SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | Haus & Garten 3/2004

Wenn die Liebe in die Jahre kommt

Verliebt, verlobt, verheiratet - und dann nur noch Streit.
Der Alltag nagt mit den Jahren an jeder Beziehung. Doch es gibt Wege aus der Krise.

Fast jede zweite Ehe wird in der Schweiz geschieden, bei Konkubinatspaaren dürfte die Trennungsrate ähnlich hoch sein. Am meisten gefährdet sind Paare, die zwischen 7 und 15 Jahre zusammen sind. Sie, das belegt die Statistik, gehen am häufigsten auseinander.

«Das Zusammenleben ist ein schwieriger Seiltanz zwischen Arbeit, Stress, Zeitnot und Selbstverwirklichung», erklärt der Luzerner Paartherapeut Robert Wäschle die hohe Scheidungsrate. Beziehungen, ob zu zweit oder mit Kindern, seien nämlich alles andere als ein Ort beständigen Glücks, auch wenn Märchen, Kino und Werbung dieses Traumbild vermitteln.

Im richtigen Leben bedeute Partnerschaft eher, dass man sich ständig gegenseitig verletze, enttäusche und grollend unerfüllten Sehnsüchten nachhänge. «Darunter», so Wäschle, «leidet früher oder später jede Liebe.»

Das war früher nicht wesentlich besser. Aber in den letzten 30 Jahren sind neue Faktoren hinzugekommen, welche die klassische Zweierbeziehung zusätzlich belasten. Es ist die Forderung der Frauen nach beruflicher Eigenständigkeit, die, sobald Kinder da sind, meist an fehlenden Strukturen wie Tagesschulen, Teilzeitstellen und Kinderhorten scheitert - oder an Männern, die sich noch immer häufig und oft perfid gegen die berufliche Selbstverwirklichung ihrer Partnerinnen sträuben.

Mit andern Worten: Noch immer tobt in vielen Ehen der Geschlechterkampf, das zerstörerische Spiel um Macht und Unabhängigkeit. Doch auch Paare, die trotz Kindern einen Weg finden, sich beruflich zu verwirklichen, geraten sich mit der Zeit in die Haare. «Die komplizierte Organisation des Alltags, das ständige Hin und Her mit den Kindern, wer sie in die Krippe bringt, wer sie heute betreut und und und - all das», sagt Wäschle, «belastet eine Beziehung massiv.»

Das bestätigt auch der Psychologe Josef Lang. Im Sprechzimmer der Interkonfessionellen Eheberatungsstelle in Baden AG sitzen ihm oft Paare gegenüber, «die nur noch über ihre Alltagssorgen, aber nicht mehr miteinander sprechen». Entgegen der landläufigen Meinung werde die Verständigung zwischen den Partnern mit den Jahren in der Regel nämlich nicht besser, sondern immer schwieriger. «Alltagsärger und Alltagsfrust bringen viele Paare in einen ausweglos erscheinenden Teufelskreis von gegenseitigen Anschuldigungen und Beleidigungen», sagt Lang.


Das Sechs-Punkte-Programm zur lebenslangen Beziehung

Vor dieser Entwicklung ist kaum eine Beziehung gefeit. Praktisch alle geraten früher oder später in eine gewaltige Krise, bei der sich entscheidet, ob das Paar eine gemeinsame Zukunft hat. Den mehrere Jahre dauernden Weg dorthin hat die an der Zürcher Hochschule für soziale Arbeit tätige Wissenschaftlerin und Paartherapeutin Christiane Ryffel zusammen mit ihrer Kollegin Birgit Dechmann in sechs Abschnitte eingeteilt.
Die Phase der Verliebtheit: Die Welt ist rosarot, der Partner wird idealisiert, alles stimmt. Aber: Dieses Gefühl schwindet im Schnitt nach zwei Jahren.
Die Phase der Irritation: Ist die anfängliche Verliebtheit weg, wird der Partner anders wahrgenommen. Seine vorher noch als «süss» empfundenen Macken beginnen zu stören und man merkt, dass das Gegenüber einem vielleicht doch nicht ganz so ähnlich ist, wie es am Anfang schien.
Die Phase der ersten Krise: Es gelingt nicht mehr, den Anschein einer heilen Welt aufrechtzuerhalten, die Unterschiede zwischen den beiden Partnern treten offen zu Tage. Das verursacht Verunsicherung und Frust, der sich meist in Form von Streit ein Ventil sucht. An diesem Punkt angelangt, trennen sich die ersten Paare, andere versuchen, den Konflikt zu bewältigen, und nehmen die nächste Phase in Angriff.
Die Phase der Verletzlichkeit: Man versucht, die Krise zu verstehen und die Beziehung zu klären. Die Betroffenen beginnen, über sich und ihre Beziehung nachzudenken, lesen Bücher oder suchen das Gespräch mit Freunden. Gefühlsmässig möchte man den Zustand des Verliebtseins wiederherstellen - doch das geht nicht.
Die Phase der Leere: In der Beziehung läuft nun trotz aller Bemühungen scheinbar nichts mehr. Der Glaube an die Kraft der Liebe geht verloren und macht Depressionen Platz. An diesem Punkt angelangt, entscheiden sich viele für die Trennung. Äussere Bedingungen wie Kinder oder ein gemeinsames Geschäft können Paaren helfen, diese Phase zu überstehen.
Die Phase der neuen Konzepte: Wer bis hierher durchhält, wird in der Beziehung und persönlich einiges ändern müssen und auch wollen. Dazu gehört, gemeinsam die Art und Weise des Umganges miteinander, aber auch Nähe und Distanz sowie die Vorstellung von Liebe und Partnerschaft neu zu definieren.

Paare, die diesen letzten Schritt mit oder ohne therapeutische Hilfe machen, haben etwas Wichtiges gelernt: «Krisen kann man bewältigen», sagt Ryffel. «Der Weg dorthin ist hart, aber auch lohnend, sofern daraus der Anfang von etwas Neuem resultiert.»


Die Angst vor der professionellen Hilfe

Eines müsse man sich dabei aber immer vor Augen halten, sagt die Paartherapeutin: «Viele Probleme, die den Beziehungsalltag erschweren, lassen sich nie lösen.» Und noch viel wichtiger: «Grosse und kleine Stürme gehören in jede Beziehung.» Das heisst, Paare, die zusammenbleiben, werden «die letzten drei, vier Phasen immer wieder durchleben», meint Ryffel. «Sie lernen dabei auch, mit den wiederkehrenden Krisen zunehmend konstruktiver umzugehen.»

Meist sind es erstaunlich simple Rezepte, die helfen, Beziehungskrisen zu meistern. Aber, und darin sind sich alle Fachleute einig, gerade weil sie so einfach sind, ist es häufig schwer, sie auch in die Tat umzusetzen. Berühmtestes Beispiel dafür: «Man muss miteinander reden», bringt es der Berner Paartherapeut Klaus Heer auf den Punkt.

Doch wie soll man «miteinander reden», wenn man so zerstritten ist, dass einem jedes Wort des Partners in den falschen Hals gerät und nur noch die Fetzen fliegen? Den richtigen Zeitpunkt für die Bewältigung einer Krise zu erwischen, ist nicht einfach.

Heer rät deshalb, auch wenn es in solchen Krisenzeiten schwer fällt, zur Besonnenheit: «Nicht den Totalschaden ausrufen, bevor man sich gemeinsam professionelle Hilfe organisiert hat.» In anderen Lebenslagen klappt das schliesslich auch. Bei rechtlichen Fragen wendet man sich an einen Juristen, bei einem medizinischen Problem an einen Arzt - warum also nicht auch an einen Paartherapeuten, wenn der Haussegen schief hängt?

«Viele Leute wollen keine professionelle Hilfe annehmen - oder sie zögern zu lange», sagt Paarberater Josef Lang. Denn: Den Gang zum Therapeuten empfinden viele als beschämend, als offensichtliches Eingeständnis des eigenen Unvermögens, dem Ideal einer guten Partnerschaft zu genügen.

Für Lang sind das zwei Hauptgründe, warum die Scheidungsrate so hoch ist und sich viele Paare, die sich für eine Therapie entscheiden, letztlich doch trennen.

Das ist schade. Denn es ist genau das, was der Mensch eigentlich nicht will. Der Familienforscher Guy Bodenmann von der Universität Freiburg i. Ü. hat dazu von über 300 Studierenden eine eindeutige Antwort erhalten: 80 Prozent der von ihm befragten jungen Frauen und Männer stellen sich unter Ehe und Partnerschaft eine «lebenslange Beziehung» vor.

Unmöglich ist das nicht, schliesslich lässt sich nur die eine Hälfte der Paare scheiden. Die andere beschreitet mutig den Weg des ständigen Streitens und Versöhnens.



Die Kunst des Redens

Ärger, Misstrauen, Streit - fast alles beginnt mit einem falschen Wort, einer falschen Betonung im falschen Moment. Wo zwei Menschen zusammen leben, braucht es immer wieder klärende Gespräche über persönliche Wünsche und für die gegenseitige Anerkennung.

Das sind die zehn wichtigsten Regeln für gute Gespräche zu zweit:
1. Äussern Sie sich positiv über Ihren Partner/Ihre Partnerin. Ständiges Nörgeln («Du hast schon wieder...») ist Gift.
2. Nehmen Sie sich Zeit zum Zuhören. Fallen Sie Ihrem Partner nicht ständig ins Wort, lassen Sie ihn ausreden.
3. Machen Sie klare «Ich-Aussagen». Zum Beispiel: «Ich möchte, dass du...» oder «Ich fühle mich verletzt, wenn du...». Pauschale Aussagen wie «Du machst ständig...» zwingen das Gegenüber in eine Abwehrhaltung und der Streit beginnt.
4. Verstehen Sie «Ich-Aussagen» des andern nicht als Kritik an Ihrer Person, sondern als dessen Sichtweise. So kommt ein konstruktives Gespräch in Gang.
5. Loben Sie Ihren Partner für Sachen, die er gemacht hat - und suchen Sie nicht ständig das Haar in der Suppe.
6. Sagen Sie Ihrem Partner, wo Sie übereinstimmen. Vermeiden Sie es, vorhandene Unterschiede zu vergrössern, indem Sie möglichst viele derartige Beispiele aufzählen.
7. Bringen Sie Ihre Anliegen kurz und bündig auf den Punkt. Weit ausholen und dramatisieren trägt nichts zur Verständlichkeit bei.
8. Bleiben Sie beim angefangenen Thema. Unterlassen Sie es, bei jeder Gelegenheit alte Geschichten aufzutischen.
9. Zeigen Sie im Alltag Ihre Zuneigung. Das kann mit einem Lob oder einer zärtlichen Berührung geschehen. Machen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin nicht ständig mit sarkastischen Bemerkungen fertig, schon gar nicht vor anderen Leuten.
10.Gewöhnen Sie sich eine massvolle Ehrlichkeit an. Dem Gegenüber immer brutal alles ins Gesicht zu sagen, schafft keinen Frieden.



Literatur über Liebe, Beziehungen und Krise

Jedes Paar kommt irgendwann - und häufig immer wieder - in die Krise. Gute Bücher zum Thema helfen, sich über die eigene Beziehung Gedanken zu machen, und bieten auch gute Ratschläge für die Bewältigung des Alltags. Eine Auswahl.

- Birgit Dechmann und Christiane Ryffel: «Vom Ende zum Anfang der Liebe», Beltz Taschenbuch.
Die beiden Autorinnen schreiben, wie die Liebe zwischen Menschen entsteht, wie sie aufhört zu sein, was sie am Anfang war - und wie sie wieder mit neuem Leben erfüllt werden kann.
- Erich Fromm: «Die Kunst des Liebens», Verlag Heyne.
Ein Klassiker unter den Beziehungsbüchern. Der Psychologe Erich Fromm geht davon aus, dass es genauso viel Arbeit und Mühe macht, die Kunst des Liebens zu beherrschen, wie das Erlernen irgendeiner andern Kunst.
- Klaus Heer: «Ehe, Sex und Liebesmüh», Verlag Steidl.
Das Buch bricht mit dem Tabu des Schweigens. Aufklärend, aber auch unterhaltsam erzählt es, wie es «die andern» im Bett treiben, was sie dabei fühlen und was sich hinter den verschiedenen Ehefassaden abspielt.
- Eva Jaeggi und Walter Hollstein: «Wenn Ehen älter werden», Verlag Piper.
Wohin verschwindet das Ungewöhnliche der Liebe mit den Jahren? Das Buch lässt zwölf Paare über den Wandel ihrer Beziehungen erzählen, und zeigt, welche Veränderungen das Zusammensein wieder beleben können.
- Josef Lang: «Wertschätzen und Abwerten - Vitamin und Virus einer Paarbeziehung», Verlag uni-edition.
Das Buch bietet eine spannende Analyse von Paargesprächen. Ein wissenschaftlich fundierter Selbsttest und praktische Übungen helfen Paaren, die sich um ihre Beziehung bemühen, neue Wege zu suchen und zu entwickeln.
- Lukas Moeller: «Die Wahrheit beginnt zu zweit - Das Paar im Gespräch», Verlag rororo.
Für den Autor ist das Gespräch das Entscheidende für eine bessere Beziehung. Auf leicht verständliche Weise erklärt er das Prinzip des Zwiegesprächs, bei dem es keinen Streit, sondern eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber gibt.
- Peter Schellenbaum: «Das Nein in der Liebe - Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung», Verlag Pfeiffer.
Abgrenzung ist für den Psychotherapeuten Peter Schellenbaum die wichtigste Voraussetzung für eine erfüllte Partnerschaft - denn nur wer seinem Partner Nein sagen respektive etwas verwehren kann, ist auch fähig, zum Partner Ja zu sagen. Für Schellenbaum ist das die Voraussetzung für die Konfliktlösung.
- Jürg Willi: «Was hält Paare zusammen?», Verlag Rowohlt.
Gibt es einen verborgenen Bauplan für das ewige Glück? Jürg Willi zeigt in seinem Buch, wie komplex und geheimnisvoll das ist, was wir Liebe nennen - und warum es einige schaffen, sie ein Leben lang zu bewahren.

30. Juni 2004 | Markus Kellenberger


Beitrag als PDF
Wenn die Liebe in die Jahre kommt
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Kostenlos und kompatibel Werbekino auf Kosten von Babys Pascal Russo, 35: Leben mit Lese- und Schreibschwäche - "Mit Buchstaben konnte ich nichts anfangen"
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten