jahr zeigt: In Restaurants fühlt sich jeder zweite Gast durch den Rauch stark gestört.
Das Bundesamt für Gesundheit bestätigt: Jährlich rafft der Glimmstängel allein in der Schweiz 8300 Raucher dahin. Das sind 13-mal so viele Menschen, wie im Strassenverkehr ihr Leben lassen. Zusätzlich aber sterben mindestens 200 Menschen, die unfreiwillig mitgeraucht haben - meist an Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten.
Kein Wunder: Auch wer passiv mitraucht, inhaliert einen Mix aus 4000 verschiedenen Stoffen. «Mindestens 50 davon, etwa Anilin, Kadmium oder Nitrosamine sind krebserregend», sagt Professor Nino Künzli, Wissenschaftler am Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Basel.
Zwar hat das BAG bereits Dutzende von Millionen in Kampagnen gesteckt, die vor den Folgen des Rauchens warnen. Trotzdem rauchen so viele Jugendliche wie nie zuvor. Punkt drei der Zielsetzung des neusten millionenschweren BAG-Programms: «Nichtraucher haben jederzeit und überall die Möglichkeit, rauchfreie Luft zu atmen.»
Bis ins Jahr 2005 soll dies Reali-tät sein - doch daran glaubt niemand wirklich. Jürg Hurter von Pro Aere: «Die Behörden haben nie ernst gemacht mit Passivraucher-Schutz. Sie kuschen vor der Tabakindustrie.» Die Industrie sei am verwundbarsten, wenn man das Rauchen einschränke und Nichtraucher immer mehr schütze. «Setzt sich die Anstandsregel durch, in Gesellschaft nicht zu rauchen, sind Zigaretten weniger erstrebenswert», sagt Hurter.
In Kalifornien etwa sind heute schon alle Restaurants rauchfrei - per Gesetz. «Das Geschwätz, man würde auf diese Weise Raucher diskriminieren, erscheint von hier aus betrachtet lächerlich», sagt der Präventivmediziner Professor Nino Künzli, der zurzeit an der Keck-Universität in Los Angeles arbeitet. Das Rauchverbot habe zu einem neuen Selbstverständnis geführt. «Es ist hier so normal, dass man in öffentlichen Räumen nicht raucht, wie es in der Schweiz normal ist, in der Öffentlichkeit nicht zu spucken.»
Infos für Nichtraucher und Raucher
- Informationen im Internet:
www.nichtraucherschutz.ch
www.rauchstoppzentrum.ch
- Schweizerische Stiftung Pro Aere Tel. 01 215 12 40, www.proaere.ch
- Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz, Tel. 031 389 92 46,
www.at-schweiz.ch
- Lungenliga Schweiz, Tel. 031 378 20 50, www.lung.ch
Peter Becker, 26, Raucher, Zürich
«Ich rauche 10 bis 20 Zigaretten pro Tag. Ein Rauchverbot an öffentlichen Orten wie in den USA finde ich übertrieben. Raucherecken sind ok.»
Stephan Balmer, 27, Nichtraucher, Zürich
«Ich finde vor allem, die SBB sollten ihre Raucherwagen abschaffen. Auch rauchfreie Restaurants sollte es geben, in Bars wird dies schwieriger durchzusetzen sein.»
Rita Häckli, 21, Nichtraucherin, Goldau SZ
«Ich habe nichts dagegen, wenn andere rauchen, ich versuche aber auszuweichen. Ein totales Rauchverbot finde ich übertrieben, ein Werbeverbot hingegen wäre gut.»
Kathrin Geiser, 31, Nichtraucherin, Zürich
«In öffentlichen Lokalen sollte es immer eine Nichtraucherzone geben, denn nicht alle Raucher nehmen Rücksicht. Werbung für Zigaretten sollte ganz verboten sein.»
Dieter Knörrer, 50, Nichtraucher, Bayreuth D
«Seit 25 Jahren rauche ich nicht mehr. Ein Rauchverbot ist zwar drastisch. Aber weil auch Kinder betroffen sind, bin ich dafür. Auch die Werbung sollte man verbieten.»
Annette Schmucki, 35, Nichtraucherin, Baden
«Seit ich nicht mehr rauche, stört mich der Rauch der andern. Ein Rauchverbot ist dennoch keine gute Lösung. Einem Werbeverbot würde ich sofort zustimmen.»
Thomas Menzi, 35, Raucher, Zürich
«Ich bin dafür, dass es in Restaurants Nichtraucherzonen gibt. Dass ein Werbeverbot Jugendliche vom Rauchen abhält, bezweifle ich. Das Vorbild der Eltern zählt mehr.»
Georges Mattmann, 66, Nichtraucher, Adligenswil LU
Ich bin seit 1988 Nichtraucher. Was Nichtraucherecken betrifft: Eigentlich sollte es eher Raucherecken geben - und zwar solche mit guter Lüftung.»
Patrick Gfeller, 20, Raucher, Urdorf ZH
«Ein Rauchverbot in Restaurants und Bars finde ich gut, aber nicht in Bahnhöfen. Ich glaube auch nicht, dass Passivrauchen so schlimm ist, wie immer gesagt wird.»
Roman Miszkowicz, 21, Raucher, Zollikon ZH
«Ein Rauchverbot schränkt meine Freiheit ein, deshalb bin ich dagegen. Im Restaurant frage ich aber jeweils schon, ob das Rauchen stört.»
(Umfrage: cf)
18. Februar 2004 | Thomas Grether - thgrether@pulstipp.ch
