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Artikel | saldo 13/2004

Bedrohte Fischarten: Die Industrie fischt munter weiter

75 Prozent aller Fischbestände sind bedroht. WWF und saldo sagen, welche Fische man noch guten Gewissens geniessen kann und auf welche man besser verzichtet.

Fisch aus Zucht oder Wildfang? Aus Bio-Produktion oder MSC, dem Label für schonende Meeresfischerei? Der Fisch-Einkaufsführer des WWF gibt Antwort auf diese Fragen und erleichtert es Konsumentinnen und Konsumenten, beim Fischeinkauf ein nachhaltig produziertes Produkt auszuwählen. Der handliche Flyer lässt sich im Portemonnaie verstauen und ist eine wichtige Entscheidungshilfe vor dem Verkaufsregal.

Der Konsum von Fischen und Meeresfrüchten hat weltweit derart zugenommen, dass heute drei Viertel aller Bestände überfischt sind. In den letzten 50 Jahren hat sich die
jährlich gefangene Fischmenge von 20 auf 92 Millionen Tonnen vergrössert. Durch die intensive Fischerei ist die Artenvielfalt in den Meeren bedroht.


Kabeljau/Dorsch und Plattfische extrem bedroht

So geht es beispielsweise dem Kabeljau in der Nordsee (in der Ostsee wird der gleiche Fisch Dorsch genannt) gar nicht gut. Laut Marine-Wissenschaftern muss der Bestand an Kabeljau rund 150 000 Tonnen umfassen, damit er als gesund gilt und befischt werden kann. Die neusten Zahlen sind alarmierend: Im Nordostatlantik gibt es nur noch rund 70 000 Tonnen Kabeljau/Dorsch. Damit sich der Fischbestand erholen kann, müsste ein generelles Fangverbot verhängt werden. Zwar hat die Europäische Union ein sogenanntes Wiederauffüllungsprogramm zur Rettung des Kabeljaus gestartet, die bedrohte Fischart darf aber weiterhin gefangen werden. Neben dem Kabeljau/ Dorsch sind auch die Plattfische wie Scholle, Seezunge und Butt sehr bedroht.


Ein Drittel des Fanges wird wieder ins Meer geworfen

Die Fischereiindustrie verwendet moderne Hilfsmittel wie Satelliten und Helikopter, um die Fischschwärme zu orten und gezielt zu fangen. Trotzdem bleiben auch andere Meerestiere, darunter Wale, Haie, Seesterne und Krabben, im Netz hängen. Dieser sogenannte Beifang macht rund einen Drittel des Fanges aus und landet meist tot oder verletzt wieder im Meer.

Fisch aus konventionellen Zuchtfarmen ist keine Alternative zum Wildfang. Denn Zuchtfische werden in der Regel mit Fischmehl und Fischöl gefüttert, was wiederum zum Leerfischen der Meere beiträgt. Auch werden oft zu viele Fische auf zu engem Raum gehalten. Damit sich keine Krankheiten verbreiten, werden Antibiotika und andere Medikamente in grossen Mengen verwendet. Zudem bedrohen die Zuchtfarmen wertvolle Ökosysteme wie Mangrovenwälder.

«Fische und Meeresfrüchte aus Zuchten sind nur eine Alternative zum Leerfischen der Meere, wenn sie den strengen Anforderungen der Bio-Labels genügen», sagt Jennifer Zimmermann, Fachfrau für Ernährung und LebensmittelLabels beim WWF. Bio-Zuchten verfüttern nur Fischabfälle aus der Speisefischindustrie und pflanzliches Futter. Zudem wird darauf geachtet, dass die Umwelt möglichst wenig belastet wird, beispielsweise indem Mangrovenwälder wieder aufgeforstet werden. Die Fische werden möglichst artgerecht gehalten und Medikamente nur zurückhaltend eingesetzt. Folgende Fische und Meeresfrüchte aus Bio-Zuchten sind im Handel: Crevetten aus Vietnam und Ecuador, atlantischer Lachs aus Schottland und Irland sowie Schweizer Forellen.


Ziel des MSC-Labels: Fischbestände langfristig sichern

Die unabhängige Organisation MSC (Marine Stewardship Council) hat sich zum Ziel gesetzt, die Fischbestände langfristig zu sichern. Es darf nicht mehr gefischt werden, als wieder nachwächst, und die Fischerei darf das jeweilige Ökosystem nicht beeinträchtigen. Neben den ökologischen Anforderungen müssen die beteiligten Fischereien auch sozialpolitische Bedingungen erfüllen. Mit dem MSC-Label ausgezeichnet sind unter anderem: pazifischer Lachs aus dem Nordostpazifik, Makrelen aus Cornwall (GB) und Seehecht aus dem Südostatlantik.

Für den Einkaufsführer hat der WWF die Fische in drei Kategorien eingeteilt: Nur Fischbestände, die nicht überfischt sind, erhielten die Bewertung «empfehlenswert». Bestände, die von Überfischung bedroht sind, wurden als «wenig empfehlenswert» eingestuft und überfischte Bestände als «nicht empfehlenswert» taxiert. Ebenfalls massgebend für das Urteil waren die Fangmethode, die Auswirkungen auf den Meeresboden haben kann, sowie der Beifang. Bei den Zuchtfischen wurden die Futtermittel, die Beeinträchtigung des Ökosystems sowie Tierhaltung und Medikamenteneinsatz bewertet.


Datenauswertung aus rund 130 Fischbeständen

Grundlage für die Beurteilung waren Angaben des International Council for the Exploration of the Sea (ICES). Dessen Marine-Wissenschafter haben Daten aus 19 Ländern und über 130 Fischbeständen ausgewertet und konnten beispielsweise aufzeigen, dass die Bestände des Alaska-Seelachses im Nordwestpazifik überfischt sind, im Nordostpazifik dank gutem Management hingegen nicht.

Jennifer Zimmermann vom WWF hofft nun, dass möglichst viele Konsumentinnen und Konsumenten vom Einkaufsführer Gebrauch machen und nur noch nachhaltig produzierten Fisch einkaufen. Doch damit sei es nicht getan, so Zimmermann: «Diese Broschüre ist auch eine Aufforderung an den Handel, Fische aus überfischten Beständen durch bessere zu ersetzen.»



Fischkauf

Der WWF empfiehlt:
- Fisch als nicht alltägliche Delikatesse geniessen
- einheimische Seefische bevorzugen
- Fisch und Meeresfrüchte mit MSC- oder Bio-Label kaufen

01. September 2004 | Jeannette Büchel


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