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Kinder und Erwachsene nehmen weit mehr Weichmacher auf als angenommen. Die Ursachen: Spielzeug, Kosmetika und Nahrungsmittelverpackungen.
Sie finden sich in Kabeln, Teppichen, Schuhsohlen, Lackfarben, Verpackungen, Küchengeräten, Kosmetika und Kontaktlinsen: Weichmacher. Diese Substanzen machen Kunststoffe elastisch und dienen in Shampoos, Deos oder Parfüms als Trägermoleküle für Duftstoffe. Die meisten industriell genutzten Weichmacher gehören zur Gruppe der Phtalate - eine Stoffklasse, die nicht unproblematisch ist. Phtalate gasen aus Kunststoff aus, gelangen in die Luft und ins Wasser, in Nahrungsmittel und zum Schluss in den menschlichen Körper.
Kinder reagieren besonders empfindlich
Studien des Instituts für Umwelt- und Arbeitsmedizin in Erlangen (D) zeigen, dass die Mengen, die der Mensch aufnimmt, sehr viel höher sind als bisher angenommen. Allein beim Weichmacher DEHP liegen sie zum Teil klar über dem Toleranzwert von 37 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Bei Frauen wurden zudem höhere Konzentrationen nachgewiesen als bei Männern.
«Wir vermuten, dass dafür kosmetische Produkte verantwortlich sind», sagt der deutsche Toxikologe Jürgen Angerer. Was ihm Sorgen bereitet: Kinder nehmen doppelt so viel Weichmacher auf wie Erwachsene. «In ihrem Entwicklungsprozess reagieren sie sehr empfindlich auf solche Stoffe.» Als mögliche Quelle kommen auch Nahrungsmittel in Frage. «Viele Lebensmittel gelangen während der Verarbeitung mit Kunststoffteilen und Verpackungsmaterial in Kontakt», so Angerer.
Die Forscher konzentrieren sich bislang auf die beiden Weichmacher Dibutylphtalat (DBP) und Diethylhexylphtalat (DEHP). In Tierversuchen führt DEHP - mit einem jährlichen Verbrauch von zwei Millionen Tonnen der weltweit gebräuchlichste Weichmacher - zu Missbildungen der männlichen Geschlechtsorgane, Hodenkrebs sowie zu Schäden an Augen und Nieren. Wissenschafter fürchten, dass DEHP auch die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen beeinträchtigen kann. So wurden in einer US-Studie 186 Männer mit unerfülltem Kinderwunsch untersucht. Das Resultat: Je höher die Belastung mit Weichmachern, desto geringer die Zahl und die Beweglichkeit ihrer Spermien.
Zunahme der geschlechtlichen Veränderungen
Des Weiteren beunruhigt die Forscher die Veränderung der geschlechtlichen Entwicklung. Bei Tieren ist unstrittig, dass sie empfindlich auf hormonaktive Stoffe wie DEHP reagieren - insbesondere bei Fischen nimmt die Zahl der Zwitterwesen zu.
«Auch beim Menschen werden Abweichungen bei der Geschlechtsentwicklung häufiger beobachtet als früher», sagt Olaf Hiort, Sprecher der Forschergruppe Intersexualität an der Universität Lübeck (D). Die genaue Ursache - hormonaktive Substanzen oder eine Zunahme extremer Frühgeburten - ist aber noch unklar.
Beunruhigend: Einer von 2000 Menschen ist von leichten und einer von 10 000 von schweren Abweichungen betroffen. Das heisst etwa, dass ein Kind äusserlich ein Mädchen ist, genetisch jedoch ein Junge - im Bauchraum sind statt Eierstöcken Hoden angelegt.
Ersatzsubstanzen teurer oder wenig erforscht
Das Chemikalienbüro der EU hat jetzt reagiert: In Lacken und Kosmetika dürfen DEHP und DBP nur noch bis Ende 2004 eingesetzt werden. Die Schweiz folgt dem Verbot voraussichtlich 2005.
Erlaubt bleibt DEHP jedoch auch künftig in seinem häufigsten Anwendungsbereich: in PVC. Der Weichmacher kommt deshalb weiterhin in Medizinprodukten vor, etwa in Blut- und Infusionsbeuteln, Handschuhen und Schläuchen. Für Jürgen Angerer ist das unhaltbar: «Menschen, die medizinisch intensiv versorgt werden, müssen vor DEHP-Belastungen geschützt werden.»
EU-Gremien arbeiten derzeit an einer Neubewertung des heiklen Stoffs. Die Schweiz würde sich einer allfälligen Anwendungseinschränkung bei PVC anschliessen, heisst es bei der Heilmittelbehörde Swissmedic. Laut Rainer Völksen, Leiter der Abteilung Medizinprodukte, gibt es aber «erst in wenigen Bereichen Alternativen». Eine Analyse des deutschen Instituts Ökopol in Hamburg bestätigt das: Viele Ersatzsubstanzen seien noch nicht hinreichend untersucht, andere einfach teurer als DEHP.
14. April 2004 | Sigrid Cariola
