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Artikel | saldo 5/2004

Überlebenschancen werden im mer besser

Alina wog bei der Geburt nur gerade 775 Gramm. Sie kam vierzehn Wochen zu früh auf die Welt. Trotz ihres verfrühten Starts ins Leben ist sie heute gesund.

Kein Grund zur Besorgnis», beurteilte der Gynäkologe Yvonne Maags leicht erhöhten Blutdruck. Die ersten Monate ihrer Schwangerschaft verliefen ganz normal. Sie und ihr Mann Oliver freuten sich auf ihr erstes Kind und über den immer dicker werdenden Bauch.

Doch es kam anders: Im sechsten Monat besuchte das Ehepaar Maag Angehörige in Hannover. «Plötzlich hatte ich Blutungen», erinnert sich die junge Mutter. «Ich wurde ins Spital gebracht und musste eine Woche lang liegen.» Die Ärzte überwachten den Herzschlag des Kindes und die Wehentätigkeit der Mutter. Langsam realisierten die werdenden Eltern: Ihr Kind drohte zu früh auf die Welt zu kommen. In der 26. Schwangerschaftswoche mussten die Ärzte schliesslich das Baby per Kaiserschnitt entbinden. Eine Schwangerschaftsvergiftung bedrohte das Leben von Mutter und Kind. Alina war bei der Geburt nur 36 Zentimeter gross und wog weniger als 800 Gramm.


Eltern waren vom Lebenswillen ihres Kindes überzeugt

Yvonne Maag erinnert sich, wie sie ihre Tochter zum ersten Mal sah: «Man zeigte mir ein Polaroidfoto. Ich erschrak. Alina war furchtbar klein und voller Falten.» Die ersten Wochen waren schlimm für die junge Mutter: Stundenlang sass sie vor dem Brutkasten und beobachtete ihre Tochter. «Ich dachte aber zu keinem Zeitpunkt ernsthaft, Alina könnte sterben.»

Ihr Baby musste künstlich ernährt werden, konnte aber selber atmen. Die Eltern waren immer vom Lebenswillen ihres Kindes überzeugt. «Die ersten zwei Wochen waren schwierig. Nachher ging es langsam, aber stetig aufwärts», erzählt Yvonne Maag. «Frühchen» wie Alina schaffen die Umstellung vom Mutterbauch an die äussere Welt nicht ohne Hilfe. Sie brauchen hauptsächlich Wärme, Atemhilfe und Sauerstoff. Meist müssen die winzigen Babys künstlich ernährt werden. Sie sind oft bis zum Termin, an dem sie hätten zur Welt kommen sollen, auf medizinische Unterstützung angewiesen. Während dieser Zeit der High-Tech-Versorgung ist es wichtig, dass sie auch menschliche Zuwendung spüren und erfahren.

Alina hat es geschafft: Zwei Monate nach der Geburt konnte sie ins Kinderspital verlegt werden. Ein Gerät nach dem anderen konnte abgeschaltet werden. Yvonne Maag: «Nach insgesamt drei Monaten konnten wir unsere Tochter nach Hause nehmen.»


Kinder vor der 24. Woche haben schlechte Chancen

Nicht alle Frühgeburten verlaufen so günstig. Die ärztlichen Bemühungen reichen nicht immer aus, um das Kind am Leben zu erhalten. Und wenn es überlebt, dann bleiben oft Behinderungen zurück. Sie reichen von leichten Bewegungsstörungen bis zu schweren geistigen Behinderungen. Welche Massnahmen wann noch sinnvoll sind, darüber sind sich selbst die Fachleute für Frühgeborene, die sogenannten Neonatologen, nicht einig.
- Die Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie empfiehlt deshalb: Babys, die vor der 24. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, sollen nur in Ausnahmefällen intensivmedizinisch versorgt werden. Das Problem dabei: Das Schwangerschaftsalter ist nicht immer genau bestimmbar und nicht jedes Frühgeborene ist gleich reif. Deshalb sind die Empfehlungen nicht absolut, sondern mehr als Richtlinie zu verstehen.

Alina hat im vergangenen Sommer ihren fünften Geburtstag gefeiert. Yvonne Maag ist sich bewusst: «Mir ist klar, dass es nicht selbstverständlich ist, dass unsere Tochter lebt und gesund ist.»



"Wichtig ist die Frage, wie Kinder überleben"

Hans-Ulrich Bucher, Direktor Klinik für Neonatologie,Universitätsspital Zürich, über die Überlebenschancen von Frühgeborenen.


Puls: Ab welcher Woche kann ein Frühgeborenes heute überleben?

Hans-Ulrich Bucher: Es gibt keine klare Grenze. In der Schweiz haben Kinder überlebt, die nach 24 Schwangerschaftswochen, das heisst 16 Wochen zu früh geboren wurden, im Ausland vereinzelt ab 23 oder sogar 22 Schwangerschaftswochen. Wichtiger als die Frage des Zeitpunktes ist für mich die Frage, wie solche Kinder überleben.


Welche medizinischen Entwicklungen haben es denn möglich gemacht, dass Babys schon so früh überleben können?

Dazu haben viele Entwicklungen beigetragen: zum Beispiel Medikamente, die schon vor der Geburt die Lungenreife beschleunigen, oder der Brutkasten, der das Kind warm hält und in dem es gut beobachtet werden kann. Dazu kommen bessere Beatmungstechniken und Diagnosemöglichkeiten. Wesentlich ist auch, dass die vorgeburtliche Betreuung in spezialisierten Zentren verbessert worden ist.


Leiden die Frühgeborenen körperlich unter so viel Intensivmedizin?

Frühgeborene können Stiche und andere Eingriffe wahrnehmen. Um zu vermeiden, dass sich Schmerzerfahrungen im sich entwickelnden Nervensystem lebenslang einprägen, geben wir den Frühgeborenen Schmerzmittel.


Warum verzichten Sie auf Intensivbehandlung bei Kindern, die vor der 24. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen?

Diese Regel kommt erst zum Tragen, nachdem viele Dinge berücksichtigt und diskutiert wurden. Sie beruht auf der statistischen Erfahrung, dass in diesem unreifen Zustand 90 Prozent der Kinder trotz Intensivbehandlung sterben und die Hälfte der Überlebenden schwere Schädigungen behalten. Der Zwang zu sparen spielt bei solchen Entscheiden keine Rolle.


Was geschieht, wenn Sie entscheiden, ein Frühgeborenes sterben zu lassen?

Den Entscheid erarbeiten Ärzte und Pflegepersonen gemeinsam und besprechen ihn mit den Eltern. Wenn sich alle einig sind, nehmen die Eltern das Kind zum Sterben in die Arme. Sie werden dabei unterstützt von Pflegenden, Ärzten, Verwandten oder Seelsorgern.




Immer mehr Frühgeborene

Als «frühgeboren» bezeichnet man Babys, die 3 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, also vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. «Sehr früh Geborene» kommen mehr als 8 Wochen vor dem Termin zur Welt, «extrem früh Geborene» mehr als 14 Wochen.

Die Zahl der Frühgeborenen nimmt stetig zu. Als Gründe für die Zunahme gelten unter anderem das höhere Alter der Mütter und eine grössere Anzahl Mehrlingsgeburten. Zusätzlich können Krankheiten wie Infektionen und Entzündungen oder Fehlbildungen bei Mutter oder Kind eine verfrühte Geburt notwendig machen.

17. März 2004 | Alice Funk


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