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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2004

"Ich schämte mich, wenn ich Vater aus der Kneipe holte" - Alma Schärer, 62: Leben mit einem alkoholkranken Vater

An Weihnachten hatte Vater immer einen Wutausbruch. Wenn er betrunken von der Kneipe heimkam, schmiss er als Erstes den geschmückten Christbaum ins Ofenfeuer. Dann schickte er uns ins Bett. Später durften wir wieder aufstehen und es gab gestrickte Socken. Das Geld für andere Geschenke hatte mein Vater wohl versoffen. - Weihnachten ist für mich noch heute kein Fest. Es ist ein schwieriger Anlass.

Mein Vater war ein Trinker. Ich habe ihn nie anders gekannt. Wenn er zu Hause war, mussten wir Kinder immer still sein. Vater schläft, sagte die Mutter jeweils. Eines Tages sagte ich zu ihr: Vater schläft nicht, er hat einen «Aff». Worauf sie mich ohrfeigte - das einzige Mal. Aber ich wusste, dass ich Recht hatte. Man sprach ja in der ganzen Stadt darüber. Nur nicht bei uns zu Hause.

Die Stimmung zu Hause war immer angespannt. «Wie kommt er wohl heim?», lautete die unausgesprochene Frage. Manchmal haben sie Vater auch gebracht. Bekannte oder die Polizei. Am Sonntag musste ich ihn jeweils heimholen. Meine Mutter sagte: «Auf dich hört er am meisten.» Ich bin das jüngste von fünf Kindern. Wenn ich dann in seine Stammkneipe trat, schämte ich mich sehr. Einmal wollte Vater unbedingt, dass ich hinten auf seinen Töff sitze. Ich hatte Angst, aber ich stieg auf, weil ich dachte, er komme sonst nie heim. Wir fuhren direkt in einen Graben und stürzten. Ich hatte eine Wunde am Bein - und er schlief einfach ein.
In der Schule hänselten mich die anderen Kinder und machten sich über meinen Vater lustig. Ich wollte das nicht. Lieber sollten sie wegen mir lachen. Deshalb machte ich immer Witze. Manchmal schlug ich auch mit der Faust zu. Ich wollte stark sein, denn ich fühlte mich minderwertig. Ich bot allen meine Hilfe an. Das ist mir bis heute geblieben.

Vater sagte ab und zu, er würde lieber im Ausland arbeiten, aber wegen der Familie sei das nicht möglich. Vielleicht trinkt er deshalb so viel, dachte ich dann. Wir sind schuld. Meine Geschwister und ich sind alle früh von zu Hause ausgezogen. Drei haben danach den Kontakt zu Vater vollständig abgebrochen. Ich konnte das nicht.

Später hatte ich zwei längere Beziehungen mit Männern, die ebenfalls Alkoholiker waren. Ich dachte lange, dass ich ihnen aus der Sucht helfen könne. Ich selber kann gut mit Alkohol umgehen. Zum Essen trinke ich gern ab und zu ein Glas, aber immer mit Mass. Mit Männern habe ich heute übrigens abgeschlossen.

Trotz allem hatte ich meinen Vater gern. Er war ein schöner, grosser Mann. Nüchtern war er gerecht und gradlinig. Manchmal wünschte ich mir aber, dass er mit seinem Töff in den Tod rast. Schlimm waren seine Lügen und leeren Versprechungen. Er wollte aufhören mit dem Trinken und versprach es oft. Ich fühlte mich betrogen, denn bei uns Kindern duldete er keine Lügen.

Mit 62 ertränkte sich mein Vater. Noch heute versuche ich, ihn und auch mein Leben zu verstehen. Was mir dabei hilft, sind die regelmässigen Treffen in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern.



Wo Kinder von Alkoholikern Hilfe bekommen

In der Schweiz gibt es mindestens 300 000 alkoholabhängige Menschen. Von der Sucht mitbetroffen sind ihre Angehörigen - darunter rund 100000 Kinder.

Kleinere Kinder können das Alkoholproblem zwar noch nicht erkennen, spüren und leiden jedoch unter den Spannungen in der Familie. Ältere Kinder fühlen sich oft allein und hilflos, denn die Sucht wird in der Familie totgeschwiegen. Oft müssen Kinder auch zu viel Verantwortung in der Familie übernehmen - werden die «Eltern ihrer Eltern». Die Folgen sind häufig Verhaltensstörungen, Schulprobleme, Essstörungen und Depressionen. Jedes dritte Kind von alkoholkranken Eltern hat später selber Probleme mit Alkohol oder Drogen.

Informationen: Die kostenlose Broschüre «Kinder aus alkoholbelasteten Familien» mit Tipps und Adressen kann man bestellen bei der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und Drogenprobleme SFA-ISPA, Postfach 870, 1001 Lausanne, Tel. 021 321 29 35, oder herunterladen unter www. sfa-ispa.ch.

Kontakte:
- Kantonale und regionale Alkoholberatungsstellen
- Kostenlose Telefonberatung für Kinder und Jugendliche: Telefon 147
- Internetberatung für Kinder und Jugendliche: www.kopfhoch.ch

08. Dezember 2004 | Aufgezeichnet: Evi Biedermann


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