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Artikel | saldo 5/2005

"Bis auf weiteres harmlos"

Wissenschafter fordern, dass Kinder und Schwangere vor Weichmachern in Medikamenten geschützt werden. Doch in der Schweiz müssen die Stoffe nicht einmal deklariert werden.

Weichmacher kommen fast überall vor - in Kunststoffen, Farben und Kosmetika. Jetzt wurde bekannt: Sogar Medikamente enthalten solche problematischen Substanzen. Untersuchungen der Universität Erlangen (D) ergaben zudem, dass der Mensch höhere Mengen Weichmacher aufnimmt als bisher angenommen (saldo 7/04).


Forderung an die Hersteller: Alternativprodukte ohne DEHP

Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat vor kurzem eine neue Risikobewertung für den Weichmacher DEHP vorgenommen. Die Behörde empfiehlt, Spitalprodukte wie Magensonden, Infusionsschläuche und Blutbeutel, die DEHP enthalten, soweit möglich durch andere zu ersetzen. Gleichzeitig werden die Hersteller aufgefordert, Alternativen mit weniger Risiko zu entwickeln. Anlass zur Besorgnis gaben Tests, die zeigen, dass DEHP die geschlechtliche Entwicklung und die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt.

Nun haben Wissenschafter am Institut für Umwelt- und Arbeitsmedizin in Erlangen einen zweiten Weichmacher ins Visier ihrer Forschungsanstrengungen genommen: DBP; dieser Stoff soll etwas schwächer, aber in ähnlicher Weise wirken wie DEHP.


Für Schwangere oder stillende Mütter problematisch

Auch DBP wird in besonders sensiblen Produkten eingesetzt: in Medikamenten. Für den Erlanger Toxikologen Jürgen Angerer ist klar: «Es besteht Handlungsbedarf.» Kritisch sei die Substanz vor allem für schwangere Frauen, stillende Mütter sowie Kinder. Angerer: «Je früher ein Kind mit diesen beiden Weichmachern in Berührung kommt, desto problematischer.»

In der Schweiz sind nach Auskunft der Heilmittelbehörde Swissmedic gut 50 Präparate zugelassen, die DBP enthalten. Welche das sind, geben die Verantwortlichen nicht bekannt. Sie berufen sich auf das Amtsgeheimnis.

DBP gelte nicht als deklarationspflichtiger Hilfsstoff. «Hilfsstoffe sind im Prinzip und bis auf weiteres harmlos», schreibt Swissmedic.


Auch rezeptfreie Präparate enthalten den Weichmacher

Tatsächlich wird der umstrittene Stoff in der Schweiz im Beipackzettel meist verschwiegen. Anders in Deutschland: Dort geben die Hersteller DBP und weitere Hilfsstoffe immer an.

Nach Auskunft deutscher Apotheken wird der Weichmacher in den verschiedensten Medikamenten eingesetzt - etwa im Anti-Epileptikum Convulex, im Schmerzmittel Diclofenac, in Salofalk gegen Darmerkrankungen und im Herzmedikament Isoptin, das auch Kindern gegen Herzrhythmusstörungen verschrieben wird.

Doch DBP ist auch in frei verkäuflichen Präparaten enthalten wie im Abführmittel Dulcolax oder im Eisenpräparat Tardyferon, das Schwangeren empfohlen wird. Eingesetzt wird DBP in Filmtabletten, die resistent sind gegen Magensaft - den Wirkstoff also erst im Darm freisetzen.


Medizinische Fachinformation gibt keine Auskunft

Toxikologe Jürgen Angerer ist überzeugt, dass die Pharmafirmen DBP problemlos ersetzen könnten. Bis es dereinst so weit ist, haben Patientinnen und Patienten in Deutschland wenigstens bei den rezeptfreien Medikamenten die Wahl. Und sie können sich informieren.

In der Schweiz hingegen fällt es nicht nur den Patienten schwer, sich die Informationen zu beschaffen. Auch die Apotheker müssen Detektivarbeit leisten: Der Stoff DBT wird selbst in der Fachinformation nicht aufgeführt. Bei Fragen von Patienten haben sie also nur die Möglichkeit, sich bei der Herstellerfirma zu erkundigen - oder einen deutschen Kollegen anzurufen.



Häufig eingesetzte Weichmacher

DEHP (Diethylhexylphthalat):
In Kinderspielzeug und Kosmetika darf DEHP innerhalb der EU nicht mehr eingesetzt werden - eine weitere Ausdehnung des Verbots wird diskutiert. In Arzneimitteln wird DEHP nicht eingesetzt.

DBP (Dibutylphthalat): Dieser Weichmacher ist in Medikamenten wie auch in Produkten für die Körperpflege vorhanden.

DEP (Diethylphthalat):
Diese Substanz wird in pharmazeutischen Produkten und Kosmetika eingesetzt; im Vergleich zu DBP und DEHP gilt sie als weniger problematisch.

16. März 2005 | Sigrid Cariola


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