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Viele Kunstfehler wären vermeidbar. Doch Qualitätssicherung in den Spitälern hat keine Priorität. Das zeigt der tragische Tod einer Rentnerin.
Wie konnte das nur passieren? Was ist zu tun, damit das nie mehr geschieht? Diese Fragen drängen sich nach fatalen Kunstfehlern auf wie kürzlich im Fall der Herzpatientin, die infolge einer Verwechslung im Universitätsspital Zürich gestorben ist. Diese Fragen quälen auch Bruno Fabbri seit Monaten: Seine 86-jährige Mutter ist am 25. Oktober letzten Jahres unerwartet gestorben, obwohl sie für ihr Alter sehr rüstig war. Martha Fabbri erhielt bei einer Routineuntersuchung das penicillinhaltige Antibiotikum Augmentin - dies, obwohl im Spital bekannt war, dass sie auf dieses Medikament hochallergisch reagierte.
Der Vorfall ereignete sich ebenfalls im Universitätsspital Zürich. Martha Fabbri war keine Unbekannte: Wegen Diabetes und einem offenen Bein liess sie sich im Unispital seit Jahren behandeln. Als sie 1999 das erste Mal mit einer starken Allergie auf das Medikament Augmentin reagierte, war sie dort zudem zwei Wochen hospitalisiert.
Die Klinikleitung bestätigt den Behandlungsfehler
Dass seine Mutter vier Jahre später ein zweites Mal Augmentin erhielt, kann Bruno Fabbri nicht verstehen: «Sie hatte ja einen Allergiepass und war jahrelang Patientin in diesem Spital. Es muss doch eine Karteikarte mit ihrer Krankengeschichte geben, auf der rot und dick geschrieben steht, dass sie darauf allergisch ist!»
Dass im Spital gepfuscht wurde, streitet die Klinikleitung nicht ab: «Es steht ausser Frage, dass in diesem Fall ein Fehler mit gravierenden Konsequenzen passiert ist», so Petra Seeburger, Sprecherin des Universitätsspitals Zürich. «Die Tatsache, dass die Patientin auf Augmentin allergisch reagieren würde, war aktenkundig.» Das Spital entschuldigte sich in aller Form für den fatalen Fehler.
Das vermag Bruno Fabbri nicht zu trösten. «Mein Ziel ist, dass alles klar auf den Tisch kommt», sagt er. Die verantwortlichen Ärzte müssen seiner Meinung nach den Kopf hinhalten; er möchte, dass ein solcher Fehler nie mehr passiert.
Spitäler haben kein gemeinsames Fehlermeldesystem
Das Unispital will aus dem Fall Fabbri etwas gelernt haben. Die Spitalleitung habe «im Rahmen des Qualitätsmanagementsystems» ein Projekt lanciert; über konkrete Massnahmen mag sich die Klinik nicht äussern.
«Qualitätssicherung hat im Gesundheitswesen nicht erste Priorität», sagt Petra Busch, Geschäftsführerin der Nationalen Koordinations- und Informationsstelle für Qualitätssicherung (KIQ). Ausserdem fehle ein einheitliches System. Einzelne strengen sich zwar an, aber, kritisiert Petra Busch: «Es fehlt eine gemeinsame Zielsetzung.»
Sinnvoll wäre ein zentrales Fehlermeldesystem für alle Spitäler. Damit die Kliniken aus den Fehlern der anderen lernen und laut Petra Busch «die gleichen Fehler in Zukunft vermeiden können». Die Stiftung für Patientensicherheit ist seit kurzem daran, ein solches System auszuarbeiten. Wann es funktioniert, ist laut dem Geschäftsführer der Stiftung, Marc-Anton Hochreutener, aber unklar.
Strafverfahren
Haben Ärzte wie im Fall Fabbri eindeutig gepfuscht, leiten die Behörden von Amtes wegen eine Strafuntersuchung ein. Ein Untersuchungsrichter soll klären, ob sich jemand der fahrlässigen Tötung oder Körperverletzung schuldig gemacht hat. «Ein Betroffener hat aber das Recht, sich als Kläger am Strafverfahren zu beteiligen», sagt Peter Schmucki, Vertrauensanwalt der Patientenorganisation. «Er kann Rechtsmittel ergreifen, wenn er mit einem Entscheid nicht zufrieden ist.» Ist es jemandem sehr wichtig, dass die Schuldigen für einen Behandlungsfehler bestraft werden, sollte er dieses Recht wahrnehmen.
Bruno Fabbri hat es deshalb abgelehnt, das sogenannte Desinteresse zu erklären. Schmucki: «Das würde heissen, dass er sich aus dem Strafverfahren zurückzieht und es ohne ihn weitergeht.» Das vereinfacht zwar den Ablauf, kann aber dazu führen, dass die Strafverfolgungsbehörde das Verfahren nicht mehr mit derselben Schärfe führt, weil kein Privatkläger mehr Druck macht.
26. Mai 2004 | Marianne Kägi, Bennie Koprio
