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Vorbei sind die Zeiten, wo die über 60-Jährigen nur durch Wälder wanderten oder im Turnverein turnten. Immer häufiger ersetzen Snowboard, Inlineskates oder Kletterfinken den Wanderstock.
Es war Ende der Achtzigerjahre, als Fritz Weber in Los Angeles zum ersten Mal Inlineskates sah. «In den Parks fuhren sie einem damit um die Ohren», erinnert sich der 61-Jährige. Zurück in der Schweiz, beschloss er, solche Rollschuhe zu kaufen - «auch wenn ich in den Geschäften der einzige über 18-Jährige war, der sich für die Skates interessierte». Die ersten Fahrversuche - fernab spöttischer Blicke von Nachbarn und Passanten - fielen hart aus. «Ich stürzte vornüber. Mit dem Gleichgewicht und dem Bremsen war das so eine Sache», sagt Weber.
Inzwischen hat Fritz Weber auf den Rollen Hunderte von Kilometern zurückgelegt. Er freut sich auf Ende April, wenn er wieder mit bis zu 8000 anderen an den so genannten Monday Night Skates durch die Zürcher Strassen rollen kann.
Fritz Weber ist kein Einzelfall. Immer häufiger wählen über 60-Jährige Sportarten, die sonst vor allem jüngere Menschen ansprechen: Klettern, Snowboarden, Deltafliegen - Senioren probieren gerne Disziplinen aus, die den Adrenalinspiegel stärker erhöhen als Wandern. Aber eignen sich wirklich alle Sportarten für ältere Leute?
Grundsätzlich ja, sagen Fachleute. Auch wenn das Unfallrisiko bei Senioren höher ist und die Gefahr besteht, sich zu überschätzen. Ein Plus haben die heutigen Senioren gegenüber früheren Generationen: «Viele haben aus jüngeren Jahren bereits Sporterfahrung», sagt Andres Schneider, Beauftragter für Seniorensport beim Bundesamt für Sport. «Deshalb wissen sie - auch über Trendsportarten - besser Bescheid.»
So auch Hans Altrogge. Der 84-Jährige aus Bürglen OW war schon immer sportlich. Früher ritt er, seit 70 Jahren fährt er Ski. Jedes Jahr mietet er die neusten Carving-Ski. Im Sommer steht Schwimmen auf dem Programm, zum Beispiel 40 Minuten im Neoprenanzug über den Lungernsee. Vor einigen Jahren schlug ihm ein Skilehrer vor, einen Snowboardkurs zu besuchen. «Ich hatte ein etwas ungutes Gefühl, auf das ich hätte hören sollen», erinnert sich Altrogge. Er brach sich den Fussknöchel.
«Mit Sport kann man in jedem Alter anfangen»
Ältere Menschen verletzen sich häufiger als junge: Kraft und Ausdauer fehlen, Gleichgewichtssinn und Reaktionsfähigkeit lassen nach. Rolf Ehrsam, Sportmediziner an der Uni Basel: «Es ist deshalb wichtig, dass Muskeln und Koordinationsfähigkeit trainiert sind - besonders bei Trendsportarten.»
Die Seniorenorganisation Pro Senectute empfiehlt dreimal pro Woche Sport. Trendsportarten dürfen laut This Fehrlin durchaus dazugehören: «Solange die Leute Spass daran haben, ist es gut.» Karate zum Beispiel erhöhe das Selbstwertgefühl, ebenso ein erfolgreich besuchter Snowboardkurs. Aber nicht alle Neu- oder Wiedereinsteiger können laut Fehrlin jeden Sport ausüben: «Es braucht eine gewisse Grundkondition, die man sich je nachdem neu erarbeiten muss.»
Besonders wichtig ist laut Fachleuten, dass sich über 60-Jährige sorgfältig einführen lassen, zum Beispiel von speziell ausgebildeten Seniorensportleitern und -leiterinnen. Denn wenn jemand 20 Jahre keinen Sport getrieben hat - und das kommt in diesem Alter häufig vor -, kann der Wiedereinstieg schwierig sein. Seniorensportexperte Andres Schneider: «Sehr viele hören auf, bevor die ersten Fortschritte sicht- oder spürbar sind.»
Dabei braucht es wenig, bis sich erste Erfolge abzeichnen. Eine Studie mit 85- bis 95-Jährigen in einem Pflegeheim zeigt: Nach 12 Wochen à drei Einheiten Krafttraining konnten einige Senioren wieder ohne Stock gehen oder schafften es, die Treppe statt den Lift zu benutzen. Rolf Ehrsam: «Mit Sport kann man in jedem Alter anfangen - auch wenn man ein, zwei Beschwerden hat.»
Wie finde ich die richtige Sportart?
- Fragen Sie Bekannte nach Erfahrungen.
- Machen Sie im Zweifelsfall einen medizinischen Check.
- Fragen Sie den Anbieter oder Ihren Arzt, falls Sie nicht wissen, ob sich ein Sport eignet.
- Erkundigen Sie sich nach Kursen mit ausgebildeten Seniorensportleitern.
- Machen Sie ein Probetraining.
Kursangebote:
- Pro Senectute: www.pro-se nectute.ch, Migros Klubschule: www.migros-klubschule.ch, Schweizer Alpenclub: www. sac-cas.ch
Gesamtübersicht: Bundesamt für Sport, www.baspo.admin.ch unter Ausbildungen, Seniorensport
Hans Martin Meyer, 59, Karate
«Ich begann mit 51 Jahren mit Karate. Heute habe ich den ersten schwarzen Gurt. Der Sport faszinierte mich schon immer, aber ich stieg erst ein, nachdem meine Töchter angefangen hatten. Mit ihnen kann ich natürlich nicht mithalten, obwohl ich jetzt fitter bin als mit 30. Ich trainiere zwei- bis dreimal pro Woche. Der Anfang war sehr schwierig, vor allem der Bewegungsablauf. Aber das hat mich gereizt.»
Bernhard Rehor, 62, Klettern
«Ich klettere jeweils dienstags in einer Halle in Luzern. Es ist ein Seniorenkurs der SAC-Sektion. Wir sind alle zwischen 60 und 79. Die einen haben Klettererfahrung, die anderen nicht. Ich habe mit 50 erste Bergsteigerkurse gemacht. Ich war damals völlig untrainiert. Klettern eignet sich für Senioren - man trainiert Koordination, Gleichgewicht und Muskeln. Zudem folgen auf die Anstrengung immer wieder Ruhepausen.»
Walter Birrer, 95, Skimarathon
«Ich bin gerade zum 32. Mal am Engadiner Skimarathon mitgelaufen. Meine Spitzenzeit von 3 Stunden 50 erreiche ich natürlich nicht mehr. Heute bin ich froh, wenn ich es unter 6 Stunden schaffe. Jetzt macht es mir auch nichts mehr aus, wenn Jüngere und Frauen an mir vorbeiziehen. Den ersten Marathon lief ich mit 60. Ich halte mich mit Velofahren, Langlauf und Wandern fit.»
Josef Wermelinger, 70, Deltafliegen
«Fliegen war mein Bubentraum. Vor 17 Jahren lernte ich dann endlich Gleitschirmfliegen. Später kam ich aufs Deltafliegen. Da fühle ich mich sicherer.
Ich geniesse das lautlose Schweben ohne Motorengeräusch. Ein bisschen fit sollte man für diesen Sport schon sein: Beim Start muss man ziemlich schnell rennen, sonst kommt man nicht vom Boden weg. Derzeit fliege ich nicht: Nach einem Zusammenprall ist mein Delta kaputt.»
16. März 2005 | Claudia Imfeld - cimfeld@pulstipp.ch
