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Etwa ein Viertel der Bevölkerung glaubt, an einer Lebensmittelallergie zu leiden. Die Diagnose ist schwierig. Das Geschäft machen Privatlabors, die fragwürdige Tests anbieten.
Gaumen und Lippen jucken, ein pelziges Gefühl im Mund breitet sich aus: Das sind die Symptome bei Personen, die eine Gemüsesuppe gegessen haben, obwohl sie auf Sellerie allergisch sind. Etwas später sind Bauchschmerzen, Blähungen und ein Nesselausschlag am ganzen Körper mögliche Folgen dieser kulinarischen Sünde.
2 bis 3 Prozent der Erwachsenen leiden an einer Lebensmittelallergie. Umfragen und Studien aus England zeigen aber, dass 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung glaubt, auf gewisse Lebensmittel allergisch zu reagieren. Der Grund für diese massive Fehleinschätzung: «Vor allem Kreise aus der Alternativmedizin zählen auch Müdigkeit, Migräne, Konzentrationsschwäche und Depressionen zu den chronischen Symptomen einer Lebensmittelallergie», sagt Brunello Wüthrich, ehemaliger Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich.
Patienten zahlen viel Geld für Tests, die nichts bringen
Patienten reagieren oft enttäuscht und verzweifelt, wenn der Arzt ihre selbst gestellte Diagnose nicht bestätigt oder die oft chronischen Beschwerden nicht lindern kann. Folge: Sie wenden sich enttäuscht alternativen Methoden zu.
Private Labors füllen diese Lücke nur zu gerne, indem sie Tests anbieten, welche die sogenannten IgG-Antikörper im Blut eines Patienten messen. Diese Antikörper seien für die weniger starken und bedrohlichen Beschwerden einer Lebensmittelallergie verantwortlich, heisst es etwa im Prospekt, den das Labor Ortho-Analytic AG in Rapperswil SG verschickt.
Schulmediziner schütteln nur den Kopf. Brunello Wüthrich: «Das Vorhandensein von IgG-Antikörpern ist völlig normal und bedeutet nur, dass der Körper mit den entsprechenden Stoffen Kontakt hatte. Es ist aber kein Nachweis für eine allergische Reaktion oder eine Unverträglichkeit. Einzig IgE-Antikörper sind entscheidend für die Bestimmung einer Allergie.»
Die Patienten zahlen viel Geld für einen Test, der nichts bringt. «Eine Überprüfung auf 88 Lebensmittel kostet 250 Franken - 480 Franken verlangen wir, wenn 280 Lebensmittel untersucht werden», so Philip Horsch, Geschäftsführer des Labors Ortho-Analytic. Er wehrt sich entschieden gegen den Vorwurf, dass die Tests nutzlos seien: «Studien belegen, dass mit Hilfe dieser Proben in 70 Prozent der Fälle eine bleibende Verbesserung erzielt werden kann.»
Analyse der Proben findet meist im Ausland statt
Abzockerei ist nicht die einzige Kritik, die Mediziner anbringen. Wüthrich: «Die Diätempfehlungen verunsichern Patienten, und sie wissen nicht mehr, was sie essen können.» Noch massiver sind die Vorwürfe des Ärzteverbandes deutscher Allergologen, denn gerade bei Kindern bestünde die Gefahr einer Mangelernährung. Ein krasses Beispiel: Eine Mutter wusste nicht mehr, was sie ihrem Kind zu essen geben sollte. Aufgrund eines IgG-Tests reagierte das Kind angeblich auf 64 verschiedene Lebensmittel allergisch.
Die Schweizerische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie hat bei der Heilmittelbehörde Swissmedic interveniert - doch diese sieht keine Möglichkeit, gegen die Labors vorzugehen. Denn die Blutproben werden in der Regel zur Analyse ins Ausland geschickt, beispielsweise zum Great Smokies Diagnostic Laboratory in North Carolina (USA). Jean-François Sauter von Swissmedic: «Da die Tests im Ausland durchgeführt werden, unterstehen sie nicht dem schweizerischen Recht.»
Das kann Allergien auslösen
- Nahrungsmittel, die bei Kindern häufig Allergien bewirken: Eier, Erdnüsse, Fisch, Kuhmilch, Soja. Erwachsene reagieren oft auf: Äpfel, Baum- und Erdnüsse, Fisch, Karotten, Kuhmilch, Schalentiere, Sellerie.
- Reagiert ein Mensch allergisch auf ein Nahrungsmittel, wehrt sein Immunsystem an sich harmlose Stoffe wie pflanzliche oder tierische Eiweisse ab. Der Körper bildet IgE-Antikörper (Immunglobulin E), die bei jedem weiteren Kontakt eine allergische Reaktion auslösen.
- Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit ist keine Allergie. Auslöser ist nicht eine Immunabwehr, sondern etwa ein Enzymmangel wie bei der Milchunverträglichkeit.
- IgG-Antikörper (Immunglobulin G) sind gemäss Schulmedizin weder an Allergien noch Unverträglichkeiten beteiligt.
16. März 2005 | Silvia Baumgartner
