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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2004

«Es war der schlimmste Moment meines Lebens»

Rund jede dritte Schwangerschaft endet mit dem Tod des Ungeborenen.
Für die betroffenen Frauen und ihre Partner hat dies oft schwere seelische Krisen zur Folge.

Katharina Favero aus Weisslingen ZH war in der 21. Schwangerschaftswoche. Sie erwartete ihr zweites Kind. Doch plötzlich spürte sie keine Kindsbewegungen mehr. Der Untersuch beim Arzt brachte schliesslich die traurige Gewissheit: Das Ungeborene lebte nicht mehr. Die Hebamme schlug vor, die Geburt des toten Kindes einzuleiten. «Das war der schlimmste Moment meines Lebens», sagt die 34-Jährige. «Ich dachte, ich hätte unmöglich die Kraft, ein totes Kind zu gebären.»

Von der Geburt bekam Katharina Favero nicht viel mit, denn sie bekam starke Schmerzmittel. «Das Kind kam gleich nach der Geburt weg», sagt sie. Man habe ihr mitgeteilt, dass sich das Baby mit der Nabelschnur stranguliert habe. Von einer Beerdigung hatte ihr die Hebamme bereits vor der Geburt abgeraten.

«Drei Tage nach der Geburt hatte ich dann aber das starke Bedürfnis nach einem Abschiedsritual», erzählt die junge Frau. Doch das Spital teilte ihr mit, dass es für eine Beerdigung leider zu spät sei. Der Fötus sei bereits «entsorgt». Erst zwei Jahre später getraute sie sich nachzufragen, was mit Entsorgen gemeint sei. Da erfuhr sie, dass ihr Totgeborenes kremiert und in ein anonymes Gemeinschaftsgrab gebracht worden war.

Katharina Favero verliess schliesslich das Spital ohne Informationen und ohne weitere Betreuung. Das bewog sie, die Internetseite www. engelskinder.ch zu gründen. Sie bietet Betroffenen ein Forum. Favero: «Das ist mein Weg, mit dem Verlust meines Kindes zu leben.»

Den Berner Gynäkologen Alois Deplazes erstaunt es nicht, wie es Katharina Favero ergangen ist: «Totgeburten sind ein grosses Tabu.» Frauen würden vielfach nicht darüber reden, und auch Fachleute seien mit der Situation oft überfordert. «Die Erwartung, einem gesunden Kind auf die Welt zu helfen, ist enorm. Ein totes Kind werten deshalb viele Ärzte als ein persönliches Versagen.» Ärzte und Bekannte würden aus Hilflosigkeit oft auf vermeintlich tröstliche Floskeln wie: «Sie sind ja noch jung, Sie können noch viele Kinder haben», zurückgreifen. Doch Deplazes sagt: «Diese Aussagen verletzen, weil sie die Trauer missachten.» Sein Rat: «Ehrlich sein und lieber sagen, dass man auch keinen Trost kennt.» Vor allem Frauen, die in einer frühen Phase der Schwangerschaft eine Fehlgeburt haben, bekommen wenig Hilfe. Meist redet man gar nicht erst von einem richtigen Kind. Doch Deplazes sagt: «Jede Frau muss wissen, dass ihre Trauer berechtigt ist.»


Für betroffene Eltern tut sich ein Abgrund auf

Der Gynäkologe hat deshalb am Aufbau der Fachstelle für Fehlgeburt und perinatalen Kindstod mitgearbeitet. Diese vermittelt Fachleute wie Ärzte, Hebammen, Psychologen, Seelsorger, Pfarrer und Bestattungsinstitute. Sie begleiten und beraten Eltern, die ihre Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt verlieren.

Eine der Fachpersonen ist die Hebamme Franziska Maurer. Sie hat schon viele Elternpaare in diesen schwierigen Situationen begleitet: «Stirbt ein Kind im Mutterleib, tut sich für betroffene Eltern ein Abgrund auf», sagt sie. Die Aufgabe der Fachpersonen sei es, den Kontakt zum toten Kind zu fördern, damit Eltern später Erinnerungen hätten. «Es ist wichtig, dass Eltern die Zeit, die ihnen mit dem Kind noch bleibt, nutzen. Das wird ihnen helfen, die Trauer zu durchleben.»


Auch die Schwester sagte dem toten Brüderchen Adieu

Anita und Ramon Berchtold-Sonderegger aus Zürich haben diese Erfahrung ebenfalls machen müssen. Ihr Sohn Selim starb plötzlich in der 35. Schwangerschaftswoche. «Die Hebamme überzeugte mich davon, wie wichtig die Geburt ist», erinnert sich die 37-jährige Mutter. Sie brachte ihren toten Sohn in der Paracelsus-Klinik zur Welt. «Wir hatten eine Hebamme an unserer Seite, die sogar mit uns weinte», sagt sie. Im Geburtszimmer brannte eine Kerze. Blumen waren auch da. «Als Selim zur Welt kam, verspürte ich für den Bruchteil einer Sekunde sogar ein Glücksgefühl», sagt die Mutter. «Doch dann nahm ich die Stille und die Trauer wahr, die im Zimmer herrschten.»

Das Personal in der Klinik empfand sie als hilfreich. «Wir standen völlig unter Schock. Für uns war es enorm wichtig, dass jemand da war», sagt Anita Berchtold. Die Eheleute wollten noch so viel wie möglich für ihren Sohn tun. Sie massierten ihn, kleideten ihn ein, machten Fotos von ihm. Auch das zweijährige Schwesterchen durfte sich vom Bruder verabschieden. Das Mädchen, so berichtet die Mutter, habe ihn angeschaut, ihn gestreichelt und ihm Blumen ins Bettchen gelegt: «Unsere Tochter nahm hin, was geschehen war. Sie hatte einen Bruder bekommen, und der war gestorben.» Über das Abschiednehmen ist die Mutter heute noch froh. «Ich musste unser Kind zuerst in Empfang nehmen, damit ich es verabschieden konnte», sagt sie.


Anita Berchtold: «Ganz weg geht der Schmerz nie mehr»

Männer erleben den Verlust oft anders als die Frauen, so auch Ehemann Ramon Berchtold: «Ich hatte in erster Linie Angst, dass meine Frau an diesem Schicksalsschlag zerbricht und meine Familie daran zugrunde geht. Der allerschlimmste Moment war, als das Kind vor mir lag. Erst da wurde es real für mich.» Die Monate nach Selims Tod waren für beide Eheleute hart. Es sei ihm aber etwas schneller wieder gelungen, ins Leben zurückzufinden. Ein Baby zu verlieren, hinterlässt Narben. Oft für das ganze Leben: «Ich lernte irgendwann, mit dem Verlust zu leben», so Anita Berchtold. «Aber ganz weg geht der Schmerz nie mehr.»



Hier finden betroffene Eltern Hilfe:

Infos
- Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod, Postfach 480, 3000 Bern
- Info-Telefon: 031 333 33 60, fachstellefpk@bluewin.ch.
- Internet: www.forum-geburt.ch, www.swissmom.ch, www.engels kinder.ch
Buchtipps
- Jorgos Canacakis: «Ich begleite Dich durch Deine Trauer», Kreuz Verlag, 1990, Fr. 18.50
- Fritz Helmut: «In den Tod geboren», Hygias Verlag, 2000, Fr. 34.30
- Hanna Lothrop: «Gute Hoffnung, jähes Ende», Kösel Verlag 1995, Fr. 36.10

10. November 2004 | Regula Schneider - redaktion@pulstipp.ch


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