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Artikel | Gesundheits-Tipp 4/2004

Volles Risiko beim

Mit dem Frühlingswetter erwacht die Lust auf Sport und Abenteuer. Doch statt einfach loszuradeln, wegzureiten, loszubrettern, sollte man sich richtig vorbereiten. Das kann die Gesundheit retten.

Das Pferd galoppiert über die Wiese. Barbara Hottinger, 36, geniesst das Tempo und die frische Luft. Seit zwanzig Jahren ist Reiten ihre grosse Leidenschaft. Doch plötzlich bremst das Pferd: Die junge Frau fliegt über das Pferd und schlägt hart auf der Erde auf. Ein stechender Schmerz. «Kann ich meine Zehen noch bewegen?», ist ihr erster Gedanke. Ja, sie kann. Barbara Hottinger mobilisiert ihre gesamte Kraft und kriecht zum nächsten Feldweg. Dort kommt ihr jemand zu Hilfe. Etwas später im Krankenhaus dann die Diagnose: Bruch des zweiten Lendenwirbels.

Seit jenem Tag sind knapp zwei Jahre vergangen. Noch immer leidet Barbara Hottinger unter konstanten Schmerzen, kann sich nur schlecht bewegen. Die gelernte Kinderkrankenschwester kann höchstens vier Stunden täglich arbeiten. Wie es weitergeht, weiss sie nicht. Zurzeit lässt sie sich an der Zürcher Schmerzklinik behandeln.

Jedes Jahr verunfallen 300 000 Personen beim Sport. Und es werden immer mehr. Die Nichtberufsunfälle haben in den letzten vier Jahren stetig zugenommen - denn neben den Sport-, sind auch die Verkehrs- und Haushaltsunfälle am Zunehmen. Insgesamt 970 000 Fälle sind es gemäss Bundesamt für Unfallverhütung jedes Jahr.

Beim Wintersport beispielsweise sind die Unfallzahlen konstant gestiegen: Wurden vor 20 Jahren noch 26 000 Skiunfälle registriert, waren es im Jahr 2000 über 40 000 - und nochmals halb so viele Snowboardunfälle. Am häufigsten verletzen sich jedoch Fussballer: Beim Spiel mit dem Lederball gibts jährlich 50 000 Unfälle. Als weitere unfallträchtige Sportarten gelten Biking und Inline-Skating.
Und gleichzeitig steigen die Kosten: In den vergangenen drei Jahren nahmen die Ausgaben der Suva für alle Unfälle jährlich um 200 Millionen Franken zu.

Der Hauptgrund liegt laut Erich Wiederkehr, Pressesprecher der Suva, «bei den schweren Unfällen. Diese haben in den letzten Jahren massiv zugenommen.» Viele davon sind Verkehrsunfälle. Die Folgen der Verletzungen seien meist derart gravierend, dass sie früher oder später zur Invalidität führten. «Und genau diese Fälle kosten.»

Hinzu kommt eine immer älter werdende Gesellschaft. Zum einen erhöht sich mit dem Alter die Gefahr einer Arbeitsunfähigkeit. Zum anderen haben die Älteren durchschnittlich die höheren Löhne, sodass die Versicherungen für hohe Lohnausfälle aufkommen müssen.


Das Risiko von Untrainierten ist doppelt so hoch

Brian Martin vom Bundesamt für Sport (Baspo) sagt: «Unfälle treten vor allem dann auf, wenn die Sporttreibenden schlecht vorbereitet, unvorsichtig und übereifrig sind - wie etwa beim Skifahren oder bei einem Grümpelturnier.» Die Menschen sitzen während der Woche auf ihrem Bürostuhl und am Wochenende geben sie alles: «Zwei Stunden Fussball spielen oder ein Tag Ski fahren ist für Untrainierte im Durchschnitt doppelt so gefährlich wie für trainierte Personen.» Regelmässige Bewegung sind das A und O. Brian Martin empfiehlt deshalb als Prävention:
- Täglich eine halbe Stunde Bewegung. Diese halbe Stunde muss man nicht am Stück ausführen. Jede körperliche Aktivität, die mindestens zehn Minuten lang dauert, kann über den Tag gezählt werden.
- Der Atem sollte dabei leicht beschleunigt sein. Man kann leicht schwitzen, muss aber nicht.
- Die nötige Bewegung in den Alltag integrieren, zum Beispiel zügig gehen, im Garten arbeiten, Velo fahren.

Immer häufiger suchen Freizeitsportler das Risiko. Sie wollen Abenteuer, Action und Adrenalin: Sei es nun, dass sie mit dem Mountainbike den Hang runtersausen, mit den Rollerblades die Strassen unsicher machen oder sich an einem Seil von der Staumauer stürzen.

Einer, der beim Skifahren schon mehrmals in brenzlige Situationen gekommen ist, ist der 36-jährige Patrik Lanfranconi. Einmal löste sich ein Schneebrett unter seinen Skiern, andere Male gings auf Skitouren gerade noch gut. «Nachdem ich mich bei einer Tiefschnee-Abfahrt beim Titlis verletzte, wurde ich schon etwas vorsichtiger», sagt er. «Etwas Risiko muss aber immer noch sein. Es tut einfach gut, die Tiefschneehänge runterzusausen, den Wind und die Sonne zu spüren und Spass zu haben. Es ist der pure Kick. Und es gibt mir Auftrieb für die nächsten Arbeitstage.»

Claudio Casparis, Suva-Verantwortlicher für Freizeitsicherheit, ist überzeugt, dass ein Abenteuer nicht zwingend mit Risiko verbunden sein muss. «Einen Adrenalinkick kann man auch völlig gefahrlos erleben», ist er überzeugt. «Es kann ungefährlich sein und doch aufregend.»


Qualitäts-Label für Anbieter von Outdoor-Aktivitäten

Mit der Stiftung «Safety in adventures» versucht unter anderem die Suva, Abenteuer-Sportarten wie Riverrafting, Canyoning und Abseilen so gut wie möglich abzusichern. Mit einem Dutzend Firmen haben sie eine Art Qualitäts-Label für Anbieter von Outdoor-Aktivitäten geschaffen. Periodisch müssen sich die Unternehmen neu zertifizieren lassen und die Angestellten weiterbilden. Die Idee zu einem solchen Sicherheitsstandard entstand nach dem Saxetbach-Drama im Sommer 1999. Damals starben beim Wildwasser-Canyoning 21 junge Menschen, als sie von einer Flutwelle mitgerissen wurden.

Obwohl Unfälle bei den Trendsportarten aufs Ganze gesehen nicht ins Gewicht fallen, sei es für den Laien fast unmöglich, die Risiken richtig einzuschätzen, sagt Claudio Casparis. Damit die Freizeit Spass macht, aber nicht wehtut, sollte man deshalb speziell auf folgende Punkte achten:
- Lassen Sie sich von ausgebildeten Fachleuten anleiten.
- Verwenden Sie - auch wenn es etwas teurer ist - immer das richtige Material, geprüfte Ausrüstungen und unfallverhütende Hilfsmittel.
- Lassen Sie sich nicht unter dem Druck einer Gruppe zu leichtsinnigem Verhalten verführen. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl und verzichten Sie auf das Abenteuer, wenn Sie unsicher sind.
- Beachten Sie die Vertragsbestimmungen Ihrer Unfallversicherung. Klären Sie ab, ob eine Zusatzversicherung notwendig ist.




Leistungen bis zu 50 Prozent gekürzt

Wer in der Freizeit immer wieder den Nervenkitzel braucht, sollte abklären, wie riskant die Versicherungen sein Hobby einschätzen. Denn laut Gesetz kann der Versicherer bei Sportarten, die generell als Wagnis gelten, die Geldleistungen um 50 Prozent kürzen. Bei einem möglichen Unfall sind die Heilungskosten zwar zu hundert Prozent gedeckt, die Taggelder und allfällige Entschädigungen könnten aber nur halb so hoch ausfallen. Unter anderen gelten folgende Sportarten als Wagnis:
- Hydrospeed oder Riverboogie (Wildwasserfahrt, bäuchlings auf Schwimmbob)
- Tauchen in einer Tiefe von mehr als 40 Metern
- Abfahrtsrennen mit Mountain- oder Citybikes
- Auto-Wagnisse wie Autocross
- Fullcontact-Wettkämpfe wie Thaiboxen
- Ski-GeschwindigkeitsrekordFahren
- Snow-Rafting (Schlauchbootfahrten auf Skipisten)
Vollständige Liste: www.suvaliv.ch



Barbara Hottinger, 36, aus Frauenfeld. Reitunfall

«Mitten im Galopp machte mein Pferd eine Vollbremsung. Ich fiel über das Pferd und brach mir den zweiten Lendenwirbel. Seit diesem Unfall vor zwei Jahren leide ich unter starken Schmerzen. Sie sind dumpf, störend und immer vorhanden. Arbeiten kann ich nur noch wenige Stunden am Tag, und Sport treiben kann ich gar nicht mehr.
Mein Körper braucht enorm viel Erholung und Ruhe.
Ich muss mein Leben viel stärker planen. Spontanes hat kaum mehr Platz darin.»



Patrik Lanfranconi, 36, aus Ebertswil ZH. Skiunfall

«Ich fädelte im Tiefschnee mit dem einen Ski ein und stürzte. Dabei renkte ich mir die Schulter aus und verletzte die Gelenkkapsel am Knie. Während drei Monaten ging ich an Krücken. Operieren liess ich das Knie zum Glück nicht; die Verletzung ist auch so wirklich gut verheilt. Die Schulter schmerzt mich hingegen noch heute. Ich stehe nach wie vor gerne auf den Brettern - fahre aber inzwischen etwas vorsichtiger.»



Ruth Meyer, 63, aus Brütten ZH. Unfall beim Selbstverteidigungskurs

«Ich brach mir den Unterschenkelknochen, als ich einen Verteidigungsschlag falsch kickte. Ich erlitt einen Bruch unter der Kniescheibe, Blutergüsse und Stauungen. Mit grossem Willen trainierte ich das Bein und den Fuss, sodass ich heute wieder gehen kann.

Das war vor acht Jahren. Doch mein Bein ist nie mehr richtig gesund geworden. Ich habe seither starke Schmerzen und seit ein paar Monaten gehe ich wieder an Stöcken: Der Schienbeinknochen sowie der vordere Restmuskel am Unterschenkel haben sich entzündet. Ich hoffe wirklich, dass sich mein Bein bald erholt und ich wieder arbeiten kann.»



Doros Michaelides, 35, aus Zürich. Motorradunfall

«Bei 50 Stundenkilometern blockierte plötzlich das Hinterrad. Ich überschlug mich samt meiner schweren Triumph und landete auf dem Rücken. Dieser Unfall vor drei Jahren veränderte mein Leben - seither bin ich querschnittgelähmt. Der Schlag zerschmetterte meinen vierten Brustwirbel, und das Rückenmark wurde eingeklemmt. Trotz Behinderung sind Sport und Geschwindigkeit noch immer wichtig in meinem Leben: Ich trainiere in der Rollstuhl-Liga Basketball, fahre regelmässig mit meinem Vierrad-Töff aus oder gebe im Kart Gas. Und auch fliegen werde ich wieder - zwar nicht mehr als Linienpilot, doch hoffentlich bald mit eigenen Flugschülern.»

14. April 2004 | Gabriela Braun - gbraun@pulstipp.ch


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