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Viele Konsumentinnen und Konsumenten ärgern sich über saure Schweizer Zwetschgen. Eine neue Qualitätskontrolle soll Abhilfe schaffen.
Erntetag in der Zwetschgenplantage: Seit Stunden arbeitet Bauernfamilie Lüthi in Ramlinsburg BL mit Verwandten und Bekannten auf Hochtouren. Die Sorte, die hier geerntet wird, heisst Cakcac, und sie hat eine bestimmte Eigenschaft: Sie ist nur während einer ganz kurzen Zeit optimal. Wird sie zu früh geerntet, ist sie sauer. Wird sie zu spät geerntet, baut sie ab.
Das weiss Bauer Ernst Lüthi genau: «Wir sind seit zehn Tagen täglich in der Anlage und messen den Zuckergehalt. Heute haben wir festgestellt, dass die Früchte im oberen und äusseren Bereich der Bäume, wo die Belichtung gut ist, genau die 14 Brix haben, die wir brauchen; deshalb beginnen wir heute mit der Ernte.» Brix ist die Einheit für den Zuckergehalt, den die Bauern mit einem Refraktometer messen, dem gleichen Gerät, das auch die Weinbauern verwenden. Bei den Zwetschgen gilt ein Brix-Wert zwischen 14 und 18 als ideal.
Die Zwetschgen im Handel waren oft säuerlich und hart
Um die Qualität der Zwetschgen ist eine heisse Diskussion entbrannt. Auslöser war eine Pressemitteilung der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil. Agroscope hat 160 Konsumentinnen und Konsumenten Zwetschgen degustieren lassen und kam zum Schluss: Vor allem essreife, weiche Früchte sind gefragt. Zu kaufen gibt es jedoch oft harte, säuerliche Zwetschgen. Ernst Höhn, Lebensmittelingenieur bei Agroscope, glaubt, dass bisher vorwiegend Handels- und Produzentenorganisationen die Zwetschgenqualität definiert haben: «Was aus Sicht der Konsumenten eine gute Zwetschge ausmacht, hat man zu wenig beachtet.»
Wie gut sind denn die Zwetschgen, die zurzeit angeboten werden? Kassensturz ging auf Einkaufstour. Proben aus Bern, Ittigen BE und Wettingen AG landeten bei der Firma Qualiservice in Bern, welche die Qualität von Früchten und Gemüse beurteilt. Petra Sieghart, Geschäftsführerin von Qualiservice, testete mehrere Zwetschgenproben auf ihren Brix-Gehalt. Gemäss der Forschungsanstalt Agroscope muss eine Zwetschge 13,8 Prozent Brix haben, damit sie schmeckt.
Nur die Hälfte aller Früchte enthielt genug Zucker
Diesen Wert erreichten nur drei von sechs Proben: Die Zwetschgen aus der Raststätte Grauholz in Ittigen, von Coop in Wettingen und von Loeb in Bern. Unter den Empfehlungen lagen die Früchte vom Umut Market in Wettingen, von einem Marktstand in Bern und von der Migros in Wettingen (siehe Grafik). Die Migros schreibt in einer Stellungnahme zu diesem Test: «Es kann immer wieder vorkommen, dass bei einigen Zwetschgen der Brix-Wert tiefer liegen kann. Aber je nach Sorte sind auch solche Zwetschgen durchaus gut und geniessbar.»
Künftig gilt beim Obstbauer: Qualität vor Quantität
Das Problem mit den sauren Zwetschgen ist bekannt. Hansruedi Wirz, Präsident des Früchtezentrums Basel, einer Sektion des Schweizerischen Obstverbands, gibt zu: «Ich möchte nicht abstreiten, dass es letztes Jahr ein paar Posten gab, die nicht den idealen Erntezeitpunkt hatten. Und das wird auch in diesem Jahr nicht zu vermeiden sein.» Wirz verweist auf ein neues Qualitätskontrollsystem mit dem Namen Q 33, nach dem die Nordwestschweizer Obstbauern neuerdings arbeiten. Q 33 enthält Kriterien wie Schnitt, Pflanzenschutz, Düngung und ständige Kontrollen. Wichtig ist vor allem das Ausdünnen: Der Bauer lässt nur eine bestimmte Anzahl Zwetschgen am Baum, weil die Früchte so grösser und süsser werden. Qualität vor Quantität, heisst die Direktive.
Bei Lüthis in Ramlinsburg, die bereits nach den Q-33-Kriterien produzieren, hat es geklappt. Die Zwetschgen, die sie heute geerntet haben, sind gross und haben den erforderlichen Brix-Wert. Wenn dereinst alle Bauern so anbauen, ist die Saure-Zwetschgen-Zeit vorbei.
01. September 2004 | Daniel Meier
