SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 14/2004

Panikmache mit Legionellen

In der Dusche lauert der Tod - so der Vertreiber eines Produkts gegen Legionellen. Mit dieser Warnung kurbelt er das Geschäft an.

Tödliches Risiko beim Duschen»: In grossen Lettern warnt ein Inserat in der Kundenzeitschrift der Krankenkasse Swica vor Legionellen. Der Duschschlauch sei eine Brutstätte für diese heimtückischen Bakterien - und eingeatmet über den Wassernebel könnten die Folgen für den Menschen gravierend sein: Infektionen im Bereich von Hals, Nasen und Ohren oder sogar schwere Lungenentzündungen mit Todesfolge.


Teure Silberspirale soll den Keimen den Garaus machen

Es ist grobes Geschütz, das die Firma Rohrbach Umwelttechnologie in Riehen BS auffährt. Kein Wunder, das Unternehmen will im Kampf gegen die Keime Geld verdienen: Eine im Duschschlauch montierte «Antilegionell-Funktionsspirale» soll den gefürchteten Erregern den Garaus machen. Der Kostenpunkt: 266 Franken.

Blickt, wer morgens duscht, tatsächlich dem Tod ins Auge? Die Legionellenerkrankungen sind in der Schweiz seit 1988 meldepflichtig - betroffen sind meist Nutzer von Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen, Hotels oder Spitälern. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) registrierte in den letzten Jahren je knapp 200 Fälle. In diesem Jahr waren es bis Ende August 81 Fälle.


Symptome klingen meist nach kurzer Zeit von selbst ab

«Besonders bei älteren Personen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann eine Infektion einen schweren Verlauf nehmen», sagt Jean-Louis Zurcher, BAG-Pressesprecher. Etwa 10 bis 15 Todesfälle seien jedes Jahr auf Legionellen-infektionen zurückzuführen. Zum Vergleich: Die Zahl der jährlichen Grippe-Todesfälle kann die Zahl 1000 übersteigen.

Für Werner Rohrbach, den Schweizer Importeur der Spirale, sind diese BAG-Zahlen zu Legionellen lediglich die Spitze des Eisbergs: «Tausende Fälle von Lungenentzündung oder Sommergrippe werden gar nicht als Legionellenerkrankungen erkannt.» Tatsächlich ist eine lückenlose Erfassung vor allem der leichten Fälle nicht möglich, bestätigt das BAG. Die erkältungsähnlichen Symptome - Husten, Angeschlagenheit oder Halsweh - sind unspezifisch und klingen meist nach wenigen Tagen von selbst ab.

Die Zahlen, die Werner Rohrbach auf seiner Homepage präsentiert, bestreiten die Gesundheitsfachleute aber vehement. Er spricht von jährlich 2500 bis 5000 Todesfällen in Deutschland, auf Schweizer Verhältnisse umgerechnet also etwa 250 bis 500. Das Robert-Koch-Institut in Berlin, das Rohrbach als Quelle nennt, weist diese Angaben ebenfalls zurück: «Die Zahlen entbehren jeder Grundlage.»

Für Privathaushalte sind Legionellen in der Regel keine Gefahr, stellen sowohl Experten vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfachs (SVGW) wie Vertreter des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) klar. Legionellen vermehren sich in stehendem, warmem Wasser. Der SVGW empfiehlt deshalb, für eine gute Durchspülung der Leitungen zu sorgen und das Warmwasser periodisch auf 60 Grad zu erhitzen.


In Deutschland ist das «Besilbern» von Wasser verboten

Die Vertreiber der Antilegionell-Spirale, die ihr Produkt als Weltneuheit rühmen, bekämpfen die Keime durch Silberionen, die gleichmässig abgegeben werden sollen. «Silber reduziert die Keimbildung», bestätigt Alfred Besel vom Zürcher Kantonslabor. «Das wussten schon die alten Römer, sie bewahrten Trinkwasser in silbernen Gefässen auf.»

Während das «Besilbern» von Trinkwasser in Deutschland wegen möglicher Krankheitsfolgen verboten ist, ist es in der Schweiz noch erlaubt. Der Toleranzwert liegt bei 0,1 Milligramm Silber pro Liter. Laut Werner Rohrbach hält die Spirale diesen Wert ein, gibt aber gleichzeitig genügend Silberionen ab, um Legionellen abzutöten.

UBA-Vertreter Benedikt Schäfer äussert sich deutlich: «Ich halte nichts von einer solchen Spirale.» Alfred Besel kritisiert, dass das Inserat bewusst «Ängste schürt». Ihn befremdet, dass die Werbung in einem Krankenkassenmagazin erscheint. «Damit erhält das Produkt einen fast offiziellen Status und hohe Glaubwürdigkeit. Das ist problematisch.»

Auch bei Swica hat das Inserat Wellen geworfen. Man werde das Ganze mit der für das Inseratemarketing zuständigen Firma prüfen, so die Pressestelle. «Das Inserat ist nicht sehr passend.»


Weitere Informationen:
www.bag.admin.ch/infekt/krank/
legio/d/ und www.svgw.ch/deutsch/
filesPR/v700.pdf

15. September 2004 | Sigrid Cariola


Beitrag als PDF
Panikmache mit Legionellen
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Der Zinssatz macht es aus Bank Coop: Fair nur im Kleingedruckten Aktiv Kasse machen
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten