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Artikel | Haus & Garten 3/2004

«Echte Frauen sind nur noch schlechte Pornografie»

Je mehr nackte Haut gezeigt wird, desto weniger Sex wird praktiziert. Die Verhüllung der Reize fördert knisternde Erotik, schreibt die New Yorker Publizistin Naomi Wolf.

Die Schleusen stehen kurz davor, geöffnet zu werden, die Pornografie entwickelt sich zum Mainstream. Dies behauptete in den Achtzigerjahren die Feministin Andrea Dworkin. Würden der Pornografie keine Grenzen gesetzt, so Dworkin weiter, dann nähmen Männer Frauen nur mehr als Objekte und Pornodarstellerinnen wahr. Die geballte Ladung an Schweinereien würde dazu führen, dass Männer alle Frauen als sexuell minderwertige Wesen betrachteten und erniedrigend behandelten. Die unausweichliche Folge: ein massiver Anstieg von Vergewaltigungen.

Der erste Teil ihrer Vorhersage hat sich bewahrheitet: Pornografie ist in unserem Leben allgegenwärtig geworden. Von Spam-Mails, die nichts ahnenden Computerbenutzern anzügliche Sexbilder auf den Bildschirm bringen, bis hin zum Porno in Reinkultur am TV. Sogar die zweifache Mutter Madonna trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Porn Star». Klubs, in denen nackte Frauen auftreten, schiessen wie Pilze aus dem Boden, und Starlets rühmen sich in Boulevardzeitungen damit, wie sie von Profis strippen gelernt haben.

Dworkin hatte Recht: Die Schleusen der Pornografie haben sich geöffnet. Aber in Bezug auf die Folgen irrte sie sich.
Jungen Männern und Frauen wird durch Pornofilme tatsächlich beigebracht, was Sex ist, wie er aussieht, was seine Regeln und Erwartungen sind - und das hat einen enormen Einfluss darauf, wie sie miteinander umgehen. Die Folge ist aber nicht, dass sich Männer in hirnlose Bestien verwandeln, die in jeder Frau einen Pornostar sehen und über sie herfallen.

Ganz im Gegenteil. Gemäss meinen Beobachtungen sind Pornos verantwortlich dafür, dass sich die männliche Libido im Umgang mit realen Frauen in Luft auflöst. Keine Rede davon, dass junge Frauen sich gegen Horden von pornoverrückten jungen Männern zur Wehr setzen müssten. Frauen sorgen sich vielmehr, dass sie als reale weibliche Wesen aus Fleisch und Blut das Interesse von jungen Männern kaum mehr wecken, geschweige denn längerfristig aufrechterhalten können.

Ich habe kürzlich mit jungen Studentinnen gesprochen, und sie haben mir gesagt, dass sie mit dem vermittelten Frauenbild schlicht nicht mithalten könnten. Es sind echte Frauen - Frauen mit Poren und vielleicht auch Cellulite, mit Brüsten, die ihnen von Natur aus gegeben sind, und mit einem Wortschatz, der über «O ja, mach weiter, mein Hengst!» hinausgeht, Frauen mit Gefühlen und mit eigenen sexuellen Bedürfnissen.

Wie könnten sie mit der vollkommenen Cyberfrau konkurrieren, die bei Bedarf heruntergeladen werden kann und unterwürfig ganz nach dem Geschmack des Benutzers daherkommt?

Erotische Bilder waren in der Geschichte der Menschheit fast immer ein Abbild, eine Verherrlichung oder ein Ersatz für echte nackte Frauen. Jetzt aber hat zum ersten Mal der Reiz dieser Bilder denjenigen einer realen Frau verdrängt. Heutzutage sind echte nackte Frauen mit ihren menschlichen Zügen und Unzulänglichkeiten nichts weiter als schlechte Pornografie.
Während zweier Jahrzehnte habe ich beobachtet, wie junge Frauen ihren reellen und hypothetischen sexuellen Wert aufgrund der Pornografie herabgesetzt haben.

Als ich in den Siebzigerjahren volljährig wurde, war es noch immer ziemlich cool, wenn man sich einem jungen Mann tatsächlich als nackte, bereitwillige Frau anbieten konnte. Mehr junge Männer wollten mit nackten Frauen zusammen sein, als es nackte Frauen auf dem Markt gab.

Vorausgesetzt, eine Frau hatte nichts wirklich Furcht erregendes an sich, konnte sie mit einer ziemlich begeisterten Reaktion rechnen, wenn sie sich nur schon blicken liess. Gut möglich, dass der Freund sich den «Playboy» zu Gemüte führte, aber das war nichts im Vergleich zu einer warmen, echten Frau, die tatsächlich da war.

Vor 30 Jahren galt Geschlechtsverkehr in der Missionarsstellung in der Pornografie für die Massen noch als erotisch. Als 1972 der Pornofilm «Behind the Green Door» erschien, wurden Sexszenen in dieser nüchternen Stellung noch als enorm stimulierend betrachtet.

Ich bin mittlerweile 42, und meine Generation ist die letzte, die selbstbewusst an das glaubte, was wir in sexueller Hinsicht zu bieten hatten. In den Achtziger- und Neunzigerjahren habe ich miterlebt, wie unsere jüngeren Geschlechtsgenossinnen mit den heissen Eskapaden von Lesben und tiefgebräunten Pornostars auf Video konkurrieren mussten.

Unterdessen ist es noch schlimmer geworden. Viele junge Frauen in meinem Fitnesscenter wirken mit ihren künstlich prallen Brüsten und dem sorgfältig enthaarten Intimbereich wie Darstellerinnen in einem Pornofilm. 40-Jährige haben die Schambehaarung von erwachsenen Frauen - die 20-Jährigen hingegen sind alle gestylt wie Pornostars.

Aber bedeutet all das nun, dass die Sexualität freier geworden ist? Oder verhält es sich mit der Beziehung zwischen Pornoindustrie, Zwanghaftigkeit und sexueller Lust ähnlich wie mit der Landwirtschaft, verarbeiteten Nahrungsmitteln, extragrossen Portionen und Fettleibigkeit? Wenn Ihr Appetit ständig angeregt und mit Waren von schlechter Qualität gestillt wird, dann braucht es viel mehr von diesem Junkfood, bis Sie satt sind.

Die Menschen sind sich wegen der Pornografie nicht näher gekommen, sondern sie haben sich weiter voneinander entfernt. Wir werden in unserem täglichen Leben nicht mehr stimuliert, sondern weniger.

Die jungen Studentinnen, die mit mir über die Auswirkungen der Pornografie auf ihr Intimleben gesprochen haben, haben das Gefühl, nie gut genug zu sein. Sie glauben, nie das verlangen zu können, was sie wirklich wollen. Und wenn sie nicht bieten, was Porno bietet, können sie auch nicht erwarten, einen Kerl an sich zu binden.

Die jungen Männer hingegen sprechen darüber, wie es ist, erwachsen zu werden und alles über Sex aus Pornos zu lernen. Und sie sagen, dass Pornos ihnen nicht dabei geholfen haben, herauszufinden, wie man mit einer echten Frau umgeht - geschweige denn, wie man ihre Bedürfnisse befriedigt.

Auf die Frage, wie es denn mit der Einsamkeit stehe - ob Pornobilder nicht dazu führten, dass man ein bisschen weniger Intimität verspüre -, schwiegen die jungen Männer und Frauen meist traurig. Sie wissen, dass sie einsam sind, auch wenn sie zusammen sind. Und sie spüren, dass die Pornografie und ihre Bilder für einen grossen Teil dieser Einsamkeit verantwortlich sind. Was sie nicht wissen, ist, wie sie einander auf einer erotischen Ebene wiederfinden können - von Angesicht zu Angesicht.

Demnach ist möglicherweise nicht die Moral der Grund, weshalb der Pornografie der Kampf angesagt werden soll. Vielmehr sind es Bedenken in Bezug auf die körperliche und emotionale Gesundheit. Der ständige Zugang zu pornografischem Material sollte hinterfragt werden: Wer ein Sportler sein will, tut schliesslich auch gut daran, aufs Rauchen zu verzichten. Und eine übermässige Zufuhr von Stimulanzien bedeutet eine verminderte Leistungsfähigkeit - das ist erwiesen.

Bei der Pornografie kommt eine pawlowsche Reaktion zum Tragen: Ein Orgasmus ist einer der wirkungsvollsten Stimuli. Wenn Sie einen Orgasmus vorwiegend mit Ihrer Frau, einem Kuss, einem Duft oder einem Körper assoziieren, dann kommt es mit der Zeit so weit, dass diese Faktoren ausreichen, um Sie sexuell zu erregen.

Wenn Sie hingegen einen Orgasmus nur mit einem endlosen Strom von unpersönlichen, immer tabuloseren Bildern von Cybersex verbinden, dann brauchen Sie solche Bilder schliesslich, um überhaupt erregt zu werden. Indem die Sexualität in Bildern allgegenwärtig ist, wird Eros nicht befreit, sondern geschwächt.

Anderen Kulturen ist dies bewusst. Ich befürworte keineswegs die Rückkehr in eine Zeit, als die weibliche Sexualität noch versteckt wurde. Aber ich verstehe heute, dass die Kraft und die Energie der Sexualität nur erhalten bleiben, wenn ihr etwas Heiliges, Unantastbares anhaftet.
Das Gefühl, dass Sex nicht einfach ständig nach Belieben verfügbar ist, kommt einer Beziehung zugute. Deshalb verurteilen viele Kulturen die übermässige Verbreitung von sexuellen Darstellungen. Viele traditionellere Kulturen scheinen die männliche Sexualität besser zu verstehen als wir.

Diese Kulturen warnen Männer vor Pornografie, weil sie der Erotik in einer Ehe einen hohen Stellenwert beimessen. Sie wissen, dass eine starke erotische Bindung zwischen den Eltern ein Schlüsselelement einer gesunden Familie ist.

Der Sexualtrieb ist für sie vergleichbar mit dem Druck, der in einer Leitung herrscht: Wenn man einen Mann oder eine Frau unzähligen sexuell freizügigen Bildern von anderen Menschen aussetzt, dann ist das, wie wenn diese Leitung zahlreiche Löcher bekommt. Auf diese Weise kann die sexuelle Energie entweichen, sodass letztlich weniger davon für die bestehende Beziehung übrig bleibt.

Diese Kulturen behandeln Frauen vielleicht nicht nett - aber sie verstehen etwas von der Macht von Eros. Wir können ihnen etwas über Gleichberechtigung beibringen, und sie können uns etwas über Heiligkeit lehren.

Ich werde meinen Besuch bei Devorah nie vergessen, einer alten Freundin, die zum orthodoxen Judentum konvertiert ist und jetzt in Jerusalem lebt. Als ich sie traf, trug sie statt Jeans und T-Shirt einen langen Rock und ein Kopftuch. Ich konnte das nicht begreifen. Devorah hat goldblonde, wilde Locken, die ihr bis an die Taille reichen.

«Kann nicht einmal ich deine Haare sehen?», fragte ich vergeblich und versuchte, in dieser Frau meine alte Freundin wiederzuerkennen. Sie lehnte ab. «Aber warum nicht?», wollte ich wissen, «ich bin doch eine Frau!» «Nur mein Ehemann darf meine Haare sehen», sagte sie mit ruhiger Stimme, in der ihre sexuelle Selbstsicherheit spürbar war.

Später zeigte sie mir ihr kleines Haus in einer Siedlung auf einem Hügel und auch ihr Schlafzimmer, das mit Stickereien aus dem Nahen Osten dekoriert war. In diesem Zimmer, das nicht einmal ihre Kinder betreten dürfen und zu dem auch ihr Ehemann nur Zutritt hat, wenn die Zeit dafür richtig ist, war die sexuelle Intensität geradezu archaisch und überwältigend zu spüren.

Die erotische Spannung, die ich in diesem Raum fühlte, war intensiver und tiefer als alles, was ich je zwischen weltlichen Paaren im befreiten Westen erlebt habe. Und ich dachte: Unsere Ehemänner sehen tagtäglich auf der Strasse oder auf dem Internet nackte Frauen. Devorahs Ehemann bekommt nicht einmal die Haare einer andern Frau zu Gesicht. Sie muss sich so was von sexy fühlen!
Und jetzt vergleichen Sie diese hocherotische Stimmung mit dem, was mir ein junges Pärchen erklärt hat. «Wieso immer gleich Sex?», hatte ich gefragt. Er antwortete: «Alles ist immer ein wenig gespannt, wenn man sich erst seit kurzem mit jemandem trifft. Ich habe lieber gleich Sex, dann hat man es hinter sich. Es wird ja sowieso geschehen und so ist zumindest diese Spannung weg.»

«Aber ist es denn nicht Spannung, die den Spass ausmacht?», hakte ich nach, «ist nicht das Geheimnisvolle, das Unbekannte wichtig?» Verständnisloser Blick: «Das Geheimnisvolle?» Ohne Zögern kommt: «Ich weiss nicht, was Sie meinen. Sex hat nichts Geheimnisvolles.

© Naomi Wolf, «The Sunday Times», London; Originaltitel: «The more you see the less you want», Übersetzung: Irene Bisang.
Wolfs Buch «Mythos Schönheit» wurde 1990 zum internationalen Bestseller. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch «Vom Ende der Unschuld. Oder das sexuelle Drama, eine Frau zu werden».



«Zum ersten Mal in der Geschichte hat der Reiz erotischer Bilder denjenigen einer realen Frau verdrängt» - Naomi Wolf


«Traditionellere Kulturen behandeln Frauen vielleicht nicht nett - aber sie verstehen etwas von der Macht von Eros» - Naomi Wolf

30. Juni 2004


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