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Artikel | Gesundheits-Tipp 3/2004

Den Schmerz auf den Punkt gebracht

Die Schmerzquelle liegt oft nicht dort, wo es wehtut: Schmerzt der Rücken, kann dafür ein Bauchmuskel verantwortlich sein. Die Triggerpunkt-Therapie schaltet diese Schmerzursachen aus.

Vielen Menschen tut es irgendwo weh: am Kopf, in den Beinen, am Nacken, in den Füssen oder im Rücken. Die Ursache seien abgenützte Gelenke oder eingeklemmte Nerven, bekommen Patienten von Ärzten und Therapeuten oft zu hören. Oder vielleicht handle es sich um Rheuma. «Ein weit verbreiteter Irrtum», sagt Beat Dejung aus Winterthur, Ombudsmann der Zürcher Ärztegesellschaft und selbst jahrzehntelang als Rheumatologe und Chiropraktiker tätig.

Dejung geht mit seinen Berufskollegen hart ins Gericht: «Viele Ärzte, Chiropraktiker und Physiotherapeuten erkennen nicht, woher die Schmerzen kommen. Sie halten zum Beispiel standhaft an der merkwürdigen Vorstellung fest, bei Rückenschmerzen handle es sich um klemmende Wirbel, die zurechtgerückt werden müssten.» Patienten leiden deshalb oft über Jahre, ohne dass ihnen jemand hilft.

Die wahre Ursache der Schmerzen steckt in den Muskeln, ist Dejung überzeugt. Und zwar meist nicht dort, wo es wehtut, sondern an einer ganz anderen Stelle. So können beispielsweise für Rückenschmerzen die Bauchmuskeln verantwortlich sein (siehe Grafik).
Fachleute bezeichnen diese Schmerzquellen als Triggerpunkte. Dies sind winzige Knötchen, die von verkürzten Muskelfasern stammen. Sie entstehen, wenn man einen Muskel brüsk überdehnt oder belastet - zum Beispiel beim Sport oder durch einen Unfall. Folge: Der betroffene Muskel verspannt sich oft für Jahre und verursacht über das Nervensystem in entfernten Körperteilen Schmerzen. Laut Beat Dejung sind häufig auch vermeintlich rheumatische Schmerzen darauf zurückzuführen.


Der Muskel beim Triggerpunkt wird gedehnt

Patientin Ruth Bärtschi, 54, aus Winterthur hatte oft Kopfschmerzen. «Unerträglich waren aber Schwindel und Taubheitsgefühle im Gesicht», sagt sie. Ärzte wussten nicht weiter, und Medikamente nützten nur wenig. Erst der Physiotherapeut Ricky Weissmann aus Winterthur konnte ihr helfen. Weissmann ist zertifizierter Triggerpunkt-Therapeut und Präsident der Triggerpunkt-Interessengemeinschaft (siehe Kasten). Bei Ruth Bärtschi suchte Weissmann zuerst mit den Händen den Triggerpunkt, der für ihre Beschwerden verantwortlich war. Er fand ihn am Hals und bei der rechten Schulter. Dort drückte er gezielt mit den Daumen darauf und reizte die Punkte - ähnlich der Akupunktur - mit einem Nadelstich.

Die Reaktion bei Ruth Bärtschi blieb nicht aus - ein heftiger Schmerz durchzuckte ihren Kopf. «Der Beweis dafür, dass der Muskel im Hals das Kopfweh verursacht», erklärt Therapeut Weissmann. Darauf dehnte er den Muskel unmittelbar beim Triggerpunkt mit den Fingern. «Dadurch löst sich die Verspannung, und die Blut- und Sauerstoff-Zufuhr verbessert sich», sagt Weissmann. Nach acht Behandlungen von je 15 Minuten hatte Ruth Bärtschi keine Beschwerden mehr, nach vier weiteren Konsultationen konnte Weissmann die Behandlung abschliessen.

Der Rheumatologe Beat Dejung hat in einer Fallstudie die Therapie bei 25 Kopfwehpatienten im Alter zwischen 18 und 64 Jahren untersucht. Alle hatten chronische, teils migräneartige Kopfschmerzen. Resultat:
- 15 der 25 Patienten waren unmittelbar nach der letzten Behandlung «völlig schmerzfrei».
- 20 Patienten sagten zwei Jahre nach der Behandlung, das Kopfweh habe «deutlich gebessert».
Bei Osteoporose, frischer Diskushernie, Fibromyalgie und entzündlichen rheumatischen Krankheiten wie Polyarthritis hilft die Triggerpunkt-Therapie nicht. «Sie kommt aber als Begleitbehandlung in Frage», sagt Weissmann.

Bei Tibor Hidas, 51, steckte der Schmerz im Gesäss. «Ich konnte nur noch auf einer Pobacke sitzen. Es war die Hölle. Aber kein Arzt oder Physiotherapeut konnte mir helfen», sagt Hidas. Nach Jahren mit Schmerzmitteln kam er «durch puren Zufall» zu einem Triggerpunkt-Therapeuten, der die Ursache für den Gesässschmerz am Oberschenkel fand - und ausschaltete. Spazieren ist seither Vergangenheit: Tibor Hidas spielt heute wieder Fussball.

Rita Zeller (Name geändert) hatte bis zur Trigger-Behandlung einen «dauerhaften, stumpfen Schmerz» zwischen den Schulterblättern. Physiotherapeut Weissmann «triggerte» bei ihr am Kopf und am Nacken - die Schmerzen verschwanden.


«Die Therapie ist nicht mehr wegzudenken»

Bei unklaren, diffusen Rückenschmerzen ist die Wirkung der Trigger-Behandlung wissenschaftlich nachgewiesen. In einer 1999 in der Zeitschrift «Manuelle Medizin» veröffentlichten Studie wurden 83 Patienten untersucht, die im Schnitt seit vier Jahren diffuse Rückenschmerzen hatten. Die Patienten beurteilten ihr Schmerzempfinden eineinhalb Jahre nach der Triggerpunkt-Therapie wie folgt:
- 59 von 83 sagten, die Schmerzen seien «besser oder gut».
- Bei 16 waren sie «unverändert».
- Bei 8 waren die Schmerzen «stärker» geworden.
Das heisst: Bei rund 70 Prozent der Patienten linderte die Trigger-Behandlung die Schmerzen deutlich. Bei den meisten handelte es sich um Härtefälle: Sie hatten unzählige Therapien hinter sich und waren teilweise arbeitsunfähig.

Für Beat Villiger, Chefarzt und Direktor des medizinischen Zentrums in Bad Ragaz ist klar: «Die Triggerpunkt-Therapie ist von zentraler Bedeutung in der Schmerzbehandlung und deshalb nicht mehr wegzudenken.» Für Rheumatologe Dejung ist sie bis zu einem gewissen Grad «eine Abkehr von der hoch technisierten Medizin». «Bei der Schmerzbehandlung ist die Spitzenmedizin längst in eine Sackgasse geraten. Die Triggerpunkt-Therapie ist eine Möglichkeit, dort wieder herauszufinden.»



Der Auslöser liegt oft weit entfernt von der Schmerzstelle

1. Die Quelle von Rückenschmerzen können die Bauchmuskeln sein.
2. Kopfweh und migräneähnliche Schmerzen werden oft von der vorderen und seitlichen Halsmuskulatur verursacht.
3. Am Tennis-Ellbogen sind oft die Daumen- oder Schultermuskeln schuld.
4. Für Fussgelenkschmerzen können die Gesässmuskeln verantwortlich sein.
5.Wenn der kleine Finger schmerzt, steckt die Ursache meist in den Schultermuskeln.

Nützliche Adressen

Interessengemeinschaft für myofasziale Triggerpunkt-Therapie (IMTT), Reutlingerstr. 101, 8404 Reutlingen.

Die IMTT gibt eine Liste heraus, auf der zertifizierte und in der Ausbildung stehende Triggerpunkt-Therapeuten aufgeführt sind.
Auskunft darüber erhalten Patienten auch unter Telefon 052 213 13 24, via Mail: imtt@imtt.ch, oder unter www.imtt.ch bzw. www.triggerpunkt-therapie.ch.

17. März 2004 | Thomas Grether - thgrether@pulstipp.ch


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