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Fressattacken, Verletzungen, Totschlag: Auf ihren nächtlichen Ausflügen richten Schlafwandler immer wieder Schaden an. Jedes zehnte Kind und einer von hundert Erwachsenen geistern im Schlaf umher.
Die Nächte des 22-jährigen Studenten P.A. sind meist ziemlich aufregend. Kurz nachdem er in den Tiefschlaf verfällt, richtet er sich jeweils unvermittelt im Bett auf und beginnt wild zu gestikulieren. Er ist dann ganz aufgeregt. Oft steht er mit offenen Augen und starrem Blick auf - und marschiert los. Und dann wirds gefährlich. P.A. berichtet: «Ich habe mir schon oft das Schienbein am Bettrahmen gestossen. Und einmal habe ich mir den Fuss verstaucht, als ich vom Pult heruntergesprungen bin.» Der nächtliche Spuk dauert ein paar Sekunden bis mehrere Minuten. Am nächsten Morgen weiss P.A. nichts mehr. Oft zeugen aber blaue Flecken von den nächtlichen Geschehnissen.
P.A. ist Schlafwandler. Wenn er anderen Leuten seine Erlebnisse schildert, ist das zwar für diese unterhaltend. Er selber findet es weniger lustig. Nicht nur wegen der Verletzungen. «Ich bin auch den ganzen Tag müde und weniger leistungsfähig, weil ich nachts diese Phasen habe.» Doch Medikamente will er nicht schlucken. Er beugt lieber vor: «Ich achte darauf, dass ich mich vor dem Schlafengehen entspanne.»
Auch der 37-jährige Philipp Thomi fühlte sich eine Zeitlang morgens oft so, «als ob ich die ganze Nacht durchgearbeitet hätte». Regelmässig lief er im Schlaf durch die Wohnung, ziellos, bis ihn seine Frau wieder zurück ins Bett führte. Einmal fand sie ihn im Bad an den Spiegelschrank gelehnt, wo er weiterschlief. Ging sie nicht ganz behutsam vor, konnte er auch heftig reagieren und sich einschliessen.
In der Pubertät hört das Schlafwandeln bei vielen auf
Mit ihren Erfahrungen sind Philipp Thomi und P.A. nicht allein: Einer von hundert Erwachsenen bleibt nachts nicht ruhig im Bett liegen. Bei Kindern ist Schlafwandeln sogar noch viel häufiger. «Jedes zehnte Kind geht ab und zu im Tiefschlaf durch die Wohnung», sagt Claudio Bassetti, Leiter der Neurologischen Poliklinik am Zürcher Unispital. Meistens höre das Schlafwandeln in der Pubertät von selbst wieder auf.
Die eine Hirnregion schläft, die andere bewegt den Körper
Schlafwandeln kann auch harmlos sein: Manche Betroffene richten sich nur kurz im Bett auf, schauen verwirrt um sich oder nesteln an der Bettdecke. Dann legen sie sich wieder hin. Schlafwandler sprechen manchmal und beantworten Fragen. Meistens ist die Aussprache aber schlecht und der Inhalt wirr.
Gefährlicher wird es, wenn sie aufstehen, das Zimmer oder sogar das Haus verlassen. Sie können stolpern, stürzen und sich zum Teil schwer verletzen. Es kommt auch vor, dass Schlafwandler an ungewöhnlichen Orten urinieren. Bassetti: «Die sprichwörtliche "schlafwandlerische Sicherheit" gibt es nicht.»
Etwa jeden fünften bis zehnten Schlafwandler packt während der nächtlichen Ausflüge die Fresslust: Sie essen den Kühlschrank leer und wissen am nächsten Tag nichts mehr davon. Im Extremfall werden Schlafwandler sogar zu Mördern: In Kanada brachte kürzlich ein Mann im Schlaf seine Schwiegermutter um. In den USA erstach ein 42-jähriger Familienvater beim Schlafwandeln seine Ehefrau.
Beginnt das Schlafwandeln im Erwachsenenalter, sollte man einen Arzt aufsuchen. Denn epileptische Anfälle und gewisse Verhaltensstörungen können ähnlich aussehen wie Schlafwandeln. In schweren Fällen behandeln Ärzte Betroffene mit Medikamenten gegen Epilepsie und Depressionen. Oder sie verschreiben Beruhigungspillen. Alle Medikamente reduzieren den Tiefschlaf und damit das Schlafwandeln.
Die Ursachen des Schlafwandelns sind nicht restlos geklärt. «Wir vermuten, dass beim Schlafwandeln nicht das ganze Hirn schläft», erklärt der Neurologe Johannes Mathis, Leiter am Zentrum für Schlafmedizin im Berner Inselspital. «Wach ist nur jene Hirnregion, die für die Körperbewegungen zuständig ist. Es schlafen hingegen jene Hirnareale, die fürs Gedächtnis und das bewusste Wahrnehmen verantwortlich sind.» Kinder wandeln deshalb viel häufiger im Schlaf als Erwachsene, weil bei ihnen noch nicht alle Hirnareale gleich weit entwickelt sind.
Schlafwandeln kann vererbt werden
Bei Erwachsenen sind oft Stress, Schlafentzug, Alkohol und Kaffee die Auslöser fürs Schlafwandeln. Ausserdem ist Schlafwandeln vererbbar: «In manchen Familien gibt es viel häufiger Schlafwandler als in anderen», hat Claudio Bassetti festgestellt.
Bei Philipp Thomi dauerte das Ganze rund vier Monate. Dann fand er mit Hilfe von Fachleuten die Ursache für das Schlafwandeln: Extreme Stresssituationen im Beruf und der Tod seiner Mutter hatten die nächtlichen Wanderungen ausgelöst. Nach drei Monaten Ferien war der Druck weg - und das Schlafwandeln ebenfalls. Bei P.A. konnten die Ärzte noch keine Lösung finden.
Schliessen Sie sich im Zimmer ein!
- Schlafmangel, unregelmässige Schlafenszeiten, Psychopharmaka und Schlafmittel fördern das Schlafwandeln.
- Wer schlafwandelt, sollte abends Stress, Kaffee und Alkohol meiden.
- Schlafwandler, die aufstehen, sollten im Parterre schlafen, die Zimmertüre mit dem Schlüssel abschliessen und diesen gut verstecken. Sie sollten keine gefährlichen Gegenstände und Gifte (zum Beispiel Medikamente) im Schlafzimmer aufbewahren.
- Schlafwandelnde Kinder nie in ein hohes Bett legen.
- Wecken Sie Schlafwandler nicht auf. Begleiten Sie sie behutsam ins Bett zurück.
- Auf Schlafwandeln spezialisiert sind die Zentren für Schlafmedizin. Infos: Sekretariat der Schweizerischen Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie, Dr. Konrad E. Bloch, Abteilung für Pneumologie, Universitätsspital, Rämistrasse 91, 8091 Zürich, Internet: www.swiss-sleep.ch
16. Februar 2005 | Esther Diener-Morscher
