|
(0) |
Im Walliser Lötschental beisst eine Viper Marco in die Hand. Sein Kreislauf bricht zusammen. Eine Ausnahme, sagen Fachleute. Betroffene haben genug Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Wichtig: Panik vermeiden.
Es ist ein schöner Frühsommertag im Walliser Lötschental. Der 6-jährige Marco klettert auf den warmen Steinen herum. Er ist mit den Grosseltern unterwegs, die nahe an der Strasse Rast machen. Plötzlich hören die Grosseltern einen Schrei: «Eine grosse, braune Schlange hat mich in die Hand gebissen!» In der Tat: Zwischen Zeig- und Mittelfinger der rechten Hand von Marco sind zwei rote Punkte zu sehen. Doch die braune Schlange ist verschwunden. Die Grosseltern ahnen Schlimmes, denn im Lötschental hat es Vipern.
Jedes Jahr werden in der Schweiz mindestens 15 bis 20 Menschen von einer giftigen Schlange gebissen. Die Täter: Vipern und Kreuzottern, die einzigen Giftschlangen in der Schweiz. Doch Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer. Vier von fünf Schlangenbissen betreffen Hände und Arme. Oft passiert es beim Beerensammeln - die Schlangen verstecken sich im dichten Gestrüpp. Die restlichen Bisse betreffen Füsse und Beine.
Ein Schlangenbiss ist kein Todesurteil. Der Schlangenexperte Jürg Meier von der Universität Basel: «Bewahren die Gebissenen Ruhe, passiert selten etwas Schlimmes.» Wer in Panik gerät, kurbelt den Kreislauf an, und das Gift verteilt sich rasch im Körper. Deshalb ist das oberste Gebot nach einem Biss: Sich so wenig wie möglich bewegen.
Seit über 30 Jahren ist in der Schweiz kein Mensch an einem Schlangenbiss gestorben. Meier: «Die Betroffenen haben in der Regel genug Zeit, ohne Hast einen Arzt aufzusuchen.» Ausnahme: Wer sich in abgelegenem Gelände oder in den Bergen befindet, sollte an Ort bleiben und die Rega alarmieren.
Der Junge ist noch «knapp ansprechbar»
Der Allgemeinpraktiker und Notarzt Beppe Savary hat im Tessiner Onsernone-Tal rund 20 Schlangenopfer betreut. Er sagt: «Nur 2 der 20 Patienten musste ich ins Spital einliefern. Alle anderen kamen glimpflich davon.» In der Tat bekommt die Hälfte der Patienten nur gerade eine Schwellung an der Bissstelle, die sich blau verfärben kann. Jeder dritte erbricht und bekommt Durchfall. Zudem kann der Blutdruck absacken. Doch nur jeder siebte hat schwere allergieähnliche Vergiftungssymptome wie einen Kreislaufschock. Denn Schlangen geben nicht immer alles Gift ab. Nur bei den schweren Fällen empfehlen die Experten ein Gegengift.
Meier warnt deshalb vor Kurzschlusshandlungen wie Abbinden des betroffenen Glieds oder Ausbluten der Wunde: «Das verschlimmert die Sache nur.»
Was die Grosseltern noch nicht ahnen: Marco hats schwer erwischt. Bereits auf dem Weg zum Arzt beginnt der Junge zu erbrechen. Auch der Arzt ist sich der Schwere des Falls nicht bewusst: Er gibt Marco homöopathische Tropfen - und schickt die drei auf den Heimweg.
Doch der Junge muss immer wieder erbrechen - und beginnt zu fantasieren. Jetzt bekommen die Grosseltern Angst. In Goppenstein entscheiden sie sich, ins Spital nach Frutigen BE zu fahren.
Die Ärzte im Spital Frutigen stecken Marco eine Infusion. Der Knabe ist laut Aussagen des behandelnden Arztes noch «knapp ansprechbar», der Kreislauf «instabil». Ein Gegengift haben die Ärzte nicht - zu selten haben sie es mit Schlangenbissen zu tun. Eine Ambulanz bringt Marco nach Bern ins Spital.
Die Hand des Knaben ist mittlerweile stark angeschwollen. Die Schwellung hat sich sogar auf den Brustkorb ausgeweitet. Doch bereits auf der Intensivstation des Kinderspitals ist sein Kreislauf wieder stabil. Die Ärzte entscheiden sich dennoch, Marco das Gegengift zu spritzen. Mittlerweile sind vier Stunden seit dem Biss vergangen.
Zwei Tage muss Marco auf der Intensivstation bleiben. Dann geht die Schwellung langsam zurück. Am fünften Tag darf er das Spital verlassen.
Heftig auftreten - dann flüchten die Schlangen
Mutter Renate Lüthi hat Lehren aus dem Ereignis gezogen: «Wenn man in den Bergen ist, kann man immer auf Giftschlangen treffen. In Zukunft werden wir uns vorsehen.» Schlangenexperte Jürg Meier rät: «Wenn man hohe Schuhe trägt und gut schaut, wohin man sich setzt oder hingreift, ist die Gefahr verschwindend klein, von einer Schlange gebissen zu werden.» Er beobachte allerdings oft, dass sich Wanderer fahrlässig verhalten: «Am Ende der Tour ziehen viele die Schuhe aus und gehen dann die letzte Strecke barfuss.»
Zudem: Eine Schlange beisst nur dann zu, wenn sie sich in einer Notsituation befindet. Meier: «Wenn man mit den Schuhen oder einem Stock regelmässig kräftig auftritt, flüchten die Schlangen vorher.»
Hohe Schuhe schützen vor dem Gift
So schützen Sie sich
- Wandern Sie nie barfuss - ziehen Sie hohe Wanderschuhe an.
- Tragen Sie lange Hosen.
- Untersuchen Sie Ihren Rastplatz.
- Treten Sie beim Gehen fest auf.
- Stampfen Sie bei der Beerensuche auf den Boden, bevor Sie in die Büsche greifen.
- Berühren Sie keine scheinbar toten Schlangen.
So gehen Sie nach dem Biss vor
- Bleiben Sie ruhig.
- Der Patient soll sich hinsetzen oder hinlegen.
- Stellen Sie den betroffenen Körperteil ruhig.
- Ist der Arm betroffen: Entfernen Sie Uhr und Ringe.
- Desinfizieren Sie die Wunde.
- Suchen Sie ohne Hast den nächsten Arzt auf.
- In den Bergen und in unwegsamem oder abgelegenem Gelände: Rufen Sie die Rettungsflugwacht Tel. 1414.
- Auch das Toxikologische Zentrum gibt im Notfall Auskunft: Tel. 145.
- Trinken Sie keine Getränke mit Alkohol.
- Kein Abbinden oder Ausbluten der Wunde.
GIFTSCHLANGEN DER SCHWEIZ
Kreuzotter und Aspisviper sind für Laien schwierig zu unterscheiden. Beide sind klein und kräftig gebaut und haben einen deutlich abgesetzten, schlanken Kopf. Anders als ungiftige Schlangen wie die Ringelnatter, haben ihre Augen eine senkrecht gespaltene Iris. Die Kreuzotter hat meist eine schwarze Zackenlinie auf dem Rücken.
Die Zähne der Schlangen geben ein Eiweissgemisch ab, das Blut verdünnt und Nerven schädigt. Gefährlich wird es aber erst, wenn das Gift allergieähnliche Symptome auslöst.
Kreuzotter: Zentrale, nördliche und östliche Alpen, Glarus und Graubünden. Vereinzelt auch im Mittelland. Bis auf 2700 Meter über Meer.
Aspisviper: Jura, Wallis und Westschweiz, westliche und zentrale Alpen, Tessin und Bündner Seitentäler. In der Regel unter 1800 Meter über Meer.
30. Juni 2004 | Tobias Frey - tfrey@pulstipp.ch
