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Artikel | saldo 7/2004

Ohnmächtig gegen das Einschlafen

Schlapp und keine Energie - fast die Hälfte der Bevölkerung klagt über Müdigkeit. Wer deswegen den Alltag nicht mehr bewältigen kann, braucht Hilfe.

Die Strasse war Andy Oeggerlis Lebensinhalt. 24 Jahre lang fuhr er mit seinem Truck durch die Welt: Iran, Europa, aber auch die Schweiz. «Es war schon immer mein Traum, unterwegs zu sein», erinnert sich der 49-jährige Lastwagenfahrer. Aber mit dem Gefühl der Freiheit auf den Landstrassen ist es jetzt vorbei. Anstatt mit seinem Brummi loszubrausen, wäscht er ihn nur noch. Der Grund: Er wäre wiederholt beinahe am Steuer eingeschlafen.


Schläfrigkeitsbedingte Unfälle oft nicht erkannt

«Manchmal wusste ich nicht mehr, wie ich von A nach B gekommen war. Zum Beispiel im Gotthardtunnel: Ich bemerkte, wie ich immer müder wurde und mich zwingen musste, nicht einzuschlafen. Da habe ich dann aufgehört mit dem Fahren.»

Eine schwierige, aber vernünftige Entscheidung. Denn: Nicht alle kämpfen so erfolgreich gegen das Nickerchen wie Andy Oeggerli. Der Sekundenschlaf am Steuer ist eine grosse Gefahr auf den Strassen. Allerdings spricht die Unfallstatistik der Polizei eine andere Sprache: «Nur» 1,4 Prozent der Verkehrsunfälle sind angeblich auf Schläfrigkeit am Steuer zurückzuführen. Diese Zahl steht im krassen Gegensatz zu wissenschaftlichen Erhebungen in vielen Industriestaaten: 10 bis 30 Prozent aller Unfälle werden dort auf den Sekundenschlaf zurückgeführt.

Johannes Mathis, Schlafexperte am Inselspital in Bern, erklärt diesen scheinbaren Widerspruch. «Die Polizeibeamten sind in den meisten europäischen Ländern zu wenig geschult, um schläfrigkeitsbedingte Verkehrsunfälle zu erkennen. Sie führen dann "Unaufmerksamkeit" in den Unfallprotokollen als Ursache auf.» Der Schlaf-experte fordert deshalb eine entsprechende Schulung der Polizisten.


Müdigkeit: Symptom vieler Krankheiten

Aber nicht nur Berufsfahrer haben häufig Mühe, wach zu bleiben. Laut Studien fühlen sich 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung zeitweise müde. Müdigkeit ist, so der Allgemeinpraktiker Thomas Walser, einer der häufigsten Gründe, weshalb Patienten zu ihm in die Praxis kommen. Dabei bedarf nicht jedes Gähnen der ärztlichen Abklärung. Thomas Walser: «Erst wenn Patienten nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen, diese Müdigkeit länger als drei Wochen andauert und sogar zunimmt, ist es ratsam, ärztliche Hilfe zu holen.»

Die Abklärungen sind nicht einfach. Denn Müdigkeit ist ein Begleitsymptom vieler Krankheiten: Eisen- und Vitaminmangel, Schilddrüsenunterfunktion, Bluterkrankungen, Herzinsuffizienz usw. Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen äussern sich durch grosse, anhaltende Müdigkeit. Findet der Hausarzt keine klare Ursache, verweist er den Patienten weiter an den Schlafexperten.


Schlaflabor: Art der Müdigkeit wird untersucht

Auch Andy Oeggerli suchte Hilfe im Schlaflabor des Inselspitals. In einem ersten Gespräch klärt der Schlafexperte ab, um welche Art der Müdigkeit es sich handelt: Fühlt sich der Patient abgespannt und ohne Energie oder ist er schläfrig, das heissst, neigt er auch tagsüber dazu, schnell einzuschlafen? «Bei Schläfrigkeit ist die Ursache häufig ganz einfach: zu wenig Schlaf oder sehr unregelmässige Schlafzeiten», weiss Johannes Mathis. Bei Oeggerli traf dies aber nicht zu. Die Ursache für seine Schläfrigkeit musste woanders liegen. Die Untersuchung im Schlaflabor bringt oft das gefährliche Schnarchen (Schlaf-Apnoe-Syndrom) als Ursache zu Tage. Bei dieser Krankheit kommt es zu vielen kurzen Atemstillständen, die beim Schläfer Weckreaktionen auslösen. «Typisch ist die Krankheit auch bei LKW-Fahrern, weil sie zu Übergewicht neigen und dies die Krankheit begünstigt», weiss der Experte.

Im Labor kann der Schläfrigkeitsgrad gemessen werden. Es gibt verschiedene Tests:
- Pupillografie: Eine Infrarotkamera filmt die Pupille der Testperson. Ist die Person wach, bleibt die Pupille in der Dunkelheit weit offen und verändert sich kaum. Der Durchmesser der Pupille schwankt mit zunehmender Müdigkeit.
- Einschlaftest: Der Patient liegt in einem verdunkelten Zimmer in einem Bett. Es wird getestet, wie lange es dauert, bis die Person einschläft. Normal wären mehr als 10 Minuten. Bei Andy Oeggerli dauerte es nur knapp 7 Minuten, bis seine Augen zufielen.
- Wachhaltetest: Der Patient sitzt in einem verdunkelten Zimmer in einem Lehnstuhl. Es wird getestet, wie lange die Person wach bleiben kann. Andy Oeggerli mobilisierte seine ganze Willenskraft. Es gelang ihm, die ganze Zeit wach zu bleiben.
- Elchtest: An einem Simulator setzt sich die Testperson «ans Steuer» und muss Elchen, die ihr im Weg stehen, ausweichen. Zehn Elche endeten unter Oeggerlis virtuellen Rädern. Zu viele!

Trotzdem konnte Andy Oeggerlis Müdigkeit nicht ganz klar beurteilt werden. Auch das ist - so der Experte - nicht selten. «Oft bleibt die Ursache der Schläfrigkeit diffus.» Die anschliessende Behandlung löste sein Problem nicht vollständig - auch wenn er danach den Elchtest bestand. Der leidenschaftliche Trucker musste seinen Job aufgeben. Ihm bleiben nur die vielen Mitbringsel und Fotos, die ihn an seinen gelebten Traum erinnern.



So vertreiben Sie die Müdigkeit
- Wer fahren muss: Häufigste «Aufputschmittel» sind koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Cola und Red Bull. Die üblichen Tricks wie Musik hören oder Fenster öffnen helfen nur kurzfristig. Am wirksamsten ist es, eine Pause einzuschalten, einen starken Kaffee zu trinken und gleich danach 15 Minuten zu schlafen. Aber auch diese Wirkung hält nur etwa eine Stunde an.
- Wechselbäder: Füsse oder Hände in 39 Grad warmem Wasser 5 Minuten erwärmen, dann 10 Sekunden ins kalte Wasser (8 bis 12 Grad) tauchen. Niemals kaltes Wasser auf kalte Haut. Den Vorgang drei- bis fünfmal wiederholen. Zuletzt kommt ein ganz kurzer kalter Abguss.
- Bäder: Zitronenbad (Saft von zwei bis drei Zitronen ins Badewasser geben), Rosmarinbad
- Tee: ein Aufguss aus Birkenblättern, Löwenzahnblüten, Karkadeblüten, Zitronenmelisseblättern, Katzenpfötchen und Ringelblumen (vgl. www. dr-walser.ch/anregend.htm)
- Rosmarin-Urtinktur: als Kur zwei Wochen lang morgens 20 Tropfen
- Powernaps: Kurzschlaf zwischen 10 und 30 Minuten tagsüber
- Genügend Bewegung an der frischen Luft

14. April 2004 | Marion Friedrich, Silvia Baumgartner


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